Kultur - Frauen bieten außergewöhnliche Stadtrundgänge an / Touren vorerst ausgesetzt Mit feministischem Blick durch Paris

Von 
Birgit Holzer
Lesedauer: 

Paris. „Mais si, tu es belle“, „Aber doch, du bist schön“, steht auf dem Spiegel, der an einer Straßenmauer hängt, als sei sie eine Badezimmerwand. Wer vorbeigeht, blickt ins eigene Gesicht unter dieser wohltuenden Überschrift. An Frauen wendet sie sich, denn „belle“ ist im Französischen eine weibliche Form. In Paris gibt es einige dieser Spiegel, unter manche hat jemand „Aber doch, du bist intelligent“ gekritzelt, um zu sagen, dass das ein ebenso schönes Kompliment ist. Die meisten Passanten laufen achtlos an diesen Objekten eines unbekannten Künstlers vorbei. Eingeweihte aber entdecken sie ebenso wie viele andere Anspielungen auf die Darstellung von Frauen in öffentlichen Räumen.

Julie Marangé hat vor zwei Jahren „Feminists of Paris“ gegründet. © Holzer

Prostitution im Montmartre-Viertel

AdUnit urban-intext1

In letzter Zeit gibt es immer mehr von ihnen. Da sind die Schablonen-Abbildungen der Streetart-Künstlerin Miss.Tic, die Frauen als Sex-Objekte in aufreizenden Posen zeigen. Wie als Antwort darauf bringt der Künstler Mass Toc Bilder von üppigen Frauen, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, an Mauern an. Im Montmartre-Viertel, wo die rote Mühle des Kabaretts „Moulin Rouge“ steht, befinden sich besonders viele dieser für Feministinnen interessanten Spuren, und deshalb hat Julie Marangé den Treffpunkt hier am „Theater der Neuen Eva“ vorgeschlagen. Gemeinsam mit einer Studienfreundin gründete die 24-Jährige vor zwei Jahren ihr Unternehmen „Feminists of Paris“, das Stadtrundgänge mit feministischem Blickwinkel anbietet. „Uns interessieren die Themen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Wir arbeiten die Touren aus, lesen uns alles an“, erklärt die junge Frau. Inzwischen gibt es sieben Führerinnen. Es ist ein Samstag in Paris und zu diesem Zeitpunkt erscheinen die Auswirkungen, zu denen das Coronavirus Wochen später führen sollte, unvorstellbar. Seit Beginn der Ausgangssperre in Frankreich Mitte März wurden die feministischen Stadtführungen ausgesetzt. So wie die anderen touristischen Angebote hoffen sie auf eine Wiederaufnahme bis zum Sommer.

An diesem Nachmittag aber spricht Julie Marangé über das Vergnügungsviertel um Pigalle, das als historische Gegend der Sex-Industrie gilt. „Vor 1848 gehörte dieser Teil nicht zu Paris. Die Kontrollen waren weniger streng, der Alkoholausschank billiger, und so entstanden die Kabaretts“, erzählt Marangé. Das Montmartre-Viertel inspirierte auch Künstler von Auguste Renoir bis Henri de Toulouse-Lautrec. Weil Bordelle seit Napoleon, der seine Soldaten vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen wollte, besser kontrolliert wurden als anderswo, galt Frankreich im 19. Jahrhundert als „Puff Europas“. Und obwohl das Land seit 2016 die Prostitution offiziell verbietet, existiert diese weiter – auch in dieser Gegend.

Weiter geht es über den Boulevard de Clichy, seit den 1960er Jahren Hauptstraße der Pariser Sex-Shops: Störten sich die Feministinnen im Mai 1968 an dieser Vermarktung des weiblichen Körpers, so befürworten viele ihrer Erbinnen heute feministische Pornografie. Weibliches Selbstbewusstsein untermauert auch die Künstlerin Intra Larue, die bunte Brüste an etlichen Stellen in der Stadt aufklebt. Seit immer mehr Passanten diese mitnahmen, veränderte sie das Material so, dass die Kunstwerke beim Versuch, sie von den Mauern zu entfernen, zerbrachen. Die Botschaft: Meine Brüste gehören dir nicht. So beschreibt es Marangé und weist auf ein Graffiti hin: „Sie verlässt ihn, er tötet sie“. Eine Aufschrift, die vor Gewalt warnt.

Schwierige Figur

AdUnit urban-intext2

Mit schnellem Schritt geht die junge Frau voran, um all die Geschichten, anzubringen. Von Revolutionärinnen oder Widerstandskämpferinnen, die eine wichtige Rolle spielten, nach denen aber kaum Namen oder Plätze benannt wurden. Nur zehn Prozent der Statuen in Paris bilden Frauen ab, die meisten davon Johanna von Orléans. Ein Exemplar thront über dem Eingang der Basilika Sacré-Coeur, dem Endpunkt der Führung. „Für Feministinnen ist sie eine schwierige Figur, da sie als Kämpferin in die Rolle eines Mannes geschlüpft war“, sagt Marangé. Ihre Weiblichkeit erkenne nur, wer genauer hinsieht. Und der entdeckt plötzlich noch viel mehr.

Mehr zum Thema

Coronavirus l Paris – eine Metropole im Dornröschenschlaf

Veröffentlicht
Von
Birgit Holzer
Mehr erfahren

Korrespondent