Wohltätigkeit - Nach ihrer Rekordscheidung ist Amazon-Chef Jeff Bezos’ Ex-Frau die größte Mäzenin der USA. MacKenzie Scott verschenkt Milliarden für gute Zwecke

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Jonas Erlenkämper
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Seit ihrer Scheidung von Amazon-Gründer Jeff Bezos (l.) hat MacKenzie Scott 2020 nach eigenen Angaben sechs Milliarden Dollar gespendet. © dpa

Seattle/Berlin. Das Geld kommt mit Vorwarnung. Plötzlich ploppt bei den Empfängern eine Mail im Postfach auf, in der ein Mitarbeiter der großen Philanthropin ankündigt, dass MacKenzie Scott, eine der reichsten Frauen der Welt, in Kürze einen hohen Betrag überweisen werde. In manchen der wohltätigen Organisationen sollen sie zunächst an einen Scherz geglaubt haben – bis das Geld tatsächlich auf dem Konto einging. „Ich war fassungslos“, staunte die Präsidentin einer überwiegend von Afroamerikanern besuchten Universität in Texas gegenüber der „New York Times“, nachdem die Frau erfahren hatte, dass Scott ihr 50 Millionen Dollar überlassen würde – die größte Spende, die die Universität je erhalten hat.

Größte Stiftung der Welt

Die Bill & Melinda Gates Foundation ist eine von Microsoft-Mitbegründer Bill Gates und seiner Frau Melinda Gates gegründete Stiftung.

Sie ist mit Einlagen von knapp 46,8 Milliarden US-Dollar die größte private Stiftung der Welt vor dem britischen Wellcome Trust und der Open Society Foundations von George Soros.

Ihre Ziele sind insbesondere die weltweite Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Bekämpfung von extremer Armut sowie ein besserer Zugang zu Bildung und Informationstechnologie.

Schwerpunkt ist der Kampf gegen Malaria sowie Kinderlähmung.

38 Milliarden Dollar in Aktien

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50 Millionen hier, 40 Millionen dort: MacKenzie Scott (50), die steinreiche frühere Frau von Amazon-Chef Jeff Bezos (57), profiliert sich in den USA als einflussreiche Wohltäterin. Ihr Engagement ist beispiellos. 2020 hat die Kalifornierin nach eigenen Angaben knapp sechs Milliarden Dollar an Tafeln, Migranten-Initiativen, finanzknappe Colleges und viele andere von der Pandemie betroffene Einrichtungen gespendet. Sechs Milliarden! Man darf einwenden, dass sie es sich erlauben kann: 2019 machte Bezos, der als reichster Mensch des Planeten gilt, eine Affäre mit der TV-Moderatorin Lauren Sánchez (51) öffentlich – das Ehepaar ließ sich nach über 25 Jahren scheiden. Scott erhielt 38 Milliarden Dollar in Amazon-Aktien. So wurde die Schriftstellerin, die die damalige Online-Buchhandlung Amazon in den 1990er-Jahren zusammen mit Jeff Bezos aufgebaut hatte, zur Multi-Milliardärin.

„Bis der Tresor leer ist“

Was würde sie mit diesem unvorstellbaren Reichtum anfangen? Zwei Jahre später zeichnet sich ab: Sie haut das Geld mit beiden Händen für die gute Sache raus. Und zwar, „bis der Tresor leer ist“ – so hat sie es selbst erklärt, als sie ihre Teilnahme an der Initiative The Giving Pledge ankündigte, bei der sich Superreiche dazu verpflichten, mindestens die Hälfte ihres Vermögens gemeinnützigen Zwecken zukommen zu lassen. „Ich habe eine unverhältnismäßig große Menge an Geld zu teilen.“

Mit ihrer Spendierfreude mausert sich die Mutter von drei Söhnen und einer Adoptivtochter zum Gegenentwurf ihres Ex-Manns. Der lebt gerne auf großem Fuß, hat sich in den letzten Jahren Villen und Wohnhäuser in Washington, D. C., Beverly Hills und New York geleistet. Sein ohnehin beeindruckendes Vermögen wuchs in der Corona-Krise Schätzungen zufolge um nahezu 80 Prozent. Im vergangenen Jahr spendete Bezos zwar zehn Milliarden Dollar für den Kampf gegen den Klimawandel und noch mehr für andere Zwecke. Doch gemessen an seinen finanziellen Möglichkeiten fielen seine Zuwendungen eher übersichtlich aus. In den USA ist die Begeisterung über die noble Misses Scott umso größer. „Ich hoffe“, sagt Phil Buchanan, Leiter des Center for Effective Philanthropy, das Stiftungen und Spender berät, „dass die Summen, die sie auf den Tisch legt, und ihre Absicht, dies auch weiterhin zu tun, ein Tritt in den Hintern jener ist, die auf einem enormen Reichtum sitzen – zu einer Zeit unglaublicher Herausforderungen und riesiger Not“.

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Spenden gehören für viele Superreiche zum guten Ton, die meisten knüpfen ihre Zuwendungen jedoch an knallharte Auflagen. Die Bill & Melinda Gates Foundation etwa, die größte Privatstiftung der Welt, versteht sich nicht als reiner Geldverteiler, sondern setzt den Empfängern strategische Ziele und verfolgt genau, ob die Organisationen sie erfüllen. MacKenzie Scott hingegen will den Einrichtungen ausdrücklich „maximale Flexibilität“ einräumen. Wie sie das Geld verwenden, bleibt ihnen überlassen. Das entlastet die Empfänger von Bürokratie. Scott verlangt nicht einmal, dass ihr Name auf irgendeinem Gebäude verewigt wird. Sie wolle „systemische Ungleichheit“ bekämpfen, schreibt sie in einem Blog.

Wird sie wirklich ihr gesamtes Vermögen abgeben? Scott, die zwei von der Kritik freundlich aufgenommene Romane veröffentlicht hat, zieht eine Parallele zur Literatur. Sie habe einmal gelesen, beim Schreiben sollten die besten Ideen nicht für spätere Kapitel aufgehoben, sondern sofort verwendet werden. Alles muss raus – ihre Mitarbeiter dürften weitere überraschende Mails verschicken.