Gesellschaft - Tschechische Initiative spürt leerstehende Häuser auf und macht sie öffentlich – im Internet und bei Führungen durch Prag Kampf gegen den Verfall

Von 
Kilian Kirchgeßner
Lesedauer: 
Peter Zeman, Mitbegründer der Initiative „Leere Häuser“, steht vor einem leerstehenden Haus im Prager Barrandov Viertel. © epd

Prag. Der Treffpunkt liegt oben auf einer Anhöhe einige Kilometer entfernt vom Prager Zentrum. Barrandov heißt das Viertel, eine gepflegte Wohnlage. Inmitten einer Menschentraube steht Petr Zeman, einer der Gründer der Initiative „Leere Häuser“. „Willkommen zu unserem Rundgang“, ruft er, „wir begeben uns jetzt zwei Stunden lang auf die Spuren von leerstehenden Häusern und architektonischen Schätzen.“

Datenbank zu Häusern

Die Prager Initiative „Leere Häuser“ hat eine Webseite erstellt, auf der sie leerstehende Häuser kartiert.

Am Anfang ging es nur um Prag, mittlerweile ist ganz Tschechien erfasst.

Rund 6000 Objekte sind in der Datenbank; manche von ihnen schwer vernachlässigt, andere nur leicht renovierungsbedürftig, aber alle seit Jahren leerstehend.

Weitere Informationen sowie Einsicht in die Datenbank (auf Tschechisch) unter: https://bit.ly/36d8xbW epd

AdUnit urban-intext1

Es ist ein Sozialprojekt der ganz besonderen Art, an dem die Spaziergänger hier teilnehmen: „Wir haben immer wieder leerstehende Häuser gesehen und hielten das für unmoralisch“, erinnert sich Zeman an die Entstehung des Vereins vor rund fünf Jahren: „Es herrscht hier in ganz Prag eine große Wohnungskrise, und dann gibt es etliche Häuser, in denen niemand wohnt.“ Manche von ihnen werden von Obdachlosen genutzt, die meisten aber sind komplett ohne Verwendung.

Zeman heftet sich mit seinen Mitstreitern auf die Spur der Leerstände. Um das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken, veranstalten sie Spaziergänge wie jenen hier in Barrandov. So wollen sie den öffentlichen Druck erhöhen, damit endlich etwas damit geschieht und wieder Wohnraum geschaffen wird.

Bei einigen Objekten hat das seit Bestehen der Initiative geklappt: Sie sind inzwischen renoviert und wieder bewohnt. Andere – solche ohne Denkmalwert – sind abgerissen worden und haben neuen Bauprojekten Platz gemacht.

Gewaltige Nachfrage

AdUnit urban-intext2

„Wo wir jetzt stehen, hier in Barrandov, ist ein ganz besonderer Ort“, erklärt Zeman seinen Zuhörern. Die Geschichte des Viertels hänge eng mit der Familie des früheren Präsidenten Vaclav Havel zusammen. Dessen Vater gründete das Stadtviertel einst als visionäres Projekt. „Er kam von einer Reise aus Amerika zurück und war fasziniert von den dortigen Villenvierteln. So etwas wollte er in Prag auch bauen: Ein Viertel, in dem die Stars wohnen.“

Von einer Adelsfamilie kaufte Havel Anfang des 20. Jahrhunderts einen ganzen Berg in der Nähe des Prager Zentrums mit einer eindrucksvollen Aussicht über die Moldau. Hier wollte er sein Projekt realisieren. „Es gab keine Zufahrtsstraße, keine Erschließung, nichts. Das musste er also anlegen, sehr kompliziert mit vielen Serpentinen, alles sehr kostspielig.“ Das war die Geburtsstunde des Viertels, das damals am Rand der Stadt lag und heute mittendrin im urbanen und dicht bebauten Gebiet ist.

AdUnit urban-intext3

Die Gruppe setzt sich in Bewegung, es geht vorbei an Häusern aus den 1930er und 1940er Jahren. Petr Zeman zeigt auf eine der Villen. „Sie steht seit 20 Jahren leer. Der Besitzer kommt ab und an vorbei, bringt ein bisschen den Garten in Ordnung und fährt dann wieder ab.“ In vielen Stadtvierteln bietet er mit seinen Mitstreitern solche Spaziergänge an. „Die Nachfrage ist gewaltig“, sagt er.

AdUnit urban-intext4

Und woran liegt es nun, dass so viele Häuser leer stehen? Petr Zeman denkt kurz nach. „Wir dachten am Anfang, das hänge mit dem Denkmalschutz zusammen: Ein Investor will lieber etwas Neues bauen, darf das aber nicht und wartet also, bis das alte Haus zusammenfällt. Solche Fälle gibt es natürlich auch, aber in den allermeisten Fällen liegt der Leerstand an Erbstreitigkeiten.“ Hochkomplexe und langwierige Gerichtsverfahren kämen dann dazu.

Audio-Reiseführer erhältlich

Um die Situation zu verbessern, gebe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man sei reich, kaufe die Häuser auf und stelle sie wieder her. „Aber keiner von uns hat so viel Geld, also müssen wir unsere Ziele durch viel Arbeit erreichen“, sagt Zeman. Seine Initiative hat unter anderem eine detaillierte Webseite erstellt, auf der sie leerstehende Häuser kartiert. Etliche Hinweise auf leere Häuser gingen jeden Monat bei ihnen ein.

„Wir reihen sie in unsere Datenbank ein und fangen dann an, mehr über die Objekte herauszufinden. Außerhalb Prags handelt es sich oft um alte Fabrikantenvillen. Da stecken interessante Geschichten dahinter. Wir stellen dann zum Beispiel Audio-Reiseführer zu diesen Orten zusammen – einfach, damit man über sie anfängt zu sprechen.“ Wenn ein Haus mal im Gespräch ist, das haben sie hier in Prag oft erfahren, dann findet sich bisweilen auch zügig eine gute Lösung. epd