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Prozess - Im Missbrauchskomplex Münster müssen die Angeklagten für lange Zeit in Haft / Anschließende Sicherungsverwahrung

Jenseits des Vorstellbaren

Von 
Florentine Dame, Carsten Linnhoff
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Münster. Es ist auch das wiederkehrende Grinsen im Gesicht des Hauptangeklagten in einem der größten Prozesse um Kindesmissbrauch der vergangenen Jahre, das den Richter des Landgerichts Münster um Fassung ringen lässt. „Im Grunde dürfen Sie nie mehr raus“, sagt der Beisitzer zu dem 28-Jährigen vor ihm auf der Anklagebank.

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Der Mann, der als Schlüsselfigur in dem Tatkomplex gilt, habe Existenzen vernichtet, die seiner Opfer und solche aus seinem Umfeld. Wären er und die drei weiteren angeklagten Männer nicht vor gut einem Jahr verhaftet worden, sie hätten weiter Kindern schwerste Gewalt angetan, ist er überzeugt. All das, nehme er „einfach grinsend zur Kenntnis“, hält ihm der Beisitzende Richter sichtlich erschüttert vor. Er hatte zum Ende der knapp zweistündigen Urteilsverkündung vom Vorsitzenden Richter übernommen, sich noch einmal nachdrücklich an die Angeklagten gewandt. „Es ist unfassbar“, wiederholt er immer wieder.

Gerade ist Adrian V. zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren verurteilt worden – mit anschließender Sicherungsverwahrung. Das Gericht hat keine Zweifel: Er hat unzählige Male Kinder vergewaltigt, meist seinen eigenen Ziehsohn. Im Internet suchte und fand er andere Pädokriminelle, verabredete sich mit ihnen zum gemeinsamen Missbrauch des heute elfjährigen Sohnes seiner Lebensgefährtin und weiterer Opfer.

Selbst Berufsrichter geschockt

Drei Täter – ein 31-Jähriger aus Staufenberg in Hessen, ein 36-Jähriger aus Hannover sowie ein 43-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg – müssen für zehn bis zwölf Jahre in Haft und sollen ebenfalls in Sicherungsverwahrung. Weil sie die Missbrauchstaten ihres Sohnes und seiner pädokriminellen Freunde deckte, schicken die Richter die Mutter des 28-jährigen IT-Technikers wegen Beihilfe fünf Jahre in Haft.

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Mehr als 50 Verhandlungstage liegen hinter der Großen Strafkammer. Was im Prozess, der zu weiten Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, zu Tage kam, sprengte selbst für Berufsrichter die „Grenzen des Vorstellbaren bei weitem“, sagt der Vorsitzende am Dienstag. Dabei sei offen gelegt worden, wie pädophile Täter agierten. „Sie täuschen, sie lügen, sie manipulieren“. Und im Fall der nun verurteilten Deutschen handelten sie mit einer abgebrühten Selbstverständlichkeit, die erschaudern lässt.

Der Richter nennt es „absolut verstörend“, wie die Männer grausamste Gewalttaten „ohne jeden Skrupel“ verübten. Insbesondere die lückenlose Videoaufzeichnung dokumentiere, wie „rücksichtslos und mitleidslos“ sie vorgegangen seien. Die vier Männer verbrachten im März 2020 ein gemeinsames Wochenende in der Gartenlaube der 46-jährigen Mutter von V., um zwei Kinder zu missbrauchen.

Über drei Tage hinweg wurden hier der Ziehsohn sowie der damals fünf Jahre alte Sohn des Hessen auf brutale Weise wiederholt und über Stunden vergewaltigt. Zwischendrin habe man sie außerdem betäubt –mit einem toxischen Lösungsmittel, das die Gefahr von Herz- oder Atemstillständen mit sich bringe, so der Richter. Die Gesprächsfetzen aus dem Video, die er ausschnitthaft wiedergibt, verstärken den Eindruck, dass die Täter sich enthemmt und ohne Schuldbewusstsein an den Kindern vergingen. „Bedient euch“, sagt einer. „Das Buffet ist eröffnet“, entgegnet der andere.

Besonders schockierend auch für die Richter: „Es hat den Anschein, als sei schwerer sexueller Missbrauch der traurige Alltag dieser Kinder gewesen.“ Insbesondere im Frühjahr 2020, als sie wegen des Lockdowns nicht in die Schule konnten, habe die Handlungsdichte zugenommen. Die Einzeltaten an zahlreichen Tatorten sind laut Gericht „nur die Spitze des Eisbergs“, insbesondere in Bezug auf den 28-Jährigen. Ausgehend von den Ermittlungen gegen ihn gibt es mehr als 50 Tatverdächtige in Deutschland und dem Ausland, mehr als 30 sitzen in Haft.

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Auch Mutter verurteilt

Keinen Zweifel haben die Richter an der Rolle der mitangeklagten Mutter des Haupttäters. Ihr Anwalt hatte auf Freispruch plädiert, doch Chatprotokolle und Dialoge mit den Angeklagten beweisen, dass sie nicht nur von der „tief verwurzelten Pädophilie ihres Sohnes“, sondern auch vom schweren Missbrauch wusste. Weil sie den Männern einen schützenden Raum zur Verfügung stellte, verhängten die Richter wegen Beihilfe eine Haftstrafe von fünf Jahren. dpa

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