Bahn - Intercity entgleist vor dem Hauptbahnhof Stuttgart und reißt die Oberleitungen mit / Metall-Träger umgeknickt "In diesem Moment war Stille"

Von 
Nico Andel
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Stuttgart/Mannheim. Es ist gespenstisch. Mitten in Stuttgart entgleist ein Intercity, fast auf den Meter genau dort, wo Ende Juli ein IC aus den Schienen sprang. Einen "kräftigen Ruck" spüren die Fahrgäste des IC 2312, wenige Minuten, nachdem ihr Zug am Samstag um 11.38 Uhr den Hauptbahnhof verlassen hat. Dann stürzt auf beiden Seiten der Waggons die Oberleitung herab.

Oberleitungen liegen in Stuttgart auf dem entgleisten Intercity.

© dpa
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"In diesem Moment war Stille im Abteil", sagt eine Frau aus dem verunglückten Fernzug nach Hamburg-Altona. 200 Fahrgäste sind gefangen - und das über 90 Minuten. Die Einsatzkräfte wissen zuerst nicht, ob der Zug unter Strom steht.

August 2012: In Berlin entgleist eine S-Bahn. Fünf Fahrgäste ...

August 2012: In Berlin entgleist eine S-Bahn. Fünf Fahrgäste werden verletzt.

Juli 2012: Am Stuttgarter Hauptbahnhof springen zwei hintere Waggons eines Intercity und die schiebende Lok an einer Weiche aus den Schienen. Verletzt wird niemand.

April 2012: Eine Regionalbahn stößt bei Offenbach mit einem Baukran-Zug zusammen und entgleist. Drei Menschen werden getötet, 13 verletzt.

Januar 2012: Ein Regionalzug rast in Nordfriesland in eine Rinderherde und kippt um. Ein Fahrgast kommt ums Leben.

Strom abgeschaltet

Gleis Nummer 10 wirkt auf diesem Abschnitt, als hätte ein Orkan hindurchgefegt: Der Schnellzug riss die Oberleitung mit sich, und die schweren Metall-Träger knickten ein wie Streichhölzer. Ein Träger krachte auf den Triebwagen.

Im Inneren der hinteren Waggons kommt Unruhe auf. "Wir sahen die Oberleitungen herunterkommen", erinnert sich ein Passagier. Eine erste beschwichtigende Durchsage des Bahn-Personals. Die Türen werden elektrisch verschlossen, bis der Zug gesichert ist und Rettungskräfte kommen, heißt es. Reisebegleiter der Bahn servieren Getränke und bereiten die Fahrgäste auf die Räumung vor. Doch das dauert.

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Wenige hundert Meter weiter, in der Bahnhofszentrale, schalten Techniker schließlich den Strom auf den Oberleitungen ab - damit ruht der Schienenverkehr auf allen Gleisen. Der ganze Intercity hätte schließlich unter Strom stehen können. Auch die 50 Feuerwehrleute und 20 Rettungskräfte müssen warten, bis die Oberleitung gesichert ist.

Die Helfer der Feuerwehr legen Rampen an die Türen des IC-Zuges und transportieren Verletzte mit der Drehleiter über die nahe Brüstung in die Grube einer Baustelle hinab. Dort werden sie von Ambulanzen empfangen. Die Bilanz des Zugunfalls: sieben Verletzte im IC. Zwischenzeitlich war von acht Verletzten die Rede gewesen. Auch manche Nahverkehrsreisende waren wegen des Vorfalls in ihren Zügen eingesperrt. Einige Fahrgäste von S-Bahnen und Regionalzügen versuchten auf eigene Faust, sich zu befreien.

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Viele Gegner des Milliardenprojekts Stuttgart 21 kamen wegen des Unfalls zu spät zu der Demonstration gegen den Tiefbahnhof. Die Bahn habe es "nicht im Griff" und gefährde die Reisenden, wettert ein Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21.

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Jedenfalls bleibt der Bahnverkehr noch mehrere Tage gestört. Ein Bahnsprecher sagte gestern, die Fernzüge aus Richtung München und Ulm müssten den Hauptbahnhof Stuttgart weiter umfahren. Reisende in Richtung Mannheim könnten in Esslingen oder Vaihingen/Enz zusteigen. Im Mannheimer Hauptbahnhof sind die Auswirkungen nach Bahnangaben "gering". Züge aus der Quadratestadt würden wie gewohnt in den Stuttgarter Hauptbahnhof einfahren.