Fernsehen - 47-Jährige stand mit „Germany’s Next Topmodel“ oft wegen genormter Körpern in der Kritik – nun zählt mehr Vielfalt Heidi Klum hätte es gerne noch bunter

Von 
Oliver Stöwing
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Berlin. Es hat wirklich niemand ernsthaft geglaubt, Heidi Klum ließe sich durch eine Pandemie aufhalten. Tatsächlich zieht sie es durch und sucht wieder „Germany’s Next Topmodel“. Am 4. Februar startet auf ProSieben die 16. Staffel. Gedreht wurde statt in Los Angeles in Berlin. „Viermal in der Woche haben uns Ärzte getestet“, sagt die 47-Jährige bei einer virtuellen Pressekonferenz. Trotzdem sei immer Abstand gehalten und gelüftet worden, und einen Abstecher in die Heimat nach Bergisch Gladbach verkniff sie sich auch. „Das ist ja ein bisschen weiter weg als 15 Kilometer.“ Klum hat ihre Hausaufgaben gemacht.

Heidi Klum wünscht sich mehr Vielfalt bei Models – auch Ältere sind willkommen. © dpa

Bewegende Geschichten

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Ebenso beflissen befolgt sie das Zeitgeist-Gebot der Stunde: Vielfalt, oder, wie es in der der Modebranche heißt, „Diversity“. Jahrelang wurde Klum vorgeworfen, mit ihrer Sendung den Ausnahmekörper zur Norm zu erheben und Essstörungen zu forcieren. Jetzt ist alles möglich, solange man nur „Personality“ hat: „Anders sein heißt nicht schlechter sein.“

Unter den 31 Kandidatinnen sind farbige Frauen, eine Transfrau, eine Plus-Size-Frau. Eine Kandidatin misst nur 1,53 Meter, und eine Altersgrenze gibt es auch nicht mehr. Klum beteuert, dass sie es gerne noch bunter gehabt hätte. „Wir müssen ja mit dem arbeiten, was wir an Bewerbungen bekommen“, sagt sie. „Ich hätte gerne noch mehr ältere Kandidatinnen, die müssen nur auch kommen. Und Models mit Behinderungen sehen wir immer noch zu wenige.“

Tatsächlich bewegen die Geschichten der diesjährigen Kandidatinnen. In der ersten Folge wähnt man sich einmal kurz in der Tagesschau – Kriegsszenen aus Syrien. Hier ist Soulin (20) aus Hamburg aufgewachsen. Mit elf Jahren flüchtete sie mit ihrer Familie in die Türkei, 2015 kam sie nach Deutschland. „Nach anderthalb Jahren sagten mir die Lehrer, ich könne kein Abitur machen, mein Deutsch sei zu schlecht“, erzählt sie. Sie bewies das Gegenteil. „Sie spricht jetzt besser Deutsch als ich, und ich bin hier geboren“, sagt Klum anerkennend.

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Maria (21) aus Flensburg ist gehörlos. Klums Tochter Leni, ebenfalls Model, lernt Gebärdensprache und probt mit ihr Sätze wie „Ich mag dich.“ Chanel (20) aus Oer-Erkenschwick wiederum hat einen Namen, mit dem man eigentlich Model werden muss. Doch sie hat Narben an Arm und Bein: Als sie acht war, griffen nach einer falsch diagnostizierten Darmkrankheit Bakterien ihren ganzen Körper an. Sie wäre fast gestorben, musste sich Haut transplantieren lassen. „Ich gehe da sonst gar nicht so offen mit um, das möchte ich hiermit ändern“, sagt sie.

Die Vielfalt in dieser Staffel ist also tatsächlich konsequent. Aber gibt der Markt das her – gibt es genügend Jobs für diese besonderen Models? Es sei natürlich eine Sache von Angebot und Nachfrage, gibt Klum zu. „Wir haben aber reale Kunden, zu denen wir die Kandidatinnen geschickt haben, und sie kamen mega an.“ Ein Kunde, der noch nie ein sogenanntes Curvy Model gebucht habe, sei beispielsweise sofort hingerissen gewesen von Dascha (20) aus Solingen. „Wir sind auf dem richtigen Weg. Ich wollte die Tür gerne weiter aufmachen. Wir müssen das noch mehr pushen und fördern und dann schauen wir, was passiert.“ Die Sehgewohnheiten müssten sich dazu noch mehr ändern, etwa, dass Models bei einer Modenschau unterschiedlich groß sein können.

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Dann aber werden die üblichen Absatzprobleme gezeigt: Kandidatinnen, die vor den strengen Augen der Chefin erstmals über den Laufsteg gehen und an ihren High Heels scheitern. Sie stolpern, straucheln, stürzen. Es die gibt die üblichen Tränen und Klum verweist wie üblich auf das Leistungsprinzip: „Ich will testen, ob die Mädchen genug Biss und Willen haben, an die Spitze zu gehen.“

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Da würde man sich wünschen, die jungen Frauen würden andere Fähigkeiten trainieren als die, auf Stöckeln zu laufen und dabei auf vermarktbare Weise mit den Hüften zu schwingen. Vielleicht wird ja irgendwann im Fernsehen Deutschlands nächste Astronautin oder Deutschlands nächste Top-Mathematikerin gesucht.