„Es fühlt sich so surreal an“

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dpa
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Tausende hat es am ersten Maiwochenende in die Clubs im britischen Liverpool gezogen. © dpa

Tausende Menschen, dicht gedrängt, tanzend und sich in den Armen liegend. An den meisten Orten ist das wegen der Corona-Pandemie noch immer unvorstellbar – nicht jedoch in Liverpool.

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Wummernde Bässe, blinkende Scheinwerfer, tanzende Menschen, dicht an dicht gedrängt, jubelnd und strahlend. Was für den Party-Veranstalter Sam Newson einmal Alltag war, treibt ihm nach mehr als einem Jahr Pandemie die Tränen in die Augen. „Ich kann es nicht leugnen, es ist sehr emotional“, sagt Newson im Bramley-Moore-Dock-Lagerhaus in Liverpool im Gespräch mit der Nachrichtenagentur PA. Für rund 6000 Menschen ist am Wochenende dort das Realität geworden, wovon viele in aller Welt noch träumen müssen: eine durchtanzte Nacht im Club – ohne Abstand, ohne Maske.

„Es fühlt sich so surreal an“, sagt DJane Jayda G, die zum ersten Mal seit Monaten wieder vor einer Menschenmasse auflegte, in einem Bericht der BBC. „Ich bin reingegangen und dachte, oh mein Gott, da sind Menschen und sie sind zusammen und sie tanzen und lächeln, und das passiert wirklich.“ Auch viele Besucher können kaum fassen, wie ihnen geschieht. Sie habe seit drei Wochen ihr Outfit vorbereitet, erzählt eine junge Frau dem Sender. „Es ist großartig, aber auch merkwürdig“, sagt eine andere. „Das ist der beste Tag meines Lebens“, schreit eine dritte ins Mikrofon.

Raves und Partys fanden in den vergangenen Monaten, wenn überhaupt, vereinzelt illegal in Industriegebieten oder abgelegenen Brachen statt. Doch die Clubnächte in Liverpool, bei denen für Freitag und Samstag jeweils 3000 Feierwütige aus der Region ein Ticket ergattern konnten, sind offiziell von der britischen Regierung erlaubt – und sogar gewünscht. Denn sie alle sind Teil eines Pilotprojekts, mit dem erforscht werden soll, wie solche Großveranstaltungen in Zeiten der abflauenden Corona-Pandemie wieder stattfinden können. „Auch wenn es so aussieht, als würden wir zum normalen Leben zurückkehren, sind dies wissenschaftsgeleitete Veranstaltungen, mit denen wir wertvolle Erkenntnisse sammeln“, so Kulturminister Oliver Dowden am Samstag.

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Tests als Erfolgsrezept

Der Schlüssel zum Erfolg – so hoffen es Veranstalter und Regierung – ist konsequentes Testen: Alle Anwesenden müssen vor dem Einlass einen maximal 24 Stunden alten negativen Corona-Test vorweisen und sollen fünf Tage nach dem Event einen weiteren Test machen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen außerdem untersuchen, inwieweit sich Luftqualität und die Bewegung von Menschenmassen auf die Virus-Gefahr auswirkt.

„Wir testen eine Reihe von Orten, Veranstaltungsarten und Systeme, um den sichersten Weg zu finden, um die Massen wieder willkommen zu heißen“, erklärt Minister Dowden. Zu dem Forschungsprojekt gehört auch ein erstes Livekonzert der Indie-Band Blossoms, auf das sich 5000 Musikfans am Sonntag in Liverpool freuen konnten. „Das ist wie Weihnachten“, freute sich Blossoms-Gitarrist Josh Dewhurst schon vorab im Interview. Auch das Finale des FA Cups wird mit Tausenden Fans auf den Rängen zu der Testreihe gehören.

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Während viele neidische Augen sich nach Liverpool richten, warnt die Regierung allerdings vor vorschnellen Schlüssen: „Wir haben gute Fortschritte gemacht, aber immer klar gesagt, dass die Entscheidungen über Lockerungen von Daten geleitet sein werden“, so Dowden. Momentan ist die Infektionslage in Großbritannien stabil. Wenn es so bleibt, heißt es, könnten solche Massenveranstaltungen wie die am Wochenende in England ab 21. Juni wieder Alltag werden. dpa

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