Justiz - Sieben Jahre nach seiner Entlassung spricht Gustl Mollath über sein Schicksal und die Zeit in der Psychiatrie / Anwalt schreibt Buch „Das gefährliche Monster“

Von 
Oliver Stöwing
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Berlin. Mit einer Topfpflanze in der Hand stand Gustl Mollath 2013 vor der psychiatrischen Klinik in Bayreuth, ein Schulfreund holte ihn ab, Journalisten folgten ihm auf dem Weg zum Wagen. Siebeneinhalb Jahre war er „eingekerkert“ in verschiedenen „Anstalten“, wie er es ausdrückt. Bis zum Tag seiner Entlassung empfand er das System der Psychiatrie, das Verirrte doch zurück auf den Weg führen soll, als zerstörerisch und unmenschlich. „Bis zum letzten Tag war ich für die das gefährliche Monster“, sagt Deutschlands wohl bekanntester Psychiatrie-Patient am Telefon. „Ich wurde allein deswegen von einem Tag auf den anderen auf die Straße gespuckt, weil der Druck der Öffentlichkeit zu groß geworden war. Man wollte mich schnell loswerden. Dass ich nicht einmal eine Unterkunft hatte, war denen egal.“

Gustl Mollath 2019 bei einer Pressekonferenz. © dpa
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Sieben Jahre nach der Entlassung hat der Jurist Wilhelm Schlötterer, der Mollath damals zur Seite stand, ein Buch geschrieben, „Der Fall Mollath“. Ein Buch mit einer nuancenfreien Haltung, nach dessen Lektüre man glaubt, über Putins Russland und nicht über den Freistaat Bayern gelesen zu haben. Es ist ein unübersichtlicher Fall mit vielen Wahrheiten und vielen Ungereimtheiten. Er begann, als der Nürnberger Auto-Restaurateur seine Frau, Bankerin bei der Hypovereinsbank, nach der Trennung bezichtigt, Schwarzgelder in die Schweiz zu verschieben. Seine Anschuldigung wird ihm als Wahnvorstellung ausgelegt, seine Frau wirft ihm häusliche Gewalt vor. Zudem soll er 129 Autoreifen zerstochen haben.

670 000 Euro Entschädigung

Mollath landet in der Psychiatrie. Er sagt, er sei „verfrachtet“ worden oder gar „deportiert, mit Hand- und Fußketten im Gitterwagen“. Er gilt als gemeingefährlich. „In der Psychiatrie bestätigt ein Gutachter meist das Gutachten des vorigen Gutachters“, sagt Mollath. „So lebt es sich am bequemsten. Irgendwann kommt man aus dem Teufelskreis nicht mehr heraus.“ Wer ihm zuhört, denkt an Kafkas „Der Prozess“ und den Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“: Ist nun der Patient verrückt oder das System? Mehr als sieben Jahre verbringt er in der Psychiatrie. Zu Unrecht, wie das Landgericht Regensburg 2013 feststellt. Steuerfahnder und eine interne Untersuchung der Hypovereinsbank legen nahe, dass es tatsächlich Schwarzgeldverschiebungen gegeben hat. 670 000 Euro Entschädigung bekommt Mollath – eine Rekordsumme für einen Justizirrtum. Irrtum, das sehen weder Schlötterer noch Mollath so. Sie sprechen von einem Staatsverbrechen, dem schwersten der Bundesrepublik.

Für sie ist der Fall klar: Die Justiz wurde von der Politik Bayerns gesteuert. Alle hätten von den Schwarzgeldern profitiert. Hätte man den Skandal aufgedeckt, wären auch die Quellen von Parteispenden versiegt. Der Freistaat sei schließlich zu zehn Prozent an der Hypovereinsbank beteiligt. Belangt worden sei niemand, im Gegenteil: Ein Staatsanwalt sei befördert worden, die damalige Landesjustizministerin Beate Merk (CSU) wurde Staatsministerin für Europaangelegenheiten.

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Er sei kein verbitterter Mensch, sagt Mollath. „Zum Glück konnte ich mir meinen Humor bewahren.“ Heute lebt er in Niedersachsen, restauriert wieder Oldtimer. Noch immer wache er jede Nacht schweißgebadet auf. Der 64-Jährige berichtet von merkwürdigen Suiziden unter Mitpatienten, von einem Pfleger, der ein Emblem der russischen Kampftruppe Omon am Kittel trägt. „Da sieht man, wessen Geistes Kinder da zum Teil arbeiten.“

Mollath ist ein eloquenter Mann, er hätte das Buch selbst schreiben und über sein Schicksal berichten können. Aber er will von seinem Fall aufs Allgemeine schließen. Er sieht sich nicht als Opfer einer unglückseligen Verkettung, sondern eines perfiden Systems. „Ich bin ein gesellschaftlich orientierter Mensch. Es geht nicht nur mich etwas an.“ Das Buch soll dazu beitragen, dass sich ein Fall Mollath nicht wiederholt.

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Seine Zimmerpflanze, seine „Mitgefangene“, bestand aus den Trieben von zwei Dattelkernen und sieben Orangenkernen, ein Geschenk des Klinikpfarrers. Er zog sie in einem Joghurtbecher und mit stibitzter Erde aus dem Hof.

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Eine Dattelpalme – die andere ist eingegangen – ist inzwischen größer als er und lebt nach wie vor mit den sieben Orangenbäumen in einem Topf. Ob er sie mit ins kalte Finnland nimmt? Dorthin will Mollath auswandern, falls Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Kanzler wird – und damit das ganze Land zu einem „Totalstaat Bayern“.