Verkehr - Auch die Technik hilft den Ermittlern beim Kampf gegen Raser / Vier Möglichkeiten und ihre Nachteile Das Auto als Verräter

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Martin Oversohl
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Blitzgeräte zur Geschwindigkeitsmessung stehen auf der Rader Hochbrücke im Verlauf der Autobahn A7 über den Nord-Ostsee-Kanal. © dpa

Stuttgart. Drei Tote bei einem Geschwindigkeitsrausch in Villingen-Schwenningen, ein junges Paar stirbt bei einem nächtlichen Crash in Stuttgarts Innenstadt in den Trümmern seines Kleinwagens, ein Motorradfahrer in Mosbach. Sein fatales mutmaßliches Rennen steht bald im Mittelpunkt eines Prozesses vor dem Amtsgericht der Stadt. Hunderte illegaler Rennen registriert die Polizei jedes Jahr allein auf den Straßen Baden-Württemberg. Was aber lässt sich machen, wenn die Hemmschwelle auf den Straßen immer stärker sinkt? Vier Möglichkeiten – und ihre Nachteile:

Technik

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„Das eigene Auto kann durchaus die Täter verpfeifen“, sagt Andreas Winkelmann. Er leitet bei der Berliner Amtsanwaltschaft die Abteilung, in der seit 2018 verbotene Rennen gesammelt und verfolgt werden. Neben den klassischen Beweismitteln verfolgt sein Team immer stärker den technischen Ansatz über die Black Box. „Wichtig sind für uns vor allem digitale Fahrzeugdaten, Navigationsdaten und Videoaufzeichnungen“, sagt Winkelmann. Mit Hilfe des EDR (Event Data Recorder) können die letzten fünf Sekunden Fahrt nachvollzogen werden. „So können wir verfolgen, wie tief das Gaspedal vor dem Auslösen des Airbags eingedrückt wurde, wir können das Bremsniveau ablesen und die Radrollgeschwindigkeit.“ Premiere feierte EDR im spektakulären Fall eines wegen Mordes verurteilten Berliner Kudamm-Rasers.

Abschreckung und Strafe

Seit Oktober 2017 gelten illegale Autorennen als Straftat. Seitdem kann schon die Teilnahme an solchen Rennen mit bis zu zwei Jahren Haft geahndet werden. Der neue Paragraf 315d im Strafgesetzbuch sieht bis zu zehn Jahre Gefängnis vor, wenn der Tod eines anderen Menschen durch ein „verbotenes Kraftfahrzeugrennen“ verursacht wird. Außerdem werden die meist sündhaft teuren Autos oder Leihwagen an Ort und Stelle eingezogen. Der Führerschein ist in vielen Fällen auch weg.

Eine abschreckende Wirkung hat das aber selten. Denn allen angedrohten Strafen und Gerichtsurteilen zum Trotz geben Autofahrer weiter Gas: Eine bundesweite Statistik zu illegalen Straßenrennen gibt es zwar nicht. Aber aus veröffentlichten Zahlen geht hervor, dass allein in Baden-Württemberg im Jahr 2019 mehr als 250 Fälle erfasst wurden, in Nordrhein-Westfalen waren es sogar über 650. Allein in Berlin sind seit der Verschärfung des sogenannten Raser-Paragrafen 2017 bis Anfang Oktober 2020 mindestens 1560 Verfahren anhängig geworden.

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„Die Zahl von Autorennen nimmt trotz des härteren Gesetzes nicht ab, leider eher im Gegenteil“, sagt Winkelmann. „Und die Dunkelziffer ist unendlich hoch.“ Sicher ist sich das baden-württembergische Innenministerium da nicht: Andere Autofahrer reagierten wegen der tragischen Unfälle und Prozesse vergangener Jahre sensibler als früher und zeigten häufiger an.

Und das eingezogene Auto? Schmerzt auch kaum. „In rund 90 Prozent der Fälle gehört es gar nicht dem Täter“, sagt Winkelmann. Die teuren Sportwagen werden meist bei Autovermietungen geliehen, beliebt sind Car-Sharing-Anbieter. So war es auch bei einem Raser, der im März 2019 in Stuttgart mit einem ausgeliehenen Luxussportwagen einen Kleinwagen rammte, in dem zwei Menschen starben.

Zeugen

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Wird eine Tat beobachtet, ist der Zeuge oft ein wichtiger Beweis. „Das wichtigste Mittel ist nicht die Technik, sondern die Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger sowie der Polizeibeamtinnen und -beamten“, sagt ein Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums. Zeugenaussagen hätten großes Gewicht. Winkelmann ist weniger überzeugt: „Zeugenaussagen allein sind nicht immer ein sicherer Nachweis.“ Die Anforderungen seien sehr hoch. „Sie müssen sich Monate nach der Tat sehr exakt über das Fahrverhalten, über den Verlauf eines Rennens, die Geschwindigkeit, über Abstand, Licht- und Witterungsverhältnisse auslassen.“

Blitzer und Hindernisse

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Hier ein Blumenkübel auf dem Straßenstreifen, dort mobile Blitzer, wie sie der ADAC fordert. Oder engere Fahrbahnen, mehr Zivilstreifen, vielleicht auch stationäre Radaranlagen, wie sie Berliner Bezirksverordnete verlangen – lang ist die Liste der Ideen, mit denen man Raser zum Abbremsen zwingen will. Nicht alle sind praktikabel. Denn Kübel oder stationäre Radargeräte können auch als „Schikane“ und für Nervenkitzel im Rennen eingeplant werden. „Und wenn die Leute wissen, dass da ein Blitzer steht, ziehen sie sich halt eine Maske auf und werden nicht erkannt“, sagt dazu Winkelmann. dpa