Prozess - Verteidigung plädiert auf Bewährungsstrafe / Gutachter bescheinigt Yves R. eine dissoziale Persönlichkeitsstörung Anklage fordert Gefängnis für „Waldläufer“ aus Oppenau

Von 
Ulrike Bäuerlein
Lesedauer: 
In dieser illegal von ihm bewohnten Gartenhütte hatte sich der Angeklagte der Durchsuchung durch die Polizei widersetzt. © dpa

Offenburg. Im Prozess gegen den „Waldläufer“ Yves R., der im Juli 2020 in einer Gartenhütte in Oppenau (Ortenaukreis) vier Polizisten entwaffnete, sich im Wald versteckte und fünf Tage lang von einem Großaufgebot der Polizei gejagt wurde, hat die Staatsanwaltschaft am Dienstag eine Strafe von drei Jahren und neun Monaten für den 32-jährigen Angeklagten gefordert.

Beispiellose Fahndung

Die Polizei fahndete vom 12. bis zum 17. Juli 2020 rund um Oppenau (Ortenaukreis) mit einem in der Region nie da gewesenen Großaufgebot von Einsatz- und Spezialkräften nach dem flüchtigen Yves R., der in einem schwer zugänglichen Waldgebiet mit Schluchten und Steilhängen auf einer Fläche von 8,6 Quadratkilometern vermutet wurde. Insgesamt waren an dem Einsatz mehr als 1000 Beamte beteiligt.

Eingesetzt wurden Hundeführer, Hubschrauberstaffel, Wärmebildkameras und Drohnen, die Kräfte wurden zudem von Bergwacht, Feuerwehrund THW unterstützt.

Die Beamten seien zum Teil nur wenige Meter von ihm entfernt gewesen, sagte Yves R. später aus. Er versteckte sich tagsüber im Wald und ging nachts auf Wasser- und Nahrungssuche. Am 17. Juli beendete Yves R. seine Flucht selbst, indem er auf der Straße nach Oppenau lief und auf den Polizeizugriff wartete. bub

AdUnit urban-intext1

Yves R. muss sich seit Mitte Januar vor dem Landgericht Offenburg wegen des Vorwurfs der Geiselnahme, unerlaubten Waffenbesitzes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Der in Oppenau als Sonderling, Outdoor-Fan und Anhänger mittelalterlicher Waffen bekannte und mehrfach vorbestrafte Yves R. hatte sich am 12. Juli bei einer Polizeikontrolle in der illegal von ihm bewohnten Gartenhütte einer Durchsuchung widersetzt. Mit einer Schreckschusswaffe nötigte er vier Beamten, ihre Dienstwaffen abzulegen. Sechs Tage später hatte er bei seiner Festnahme in einem Gebüsch bei Oppenau einen SEK-Beamten mit einem Beil am Fuß verletzt.

Anklagevertreterin Raffaela Sinz räumte ein in „vieler Hinsicht ungewöhnliches Verfahren“ ein. Sie sah es aber abschließend als erwiesen an, dass Yves R. sich der Geiselnahme in einem minderschweren Fall und der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht hat. Den Anklagevorwurf eines schweren Falls der Geiselnahme, die mit mindestens fünf Jahren Haft bestraft wird, ließ sie jedoch fallen. „Das ist nicht die Art von Geiselnahme, die der Gesetzgeber im Auge hatte“, sagte die Staatsanwältin, die Yves R. zudem eine Reihe von schuldmindernden Faktoren zugutehielt und einräumte, dass er sich in der Gartenhütte in einer „Situation absoluter Überforderung“ und bei der Festnahme in einer „absoluten Stresssituation“ befunden habe.

Dennoch habe Yves R. die Eskalation in der Gartenhütte und bei der Festnahme selbst herbeigeführt, obwohl es Alternativen gegeben habe, und die bedrohten Beamten hätten um ihr Leben gefürchtet. Zudem wertete die Staatsanwältin unerlaubten Waffenbesitz, das Vorstrafenregister und eine zum Tatzeitpunkt noch laufende Bewährungsstrafe zu seinen Ungunsten.

AdUnit urban-intext2

Dagegen forderte das Verteidigerduo, bei der Urteilsfindung den Vorwurf der Geiselnahme aufgrund fehlender juristischer Voraussetzungen fallen zu lassen. Wegen gefährlicher Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoß gegen das Waffengesetz halten die Verteidiger eine zur Bewährung ausgesetzte Strafe von einem Jahr und sechs Monaten für angemessen. Die Strafverteidiger ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass aus ihrer Sicht sowohl in der Gartenhütte als auch bei der Festnahme fünf Tage später polizeiliches Fehlverhalten zur Eskalation sowie zu der Verletzung eines SEK-Beamten mit beigetragen habe. ,,Es wurden vermeidbare Fehler gemacht“, sagten Melanie Mast und Yorck Fratzky, die ihrem Mandanten eine insgesamt positive Sozialprognose ausstellten – auch deshalb, weil er in der Haft eine Beziehung zu einer neuen Partnerin aufgebaut habe und über ein breites soziales Umfeld verfüge. ,,Er wollte nie jemanden verletzen“, sagte Mast.

Zuvor hatte Stefan Bork, forensischer Psychiater und Psychotherapeut an der Universität Tübingen, dem Angeklagten in seinem Gutachten Züge einer dissozialen Persönlichkeitsstörung attestiert. Eine verminderte Schuldfähigkeit von Yves R. sah Bork allerdings nicht. Lediglich bei der Festnahme und der Verletzung eines SEK-Beamten habe sich Yves R. nach der Flucht und dem Taser-Einsatz der Polizei in einem affektiven Ausnahmezustand befunden und sei vermindert steuerungsfähig gewesen.

AdUnit urban-intext3

Bork hatte Yves R. zuvor als Persönlichkeit geschildert, die aufgrund der bereits von Kindheit an auftretenden Störungen im sozialen und emotionalen Bereich weit unter ihren Möglichkeiten geblieben sei und für sich zuletzt einen Ausweg im Leben mit der Natur gesucht und gefunden habe. ,,Er sieht Probleme nicht bei sich, sondern hat sie in der Interaktion mit anderen Menschen und ist überzeugt, dass die Gesellschaft ein Problem mit ihm habe.

AdUnit urban-intext4

Der Angeklagte selbst verzichtete darauf, das letzte Wort zu ergreifen. Am Freitag soll das Urteil gegen ihn verkündet werden.

Mehr zum Thema

Prozess Flucht mit Waffen – „Waldläufer von Oppenau“ gesteht

Veröffentlicht
Von
Violetta Heise
Mehr erfahren

Gericht „Situation extrem belastend“

Veröffentlicht
Von
Ulrike Bäuerlein
Mehr erfahren

Bewaffneter in Oppenau Verstecken und Überleben im Wald - Warum die Suche so schwierig

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Kriminalität Polizei spürt Gesuchten in einem Gebüsch auf

Veröffentlicht
Von
Wera Engelhardt
Mehr erfahren

„Waldläufer von Oppenau“ Haftstrafe gefordert

Veröffentlicht
Von
dpa
Mehr erfahren