Radsport: Linus Gerdemann mit dem letzten deutschen Profi-Team Milram im Fokus / Dem Doping-Problem stellen "Wir brauchen jetzt Erfolge"

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Thorsten Hof

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San Vincenzo/Mannheim. Dass der Frühling vor der Tür steht, lässt sich immer auch ein bisschen am internationalen Radsport-Kalender ablesen. Spätestens Paris-Nizza ist ein solcher Vorbote, in Italien heißt das Pendant Tirreno-Adriatico (11. bis 17. März). Bei beiden Traditionsrennen ist auch das letzte verbliebene deutsche Profi-Team Milram am Start. Mit Blick auf die Hoffnungsträger Gerald Ciolek und Linus Gerdemann steht in diesem Jahr sogar das heute beginnende Etappenrennen in Italien etwas mehr im Fokus. Wir sprachen vor dem Start in Cecina mit Milram-Kapitän Gerdemann.

Herr Gerdemann, 2008 hatten Sie bei Tirreno-Adriatico den Gesamtsieg vor Augen, beim Zeitfahren stürzten Sie, zogen sich einen doppelten Beinbruch zu und mussten in der Folge die Tour absagen. Kein flaues Gefühl im Magen?

Linus Gerdemann: Nein, ich kann ja nicht das Rennen dafür verantwortlich machen, wenn ich da die Kurve nicht kriege und in die Absperrung rausche. Da darf man keine Scheu haben.

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Und was spricht gegen Frankreich und Paris-Nizza?

Gerdemann: Ich bin einfach ein großer Italienfreund, das Wetter ist dort besser einzuschätzen und die Rundfahrt startet etwas gesitteter. Bei Paris-Nizza kann es sein, dass nach ein paar Tagen schon die Hälfte auf dem Zahnfleisch fährt. Tirreno steigert sich zum Ziel hin, das kommt meinem Formaufbau besser entgegen.

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Nach der Andalusien-Rundfahrt sagten Sie, es müssen noch ein paar Gramm runter . . .

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Gerdemann: Ja, aber auch auf der Waage geht es immer besser, es läuft alles in die passende Richtung. Die Tour ist natürlich wieder das Hauptziel, aber davor gibt es Zwischenetappen, auf denen man erfährt, wo man steht, wo man sich Selbstvertrauen holen kann, wo es ums Prestige geht. Tirreno-Adriatico gehört da ganz sicher dazu.

Sie haben das Team gewechselt, es gibt neue Kollegen, neues Material. Mussten Sie sich lange eingewöhnen?

Gerdemann: Gerade das neue Material ist schon eine Umstellung. Das ist wie bei einem Fußballer, der neue Schuhe kriegt. Man muss sich schon daran gewöhnen, feilt an der Einstellung und hat den Anspruch alles zu optimieren. Aber das hat bislang alles reibungslos geklappt. Alle sind sehr zielstrebig und harmonisch.

Steht Milram als einziges deutsches Team nun besonders im Fokus?

Gerdemann: Natürlich liegt bei uns die Hauptverantwortung, wie es mit dem deutschen Radsport weitergehen kann. Einerseits brauchen wir jetzt Erfolge, aber auch das Doping-Problem sieht jeder. Diese Problematik wird sehr ernst genommen, sie bedroht ja direkt unseren Beruf.

Wünschen Sie sich vor diesem Hintergrund, dass deshalb nicht immer nur Top-Platzierungen, sondern auch mutige Fahrweise oder andere Ausrufezeichen anerkannt werden?

Gerdemann: Absolut. Ohne Erfolge wird man nicht wahrgenommen, aber ich hoffe, dass die Medien etwas differenzierter hinsehen und auch mal Achtungserfolge honorieren.

Haben Sie Zuversicht, dass 2009 ohne die üblichen Negativ-Schlagzeilen auskommt?

Gerdemann: Zuversicht ist vielleicht der falsche Ansatz. Ich setze mehr auf die Wirksamkeit der Kontrollen und die Vernunft, die daraus erwachsen sollte. Im Endeffekt kann ich aber nur für mich selbst sprechen und vielleicht noch für Teamkameraden, mit denen man mehr Berührungspunkte hat.

Aufgrund Ihrer deutlichen Stellungnahmen zum Thema Doping sehen viele in Ihnen eine Art Retter des Radsports, zugleich sollen Sie auch noch Rennen gewinnen. Wir schwer wiegt dieser Rucksack?

Gerdemann: Das ist schon eine Last und einer allein kann sowieso nicht den Radsport retten. Aber ich will meinen Teil dazu beitragen. Man muss sich der Verantwortung stellen, zugleich aber auch abschalten können und locker bleiben, bevor alles zu viel wird. Man kann sich nicht ständig damit konfrontieren.

Wie schalten Sie ab?

Gerdemann: Mit Freunden was schön essen gehen, die Familie besuchen. Da hilft vor allem ein gesundes Umfeld mit Leuten, die nichts mit dem Radsport zu tun haben. Da kommt man schnell wieder auf andere Gedanken.