Stunde der Pharisäer

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Eigentlich spielt es längst keine Rolle mehr, ob Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich irgendwann in den 80er Jahren tatsächlich aktiv dabei mitgeholfen hat, ostdeutsche Athleten mit verbotenen Mitteln schneller zu machen. Dass systematisches Staats-Doping in der DDR an der Tagesordnung war, ist nicht erst seit der Wende ein offenes Geheimnis.

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Diese Geschichte konsequent aufzuarbeiten, wäre aber sofort nach der Wiedervereinigung das Gebot der Stunde gewesen. Doch damals waren die Medaillenchancen der Ost-Sportler - auch wenn das heute gewiss einige Funktionäre nicht mehr zugeben würden - für die Verbände wichtiger als eine hartnäckige Vergangenheitsbewältigung. Deshalb ist es jetzt, fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, auch mehr als unredlich, Trainer wie Ullrich oder den Leichtathletik-Coach Werner Goldmann noch für ihre DDR-Historie zur Verantwortung ziehen zu wollen.

Sollte Ullrich entlassen werden, wäre das nichts anderes als ein Triumph der Pharisäer. Eine scheinheilige Prozedur: Erst beide Augen zudrücken, sich dann jahrelang für die Erfolge feiern lassen, um schließlich mit uralten und verjährten Vorwürfen ein Exempel zu statuieren.