Spielervermittler Störk über das "irreale Leben“ von Fußball-Profis

Von 
Dirk Salzmann und Gerd Welte
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Herr Störk, für viele Fans sind Spielerberater und -vermittler das Sinnbild für die Kommerzialisierung im Fußball. Wie lebt es sich mit diesem Image des Menschenhändlers?

Edmond Tapsoba (links, hier gegen den Wolfsburger Yannick Gerhardt) wurde von Rainer Störk an Bayer Leverkusen vermittelt. Der Bundesligist zahlte eine Ablösesumme von 18 Millionen Euro für den Mann aus Burkina Faso. © dpa
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Rainer Störk: Da wird meiner Meinung nach viel von außen reingetragen. Klar ist der Ruf nicht der beste, aber ich kann gut damit leben. In meinem Umfeld ist das auch kein Thema, da wurde ich noch nie als Totengräber des Fußballs bezeichnet.

Zur Person: Rainer Störk

  • Rainer Störk (52) stammt aus dem Schwarzwald und lebt seit vielen Jahren abwechselnd in Waldshut und in der portugiesischen Hafenstadt Porto.
  • Mit Fußball begann er beim SV Görwihl. Als A-Junior spielte er beim Freiburger FC.
  • Störk ist gelernter Metzgermeister und Betriebswirt.
  • Seit über 25 Jahren arbeitet er als Spielervermittler im internationalen Fußballgeschäft.

Können Sie die Kritik an Ihrem Berufsstand trotzdem nachvollziehen?

Störk: Sehen Sie, es gibt in der Branche viele Leute, die human und regelkonform arbeiten. Aber es gibt natürlich auch schwarze Schafe. Man kann das nicht pauschalisieren. Und letztendlich ist es ja so, dass zum Schluss der Verein die Unterschrift unter die Verträge setzt. Ein Berater oder Vermittler ist nur Mittel zum Zweck.

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Hat jeder Profispieler, jedes Talent einen Berater?

Störk: 99 Prozent in der Bundesliga würde ich sagen. Und Talente spätestens mit 15 Jahren.

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Warum? Wofür benötigt man einen Berater?

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Störk: Wenn der Berater gut ist, kann er abwägen, ob und bei welchem Verein ein Spieler realistische Chancen hat. Da profitiert ein Berater von seinem Fachwissen, von seinen Beziehungen und seiner Erfahrung. Ich kann sagen, ob der Verein X zu ihm passt oder nicht, ob es für ihn in die Bundesliga, die 2. Bundesliga oder die 3. Liga reichen könnte. Und ich weiß auch, ob er sich besser auf einen normalen Beruf konzentrieren sollte. Wissen Sie was? Die Wahrheit zu sagen, ist hart. Aber nicht jeder kann in der Bundesliga spielen.

Sie waren früher selbst Berater, sind heute aber nur noch als Vermittler tätig. Warum?

Störk: Ich hatte eine gute Zeit als Berater, habe Rüdiger Kauf betreut, der in Bielefeld spielte, oder Heinz Müller in Mainz. Oder Derlis González, der damals in der Schweiz spielte. Der brauchte jeden Tag Betreuung, auch weil er die Sprache nicht lernen wollte. Damals bin ich jeden Tag mit einem Pfarrer aus Basel, der Spanisch sprach, bei ihm gewesen. Erst als González seine komplette Familie einfliegen ließ, wurde es besser.

Hat sich der Aufwand gelohnt?

Störk: Als er von Benfica zu Basel kam, kostete er zwei Millionen Euro Ablöse. Nach einem Jahr wechselte er für 12 Millionen zu Kiew.

Und als Berater beziehungsweise Vermittler wird man prozentual an diesen Summen beteiligt?

Störk: Richtig.

Mit wie vielen Prozent?

Störk: Darüber wird Stillschweigen vereinbart. Das darf ich nicht sagen.

Sie hatten vergangenes Jahr ihren bisher größten Coup mit dem Wechsel von Edmond Tapsoba von Vitoria Guimaraes zu Bayer Leverkusen. Wie läuft so ein Wechsel ab?

Störk: In Portugal gibt es fünf, sechs Berater, die kenne ich alle persönlich. In dem Fall stand der Spieler bei meinem Freund Deco unter Vertrag, der ja früher selbst ein Spitzenspieler war. Nachdem mir der Spieler aufgefallen war, habe ich ihn gefragt, ob wir ins Geschäft kommen könnten, wenn ich ein Angebot aus Deutschland bieten könnte.

Dann haben Sie den Spieler Bayer Leverkusen empfohlen?

Störk: Ja, aber der Wechsel hing lange am seidenen Faden, weil auch Leicester City Interesse hatte. Aber Deco meinte, dass England zu früh käme, weil das Niveau dort höher als in der Bundesliga sei. Dann wurde verhandelt und am Ende waren alle zufrieden, der Agent, der Spieler, Leverkusen. Tapsobas Vertrag wurde vor drei Wochen übrigens verlängert - zu höheren Bezügen. Rudi Völler hält ihn für einen der besten Innenverteidiger der Bundesliga. So war das eine optimale Runde für alle Beteiligten.

So gut läuft es aber nicht immer, oder?

Störk: Nein, das ist in der Konstellation schon die Ausnahme.

Fällt Ihnen ein Erlebnis ein, das besonders schmerzte?

Störk: Ja, die Episode, als ich Jorge Benítez der Gladbacher Borussia angeboten habe. Damals war ich noch in Südamerika tätig. Ich rief Max Eberl an, der sich Videos von ihm anschaute. Er befand ihn für gut, wollte wissen, wie viel der Spieler koste. Ich sagte: 3,5 Millionen. Er sagte: Ich mache einen Vertrag, wir treffen uns in Frankfurt, Du fliegst nach Paraguay, lässt den Club-Präsidenten unterschreiben, packst Spieler mit Agenten ein und fliegst nach Mönchengladbach. Also flog ich nach Paraguay, alles klappte, der Präsident unterschrieb den Vertrag, der Spieler stieg in den Flieger. Aber in Mönchengladbach wollte der damalige Trainer Lucien Favre erst noch Sprinttest und Laktatwerte sehen. Der Junge kam aus Paraguay, wo es 42 Grad im Schatten hatte. Die Sprinttests waren okay, aber die Laktatwerte waren unterirdisch. Der Trainer lehnte daher ab, der Transfer war geplatzt.

Wie ging es weiter?

Störk: Der Spieler saß einen Tag später weinend im Flieger zurück nach Paraguay. Eberl, den ich für einen der besten Manager der Bundesliga halte, war die ganze Geschichte unangenehm, aber gegen den Trainerwillen konnte er natürlich nichts machen. Für mich war das dennoch ärgerlich, aber ich habe gelernt, dass Verträge eben erst unterschrieben sein müssen. Der Spieler hatte übrigens Glück, denn eine Woche später nahm ihn Olympiakos Piräus unter Vertrag, wo er mehr Geld verdiente als es bei Mönchengladbach der Fall gewesen wäre.

Wie kommt man eigentlich in dieses Geschäft? Wie wird man Berater oder Vermittler?

Störk: Nun, nach ersten kleineren Transfers fing es bei mir eigentlich damals an, als ich Urlaub in Saint-Tropez machte. Durch einen Zufall war ich im gleichen Hotel wie Kjetil Rekdal und lernte ihn kennen, er war damals Kapitän von Norwegens Nationalmannschaft und spielte für Stades Rennes. Er meinte, ich solle mich melden, wenn ich was in der Bundesliga für ihn hätte. Ich schrieb einige Wochen später ein Fax an Dieter Hoeneß, damals Manager von Hertha Berlin. Der meldete sich auch sofort zurück.

Wie ging es weiter?

Störk: Ich flog mit Hoeneß zum Länderspiel zwischen Ungarn und Norwegen nach Budapest. Nach dem Spiel haben wir uns dann mit Kjetil getroffen. Zurück zu Hause rief mich zwei Tage danach Hoeneß an. Der Spieler und sein Anwalt sollten unverzüglich nach Berlin kommen. Ich kontaktierte Kjetil, der damals bereits mit einem Club in der Türkei verhandelte. Ich fragte ihn, was er denn dort wolle - Berlin sei im Vergleich ein schlafender Riese. Einen Tag danach fand das Meeting in Berlin statt, der Transfer kam zustande. Ich verdiente ganz gut. So stieg ich in die Branche ein. Damals war ich ja noch hauptberuflich Metzger und habe - wenn man so will - den Braten gerochen. Kjetil spielte fünf erfolgreiche Jahre bei der Hertha, war Kapitän und erreichte die Champions League.

Viele Berater nehmen immer jüngere Spieler unter Vertrag, zumal inzwischen ja bereits 16-Jährige in der Bundesliga spielen dürfen. Würden Sie auch solche Transfers vermitteln?

Störk: Auch da kann man nicht pauschalisieren. Mit 15 von Basel nach Freiburg? Klar, warum nicht? Aber einen Jugendlichen komplett aus seinem Umfeld rausreißen? Etwa von Portugal nach Schalke? Trotz der Unterschiede in der Kultur, in der Mentalität. Das würde ich nicht machen.

Dennoch ist es wohl bereits üblich, dass Spitzenclubs schon 14-Jährige von anderen Clubs abwerben. Dass bei einem Wechsel schon einmal durch Mittelsmänner die Hypothek des Vaters auf das Haus beglichen wird, da offiziell in dieser Altersklasse noch kein Geld fließen darf. Das ist dann schon pervers, oder?

Störk: Man kann das so empfinden, aber so ist nun einmal der Markt. Das ist nicht normal, das ist nicht gesund. Aber wenn Ihr Sohn überdurchschnittlich talentiert wäre und ein solches Angebot käme, würden Sie es sich doch auch überlegen. Zumal, wenn der Club an den Spieler glaubt.

Von der heilen Fußballwelt bleibt da aber nicht mehr viel übrig.

Störk: Nein, aber das ist eben leider so. Fußballer führen ein irreales Leben, verdienen irreale Summen, leben in keiner normalen Welt. Wenn ein Jugendlicher schon mit 16 oder 17 Jahren 10 000 bis 15 000 Euro pro Monat verdient, verändert das vieles. Als Berater gilt es dann auch, die Spieler zu steuern, sie zu erziehen. Und das ist schwierig, denn Geld verändert wirklich den Charakter.

Weil Sie dann ungebremst Ihr Ego ausleben?

Störk: Das ganze Umfeld tut das. Jeder hat plötzlich Geld, kann sich was kaufen, lebt in einer Parallelwelt. Stuttgarts ehemaliger Präsident Erwin Staudt sagte mal zu mir, dass Fußballer nur pünktlich sein müssen, der Rest wird alles für sie gemacht. Da ist schon was dran.

Aber sollte es nicht eine Schonfrist für Talente geben?

Störk: Schöner Gedanke, aber in der Praxis gehen in Portugal Berater schon auf Zwölfjährige los.

Und machen sich gegenseitig Konkurrenz?

Störk: Klar, da gibt es ein Hauen und Stechen. Jeder will die besten Spieler haben. Da sagt dann auch schon mal eine Agentur zum Vater eines Talents: Du wirst Scout bei uns, bekommst jeden Monat 5000 Euro, aber dafür unterschreibt Dein Sohn bei uns. Das ist gang und gäbe. Und da kann ich als Ein-Mann-Agentur nicht mithalten. Deshalb habe ich auch keine eigenen Spieler mehr. Die großen Agenturen grasen alles ab, dagegen hat man keine Chance.

Deshalb sind Sie nur noch als Vermittler tätig?

Störk: Ja, ich hatte keinen Bock mehr auf diese Geschichten. Ich habe mich stattdessen entschlossen, mich auf den portugiesischen Fußball als Drehscheibe für Talente aus Afrika und Südamerika zu konzentrieren.

Wie sehr trifft Sie die Corona-Krise? Ist wirklich weniger Geld in der Branche im Umlauf?

Störk: Ja, es gibt eine kleine Reduzierung, da nun weniger Spieler in den Teamkadern stehen. Aber viel weniger Geld ist nicht vorhanden, die Zuschauereinnahmen machen bei den Clubs ja gerade mal 20 Prozent aus. Aber ja, der Januar war ruhig, auch weil Transfers bis Ende Oktober möglich waren.

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