Weltmeisterschaft in London

Krönung als Anfang: Smith und die Darts-Nacht seines Lebens

Erst Familie, dann Haustiere, dann alles andere: So beschreibt der neue Darts-Weltmeister Michael Smith seine Prioritäten. Der historische Finalabend soll nur der Startschuss für Größeres sein.

Von 
Patrick Reichardt
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Der Engländer Michael Smith feiert mit der Sid Waddell Trophäe nach seinem WM-Sieg. © Zac Goodwin

London. Für Weltmeister Michael Smith sollte diese denkwürdige Darts-Nacht von London niemals enden. Als im Alexandra Palace die Siegerfotos mit seiner Frau Dagmara und den beiden Söhnen gemacht und alle Interviews absolviert waren, ging der «Bully Boy» noch lange nicht schlafen.

Etwa «eine Million Mal» habe er sich gleich in der Nacht seinen geschichtsträchtigen Neun-Darter beim 7:4-Finalsieg über den Niederländer Michael van Gerwen angeschaut. Knapp zwei Stunden nach dem perfekten Spiel war er erstmals WM-Champion, erstmals Weltranglistenerster und 500.000 Pfund (rund 565.000 Euro) reicher.

Die Darts-Welt gratuliert Smith

Die 25 Kilogramm schwere Sid Waddell Trophy stellte Smith später ehrfürchtig in die Ecke seines Hotelzimmers. In der Nacht des großen Sieges postete der 32 Jahre alte Engländer immer wieder Fotos aus seinem Hotelbett - natürlich stolz und allerbester Laune. «Kann das Ding jemand aus dem Kasten holen? Es ist zu schwer», schrieb Smith mit einem Lachsmiley bei Twitter. Das packende Endspiel samt Neun-Darter von Smith hatte die Massen und Experten derart elektrisiert, dass TV-Experte Wayne Mardle während des Spiels ausgetauscht werden musste, weil er keine Stimme mehr hatte.

Die Darts-Weltelite verneigte sich geschlossen vor dem erstmaligen Champion aus St. Helens, einer 100.000 Einwohner-Stadt zwischen Liverpool und Manchester. Der abgelöste Primus Gerwyn Price aus Wales schrieb: «Hoch verdient. Viele weitere werden kommen. Genieß es.» Auch der im Halbfinale unterlegene Deutsche Gabriel Clemens gratulierte noch in der Nacht. Der 16-malige Weltmeister Phil Taylor fasste sich nach dem Spiel, das Darts-Promoter Barry Hearn als «Werbung für den Sport» bezeichnete, kurz: «Willkommen im Club.»

Der Smith-Weg war lange geprägt von Rückschlägen und heftigen Niederlagen. Nun hat er in gerade einmal 44 Tagen alle seine Makel behoben und mal eben die Rangordnung der Darts-Welt geändert. Der Sieg beim Grand Slam of Darts im britischen Wolverhampton war im November sein erster Major-Titel, zuvor war Smith aus Mangel an Alternativen noch immer als Champion des Shanghai Darts Masters angekündigt worden. Nun ist der zweimalige Familienvater auf dem Gipfel der Trendsportart angekommen - und hat letzte Zweifel an seiner Titeltauglichkeit bei den ganz großen Events zerstreut.

Neun-Darter im WM-Finale

«Das Gefühl, das ich direkt nach meinem Sieg hatte, wird niemals getoppt werden. Egal, was ich in diesem Sport in der Zukunft mache», sagte Smith, der mit den Tränen rang und unmittelbar nach dem verwandelten Matchdart und einem Handschlag mit Verlierer van Gerwen von der größten Darts-Bühne der Welt rannte, um Frau und Kinder in seiner Box zu drücken. In den sozialen Netzwerken hat Smith schon vor langer Zeit verewigt, welche Prioritäten er in seinem Leben setzt. Zuerst seine Familie, dann seine Haustiere - im Anschluss der Rest, darunter Darts.

Der Neun-Darter im zweiten Satz war am Dienstag der spektakuläre Schlusspunkt einer spektakulären WM. Es war das wohl beste Leg in der Geschichte dieser Sportart, weil zuvor auch van Gerwen acht perfekte Darts spielte. Ex-Profi Mardle versagte die Stimme komplett, Smith sagte später in Richtung der 3500 verkleideten und wild feiernden Fans ganz trocken: «Das Publikum hat diesen Neun-Darter verdient.» Für den Weltmeister soll der Triumph von London nur der Anfang einer Ära sein. Sein Ziel für die Zukunft: Dominanz. «Ich möchte diesen Sport übernehmen, aber Michael ist immer noch hier», sagte Smith. Es stehe nun 1:1 in WM-Finalduellen. «Aber ich glaube nicht, dass das unser letztes war.»

Nach zwei WM-Final-Niederlagen endlich der Titel

Mit der ganz großen Dramatik in WM-Endspielen sollte es nach zwei Fehlversuchen 2019 (3:7 gegen van Gerwen) und 2022 (5:7 gegen den Schotten Peter Wright) nun vorbei sein. Vor vier Jahren wollte Smith das Finale wenige Tage vor seiner Hochzeit gewinnen, um mit der Trophäe in den Händen und seiner Einlaufmusik vor den Traualtar zu kommen. «Willst du den amtierenden Weltmeister Michael Smith zu deinem Mann nehmen?», sollte seine Verlobte (inzwischen Frau) gefragt werden - doch aus diesem Szenario wurde nichts.

Im Vorjahr hatte Smith einen neuen Traum. Beim Gewinn des WM-Titels wollte er seine Frau davon überzeugen, einen Bullen zu kaufen und diesen Ferdinand zu nennen. «Man kann ja nicht zu meinem Haus kommen und keinen Bullen sehen, oder?», kündigte der als «Bully Boy» bekannte Smith damals an. 

Das Thema könnte nun - genau 365 Tage später - wieder aktuell werden. Doch zunächst widmete sich der Weltmeister in der Nacht zum Mittwoch ganz dem Moment. Der Engländer schickte bis in die frühen Morgenstunden Fotos aus seinem Zimmer. Im Eck stand der WM-Pokal, auf dem Fernseher lief ein bisschen Teleshopping - und Smith war einfach glücklich.

© dpa-infocom, dpa:230104-99-99481/2

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