Immer wieder am Anfang

Marc Stevermüer zur Situation der Rhein-Neckar Löwen

Von 
Marc Stevermüer
Lesedauer: 

Wie genau der Weg zum Erfolg aussehen muss, wissen die Rhein-Neckar Löwen. Aus guter – und auch aus schlechter Erfahrung. Denn es ist ja nun wirklich nicht schon lange so, dass der Handball-Bundesligist zu den erfolgreichsten Clubs der jüngeren Vergangenheit gehört.

AdUnit urban-intext1

Nur etwas mehr als zehn Jahre ist es her, da wirkte der Verein so stabil wie eine italienische Regierung und war ein blendendes Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Es gab keine Kontinuität, keine Konstanz, keine Verlässlichkeit, kein gewachsenes Gebilde – und somit natürlich auch keinen Erfolg. Es dauerte eine Weile, bis sich – auch erzwungen durch einen drohenden finanziellen Kollaps – die Erkenntnis durchsetzte, es ab 2012 doch besser mit einem Plan zu versuchen.

Mal wieder unvorbereitet

Nikolaj Jacobsen krönte in seinen fünf Jahren von 2014 bis 2019 die herausragende Aufbauarbeit seines Vorgängers Gudmundur Gudmundsson – und nicht ganz zufällig gewannen die Löwen mit diesen beiden Trainern sieben Titel, weil es kaum Personalwechsel und auch immer eine Alternative bei prominenten Abgängen gab. Die Löwen verloren Niklas Landin und Bjarte Myrhol – wurden dank weitsichtiger Kaderplanung und Konstanz auf dem Trainerposten aber trotzdem Meister. Doch seitdem sind die Badener vom Weg abgekommen.

Die Flickschusterei bei manch einer offenen Kaderstelle in den vergangenen Jahren hat das Team konsequent geschwächt, nach Kristján Andrésson und Martin Schwalb wird in diesem Sommer außerdem der dritte Trainer innerhalb von zwei Jahren bei den Löwen anheuern. Da mag es zwar – wie jetzt bei Schwalb – persönliche Gründe für den Abschied geben. Doch das ist in der Gesamtbetrachtung gar nicht entscheidend. Denn unter dem Strich steht eben, dass der Verein auf den Abschied des Trainers unvorbereitet ist, nicht parallel nach Alternativen suchte und nun zumindest Gefahr läuft, wie zuletzt bei manch einem neu verpflichteten Spieler wieder eine Verlegenheitslösung zu präsentieren.

Roggischs Reifeprüfung

AdUnit urban-intext2

Das Problem: Die Zeit drängt erheblich, da die Verträge der Spieler Mait Patrail, Niclas Kirkeløkke und Jesper Nielsen im Sommer enden. Will der neue Coach sie behalten oder nicht? Welche Alternativen gibt es jetzt überhaupt noch? Was wird aus Ilija Abutovic, der bei Schwalb wenig eingesetzt, vom neuen Trainer aber vielleicht geschätzt wird? Es sind Fragen wie diese, die jetzt beantwortet werden müssen. Und die jetzt nicht beantwortet werden können. Doch das ist für einen Verein, der den Anspruch erhebt, zu den Besten in Europa zu gehören, alles andere als ein Gütesiegel.

Mehr denn je steht Sportchef Oliver Roggisch deshalb in der Pflicht, eine funktionierende Trainerlösung mit Perspektive sowie eine mit dem neuen Coach abgestimmte und auf Eventualitäten vorbereitete Kaderplanung für die Zukunft zu präsentieren. Nur an der Bewältigung dieser Aufgabe wird man seine Arbeit wirklich bewerten können – und nicht an den Erfolgen der Vergangenheit. Denn die wurden zweifelsohne von Mannschaften erreicht, die andere maßgeblich zusammenstellten. Nun steht der Club schon wieder vor einem Neuanfang, der Wandel gehört zum Markenkern – und das ein schlechtes Zeichen.

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft