Hintergrund - Immer wieder nutzen Sportler ihre Bekanntheit, um auf politische Anliegen aufmerksam zu machen Hochgereckte Fäuste und ein Kniefall gegen Trump

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dpa
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Berlin. Der militärische Gruß der türkischen Fußball-Profis in der EM-Qualifikation gegen Albanien und in Frankreich erhitzt die Gemüter. Ihr politisches Bekenntnis zum Militäreinsatz türkischer Streitkräfte in Nordsyrien zur Bekämpfung der Kurdenmiliz wird international kritisiert. Eine Seltenheit ist eine solche – von Sportverbänden untersagte – politische Bekundung keineswegs.

Politik und Sport: Tommie Smith und John Carlos (l.) bei Olympia 1968, der Footballer Colin Kaepernick (oben) sowie Granit Xhaka. © dpa
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Immer wieder nutzten Athleten das öffentliche Interesse an ihnen, um für ihre politischen Überzeugungen einzutreten. In guter Erinnerung ist der demonstrative Kniefall des NFL-Footballers Colin Kaepernick bei der US-Hymne, mit dem er am 14. August 2016 Präsident Donald Trump provozierte und die US-Gesellschaft spaltete. Kaepernick wollte gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA protestieren. „Ich werde nicht aufstehen und Stolz für eine Fahne demonstrieren, die für ein Land steht, das Schwarze und andere Farbige unterdrückt“, sagte er.

Spätestens mit Trump ist der Lieblingssport der Amerikaner nicht mehr unpolitisch. So erklärten Profis der New England Patriots unmittelbar nach dem Gewinn des Super Bowls in diesem Jahr ihren Verzicht auf einen Besuch im Weißen Haus. Fußballstar Megan Rapinoe nutzte im Sommer das Rampenlicht des WM-Titels, um gegen Missstände und die Politik des US-Präsidenten zu mobilisieren. Mit vergleichsweise glimpflichen Strafen wurden bei der Fußball-WM 2018 in Russland die beiden Schweizer Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri durch den Weltverband FIFA belegt. Die Profis mit kosovarischen Wurzeln hatten nach ihren Toren mit den Händen den doppelköpfigen Adler geformt, der die Flagge Albaniens ziert.

Olympia-Boykotts in den 80ern

Schon vor über 50 Jahren waren auch die beiden Sprinter Tommie Smith und John Carlos ins Rampenlicht getreten und hatten das Podium bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt genutzt. Und mit ihrer geschichtsträchtigen Geste prägten sie das Bild der Spiele von 1968: Der 200-Meter-Sieger und der Olympia-Dritte streckten bei der Siegerehrung mit gesenkten Köpfen ihre Fäuste – gehüllt in schwarze Handschuhe – in die Luft. Sie demonstrierten für die „Black Power“-Bewegung und protestierten gegen die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA.

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Doch auch die Politik versuchte umgekehrt schon immer, den Sport für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Bestes Beispiel sind die Olympischen Spiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und Berlin, die von der NSDAP instrumentalisiert wurden.

Der Kalte Krieg verschlechterte maßgeblich das Verhältnis Sportorganisationen in DDR und BRD. Nach zahlreichen Ausscheidungen um die Besetzung der gemeinsamen deutschen Olympia-Mannschaften zogen die Teams nach politischem Gezerre hinter der deutschen Fahne mit den olympischen Ringen zwischen 1960 und 1968 in die Olympia-Arenen ein, politische Querelen zwischen Ost und West prägten damals die Auftritte der deutschen Sportler.

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Über den Sport Druck auszuüben, war in Zeiten der Systemauseinandersetzung stets ein willkommenes politische Mittel. Der Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan schien 1980 westlichen Staaten ein geeignetes Argument, dass ihre Teams den Olympischen Spielen in Moskau fernblieben. Der Boykott des Ostens vier Jahre später in Los Angeles war die Retourkutsche.