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Hintergrund - Vor dem EM-Viertelfinale kritisieren Dänen und Tschechen die Ansetzung / Verbeugung der UEFA vor Geldgebern?

Frust über den Spielort Baku

Von 
Frank Hellmann
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Das EM-Stadion in Baku vor dem Gruppenspiel Türkei – Schweiz. © dpa

Frankfurt/Prag. Antonin Barak hat den Moment aus der Puskas-Arena von Budapest für die Ewigkeit abgespeichert. Vergangenen Sonntag war der tschechische Nationalspieler beim Sensationscoup gegen die Niederlande (2:0) in der Schlussphase ausgewechselt worden, als er auf den mit 52 834 Zuschauern besetzten Rängen „glückliche Gesichter von Menschen sah, die mir nahe stehen“, wie der 26-Jährige in einer Pressekonferenz in Prag verriet, „denn von mir waren viele Freunde und Bekannte im Stadion.“ Insgesamt mehr als 7000 Landsleute waren recht unkompliziert in die ungarische Hauptstadt gekommen – und mindestens ebenso viele würden sich gerne auch das Viertelfinale gegen Dänemark (Samstag, 18 Uhr, ARD) ansehen.

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Doch das findet dummerweise in Baku statt: Das liegt nicht nur weit weg am Kaspischen Meer, sondern ist auch mit komplizierten Einreiseregeln versehen. Nicht nur bei den Anhängern, die gerne das historische K.o.-Duell vor Ort verfolgen würden, sorgt das für Enttäuschung. Auch der dänische Nationaltrainer Kasper Hjulmand ist verstimmt: „Rein sportlich gesehen gibt es Orte, an denen ich lieber spielen würde. Aber selbst wenn es am Südpol wäre, würden wir uns auf ein EM-Viertelfinale freuen.“

Beide Nationen können nicht mal exakt mitteilen, wie viele Anhänger mitreisen. Petr Sedivy, der Pressesprecher des tschechischen Fußballverbandes, teilte mit: „Das Problem ist, dass unsere Fans fünf Tage in Quarantäne müssten, wenn sie aus Aserbaidschan zurückkommen. Wir können im Moment noch nicht absehen, wie viele Fans uns begleiten.“ Am Trip in die Hauptstadt Aserbaidschans hatte zuerst Torjäger Patrik Schick von Bayer Leverkusen Kritik geübt, nun schloss sich auch der Antreiber Barak von Hellas Verona an: „Wir sind frustriert, dass wir in Baku spielen, weil nicht mal engste Angehörige dabei sein können.“ Es ist erstaunlich, dass so scharfe Kritik aus Osteuropa ertönt, ist diese paneuropäische EM doch auch deshalb zustande gekommen, weil sich der damalige UEFA-Präsident Michel Platini vor allem mit osteuropäischer Zustimmung im Amt hielt. Und schnell waren Spielorte wie Budapest, Bukarest, St. Petersburg oder eben Baku für diese EM gesetzt.

St. Petersburg sprang zudem sofort als Ersatz für jene Gruppenspiele ein, als Dublin wegen fehlender Zuschauergarantien der Status als Ausrichterstadt entzogen wurde. Mit dem Viertelfinale Schweiz gegen Spanien (Freitag, 18 Uhr, ZDF) sieht die Zarenstadt bereits das siebte EM-Spiel. Das Problem an der Ostsee sind die steigenden Corona-Zahlen, die in der Fünf-Millionen-Metropole im direkten Zusammenhang mit den Besucherströmen der Fußballspiele stehen könnten, doch an eine Reduzierung der Zuschauerkapazität ist auch im letzten Spiel nicht gedacht. Die UEFA verweist dann sofort auf die Zuständigkeit der lokalen Behörden.

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Doch warum hat die Dachorganisation überhaupt St. Petersburg und Baku mit einem Viertelfinale bedacht? Der Eindruck drängt sich förmlich auf, dass es sich um eine Verbeugung vor wichtigen Geldgebern aus dem Energiesektor handelt: Der eine ist der russische Gas-Riese Gazprom, der seit 2012 von der UEFA als „verlässlicher Partner“ geschätzt wird. Deren Flamme gehört fast schon zur Champions League wie die Hymne, der Arm reicht mit dem Engagement beim FC Schalke bis in den deutschen Profifußball.

Der andere ist Socar, das staatlich kontrollierte Energieunternehmen aus Aserbaidschan. Für 90 Millionen Euro war der Konzern vor acht Jahren als Sponsor eingestiegen, dann fehlte das Logo kurz vor Turnierstart. Angeblich aber hat nicht die UEFA wegen Menschenrechtsverletzungen den Vertrag gekündigt, sondern der Sponsor stellte fest, dass er künftig eine andere Geschäftsstrategie verfolge. Der Fußball hat seinen Zweck erfüllt – ein EM-Viertelfinale in Baku gehört dazu, bei dem zwei tapfere Außenseiter auf den Großteil ihrer Fans verzichten müssen.

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