AdUnit Billboard
England - Der Autor Ben Lyttleton spricht über die englische Schwäche beim Elfmeterschießen – und wie sie beseitigt werden konnte

„Es war ein nationales Trauma“

Von 
Hendrik Buchheister
Lesedauer: 
Auch bei der WM 1990 verlor England das Elfmeterschießen gegen Deutschland. Im Bild tröstet Lothar Matthäus den Fehlschützen Chris Waddle. © Imago

London. Es ist eine Art englisches Trauma: das Elfmeterschießen. Der britische Autor Ben Lyttleton hat ein Buch über die Kunst des Strafstoßes geschrieben. Im Interview spricht der Sportjournalist über die Gründe für die englische Schwäche vom Punkt und warum er im EM-Achtelfinale am Dienstag (18 Uhr, ARD) im Wembley-Stadion bei einem Elfmeterschießen dennoch Hoffnung auf einen Erfolg der Three Lions hegt.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Seit 1990 hat England bei großen Turnieren sechs Elfmeterschießen verloren. Warum kann England keine Elfmeter?

Fußball-Autor Ben Lyttleton

Ben Lyttleton (Jahrgang 1975) ist ein britischer Sportjournalist und Autor verschiedener Fußball-Bücher. Er schreibt für die Times, den Guardian und FourFourTwo. Außerdem ist er Geschäftsführer von Soccernomics, einer Unternehmensberatung, die sich auf Fußball spezialisiert hat. Sein in diesem Interview thematisiertes Buch ist in Deutschland unter dem Titel „Elfmeter – Die Kunst des perfekten Strafstoßes” erhältlich.

Ben Lyttleton: Nach jeder dieser Niederlagen hieß es bei uns: Elfmeterschießen ist eine Lotterie, wir hatten einfach Pech. Aber das stimmt nicht. Es gibt Wege, wie man die Erfolgschancen im Elfmeterschießen erhöhen kann. Man kann Elfmeterschießen trainieren. Das ist in der Vergangenheit nicht passiert. Zumindest nicht so, dass es sinnvoll gewesen wäre.

Bei der WM in Russland vor drei Jahren hat England zum ersten Mal seit 1996 wieder ein Elfmeterschießen gewonnen, im Achtelfinale gegen Kolumbien. Was hat sich verändert?

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Lyttleton: Gareth Southgate und sein Trainerteam haben erkannt, dass ein Elfmeterschießen mehr als Glückssache ist. Sie haben wahnsinnig viel Zeit investiert, um Elfmeterschießen zu analysieren und mit den Erkenntnissen zu arbeiten. Ein Beispiel: Untersuchungen haben gezeigt, dass England seine Elfmeter in der Vergangenheit immer hastig geschossen hat. Sobald der Schiedsrichter pfiff, liefen die Spieler los, wie ein Sprinter beim Startschuss. Dabei ist doch klar, dass man, wenn man eine Sache hastig macht, sie viel ungenauer ausführt, als wenn man sich Zeit nimmt. Wenn man sich jetzt Englands Elfmeter anschaut, dann sieht man, dass die Spieler nach dem Pfiff des Schiedsrichters immer ein paar Sekunden warten, bevor sie anlaufen.

Southgate musste auf die harte Tour lernen, was es bedeutet, einen wichtigen Elfmeter zu verschießen – im EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland?

Lyttleton: Genau, er weiß aus eigener Erfahrung, was lange bei uns falsch gelaufen ist. Er musste spüren, was es bedeutet, der Sündenbock der Nation zu sein. Das alles hat er genutzt. Egal, was er als Nationaltrainer noch erreicht – sein größtes Verdienst ist, dass er uns von unserem nationalen Trauma bei Elfmeterschießen befreit hat. Das war es wirklich: ein Trauma. Das war schädlich. Die Spieler hatten bei jedem Turnier Angst: Hoffentlich gibt es kein Elfmeterschießen, hoffentlich werde ich nicht zum Sündenbock. Southgate hat das gedreht.

Das heißt: Sollte es am Dienstag im EM-Achtelfinale im Wembley-Stadion gegen Deutschland Elfmeterschießen geben, wird England gewinnen?

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

Lyttleton: Es gibt den berühmten Spruch von Gary Lineker, dass am Ende immer die Deutschen gewinnen würden. Falls es Elfmeterschießen gibt, habe ich das Gefühl, dass sich das ändern könnte. Ganz sicher kann man sich natürlich nie sein. Aber auf jeden Fall können wir sagen, dass wir bestmöglich auf ein Elfmeterschießen vorbereitet sind - das war in der Vergangenheit anders.

AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1