Fußball - Hertha-Investor Windhorst findet heute, dass viele Analysen des Kurzzeit-Trainers so falsch nicht waren Ein Jahr nach dem Klinsi-Schock

Von 
Jens Marx, Arne Richter
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Jürgen Klinsmann beendete sein Intermezzo bei Hertha BSC am 11. Februar 2020 mit einem Paukenschlag. © dpa

Berlin. Für sein Intermezzo bei Hertha BSC hatte Jürgen Klinsmann erst gar keinen großen Koffer gepackt. Dass er selbst es nach nicht mal 80 turbulenten Tagen und mit einem fast beispiellosen Nachspiel schon wieder beenden würde, hatte er sicher nicht gedacht, als er gut gelaunt und in typischer Klinsmann-Manier mit viel Energie und Aufbruchstimmung in Berlin losgelegt hatte.

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„Rückblickend stellen inzwischen ja viele fest, dass viele Impulse und Analysen von Jürgen Klinsmann so falsch nicht waren. Es hätte sehr konstruktiv sein können“, sagt Hertha-Investor Lars Windhorst der Deutschen Presse-Agentur ein Jahr nach dem Tag, der dem Berliner Fußball-Bundesligisten noch ganz lange in Erinnerung bleiben wird.

Es war der 11. Februar 2020. Am Wochenende zuvor hatte Hertha daheim – damals noch vor Zuschauern, die in der Überzahl maßlos enttäuscht waren – 1:3 gegen den FSV Mainz 05 verloren. Nur Rang 14 in der Tabelle. Klinsmann hatte den Spielern dennoch einen freien Sonntag verordnet: „Die Jungs sollen sich die Köpfe frei machen, mit ihren Frauen ein bisschen rausgehen und das verdauen. Danach gehen wir am Dienstag wieder in die Vorbereitung Richtung Paderborn.“ Am Montag vor jenem Dienstag hatte er im schwarzen Sakko in einem Berliner Szene-Lokal noch über seine Ziele mit Hertha BSC geschwärmt. Am Dienstagvormittag, um 10.10 Uhr am 11. Februar, veröffentlichte Klinsmann bei Facebook dann eine Nachricht, die mit Schwärmerei gar nichts mehr zu tun hatte. „Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden.“ Klinsmann trat als Trainer zurück.

Teure Neuzugänge

„Es sind seltsame Nachrichten, wir sind alle durcheinander“, sagte der damalige Mittelfeldspieler Marko Grujic. Klinsmann informierte die Mannschaft selbst noch vor dem Training, das anschließend sein Co-Trainer Alexander Nouri leitete. „Wir dachten, es geht um die Analyse des letzten Spiels. Und dann hat er es uns gesagt, dass er nicht länger Trainer ist“, sagte Grujic.

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Klinsmann dachte, dass er allerdings im Aufsichtsrat weitermachen könnte. Investor Windhorst, für den Klinsmann in dem Gremium saß, beendete die Träumereien des ehemaligen Bundestrainers und rechnete mit der Art und Weise ab, wie Klinsmann seinen Trainer-Posten geräumt hatte: „Das kann man als Jugendlicher vielleicht machen, aber im Geschäftsleben, wo man unter Erwachsenen ernsthafte Vereinbarungen hat, sollte so etwas nicht passieren.“

Dabei hatte Klinsmann als Nachfolger des erfolglosen Ante Covic am 27. November 2019 viel Freiraum bekommen. Er war schließlich, was die Hertha brauchte: ein Gesicht, das über Deutschland hinaus bekannt ist, eine Persönlichkeit, die den Club aus dem Dilemma der Wahrnehmungstristesse reißt.

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Angesprochen auf die legendären Buddha-Figuren auf dem Bayern-Gelände während seiner dortigen Trainer-Zeit hatte Klinsmann noch mit Blick auf die anstehenden Veränderungen in Berlin betont: „Ich habe in meinem Koffer, der nicht so groß ist, keine Mitbringsel dabei, die ich installieren möchte.“

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Er durfte dank der Windhorst-Millionen kräftig shoppen, fast 80 Millionen Euro gab die Hertha im damaligen Winter-Transferfenster aus. Sportlich schlug sich wenig nieder. Klinsmanns Bilanz: Pokal-Aus im Achtelfinale gegen den FC Schalke 04, dazu drei Niederlagen in der Liga, drei Unentschieden und drei Siege. Unter den Ansprüchen der Hertha-Bosse, unter den Ansprüchen von Klinsmann, der zu Beginn sogar Keeper-Coach Andreas Köpke vom DFB hatte befristet loseisen können. Er wollte viel bewegen, die Mannschaft stagnierte aber. Als wäre sein Weggang in der Öffentlichkeit nicht schon als stillos genug wahrgenommen worden, polterte Klinsmann einige Tage später erst so richtig los. In einer Art Tagebuch, das die „Sport Bild“ in gekürzter Form abgedruckt hatte und bei dem es sich um ein internes Papier für den Ex-Coach und dessen Partner gehandelt haben sollte, rechnete Klinsmann mit der Hertha ab.

Da war die Rede von einer „Lügenkultur“, einer Mannschaft, die bei der Übernahme in einem „katastrophalen Zustand“ gewesen sei. Davon, dass Klinsmann schon Ende Dezember darüber nachdachte, die Sachen wieder hinzuschmeißen. „Der Club hat keine Leistungskultur, nur Besitzstandsdenken und es fehlt jegliches Charisma in der Geschäftsleitung“, hatte es auch in der Bestandsaufnahme geheißen.

Keine Reaktion auf Entwicklung

Michael Preetz bezeichnete die Vorwürfe damals als „perfide und ungehörig“. Es sei im Prinzip ja keiner von Klinsmanns Kritik ausgenommen worden, sagte Preetz, der in dem Papier allerdings besonders häufig stark angegangen wurde. „Ich halte das aus, ich bin stabil“, sagte Preetz. Nicht mal ein Jahr später ist auch er nicht mehr im Amt als Sport-Geschäftsführer – im Gegensatz zu Klinsmann allerdings nicht freiwillig. Von „Klinsi ist keine Reaktion auf die jüngsten Entwicklungen überliefert. dpa