Hintergrund - Katar hat mehr als eine Milliarde Euro in den europäischen Fußball investiert – auch um seine politische Position zu stärken Der Sport als Strategie

Von 
Roony Blaschke
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DOHA. Vor zwei Jahren fand das wichtigste Fußballturnier Asiens in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt, in einer der wohlhabenden Öl-Monarchien am Persischen Golf. Fans des kleinen Nachbarn Katar durften nicht einreisen. Im Halbfinale warfen Zuschauer des Gastgebers Schuhe und Flaschen auf die Spieler Katars. Dennoch gewann Katar auch das Finale gegen Japan und wurde erstmals Asienmeister.

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„Der Fußball ist ein Spiegel der Spannungen am Golf“, sagt Jassim Matar Kunji, früher Torhüter in der katarischen Liga und nun Journalist beim Fernsehsender Al Jazeera. „Es wurden Sponsorenverträge zwischen den Ländern gekündigt und Spielertransfers abgesagt.“ Seit 2017 spitzte sich ein alter Konflikt am Golf zu: Saudi-Arabien verhängte eine wirtschaftliche Blockade über Katar. Der Vorwurf: Katar würde Terrorgruppen unterstützen und pflege eine zu große Nähe zur Muslimbruderschaft und zum Iran. Saudi-Arabien stellte Lebensmittelimporte ein. Durch die Unterbrechung von Reisewegen wurden Familien getrennt.

Club-WM mit FC Bayern

„Viele Katarer haben eine Invasion von Saudi-Arabien für möglich gehalten“, sagt Jassim Matar Kunji und nennt ein warnendes Beispiel. 1990 marschierte der übermächtige Irak in Kuwait ein. In den kleineren Staaten setzte sich das Bewusstsein durch, dass sie bei einem vergleichbaren Angriff klar unterlegen wären. Die Armee Saudi-Arabiens zählt heute 200 000 Soldaten, die von Katar 12 000. Um diesen Unterschied auszugleichen, verfolgt Katar eine Strategie der Soft Power: mit milliardenschweren Investitionen in Kultur, Wissenschaft und Fußball, mit Großveranstaltungen, Vereinsbeteiligungen oder Sponsoren-Partnerschaften bei Paris Saint-Germain oder beim FC Bayern München.

Wichtige Bühne

Die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ist der wohl wichtigste Teil dieser Strategie. Doch auch die Club-WM, die seit Montag läuft, bietet dem Emirat mitten in der Pandemie eine wichtige Bühne. Der Champions-League-Sieger FC Bayern steigt am 8. Februar in den Wettbewerb ein. „Die Golfstaaten wollen neue Wirtschaftszweige entwickeln. Denn ihre traditionellen Einnahmequellen Öl und Gas sind endlich“, sagt der Sportwissenschaftler Mahfoud Amara von der Qatar Universität in Doha. „Der Sport dient als Strategie, um andere Sektoren wie Tourismus, Handel oder Transportwesen bekannter zu machen.“

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Das katarische Herrscherhaus ließ eine der größten Sportakademien der Welt bauen und erwarb Katar die Mehrheit von Paris Saint-Germain. Zudem wurde Qatar Airways der erste Trikotsponsor des FC Barcelona. Bis heute steckte man mehr als eine Milliarde Euro in den europäischen Fußball. „Wir sehen in der Fußballindustrie eine massive Machtverschiebung nach Osten“, sagt Simon Chadwick, Gründer des Zentrums der Eurasischen Sportindustrie. Die Konkurrenz wird hart geführt. Saudi-Arabien baute den Piratensender „BeoutQ“ auf, der das Programm des katarischen Sportsenders „BeIN Sports“ abschöpft und selbst verbreitet.

Doch dann kam Corona. Der ohnehin niedrige Öl-Preis brach ein, ausländische Investitionen gingen zurück, Touristen blieben fern. Anfang Januar beendete Saudi-Arabien schließlich nach dreieinhalb Jahren die Blockade gegen Katar. „Die Golfstaaten haben eingesehen, dass sie in dieser schwierigen Zeit auf eine Zusammenarbeit angewiesen sind“, sagt Kristian Ulrichsen, der ein Buch über die Golfkrise geschrieben hat. Auch Riad und Dubai wollen von der WM 2022 profitieren, womöglich mit Trainingscamps, Sponsorenevents oder der Beherbergung von Fans.

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Keiner der Staaten am Persischen Golf wird demokratisch regiert, eine Gewaltenteilung existiert nicht. Wenzel Michalski von Human Rights Watch sieht es kritisch, dass Vereine aus demokratisch regierten Ländern wie der FC Bayern die katarische Außenpolitik mit ihren Partnerschaften aufwerten: „Wenn europäische Clubs auf den Profit schon nicht verzichten wollen, dann könnten sie den wenigen kritischen Aktivisten vor Ort mehr Interesse entgegenbringen.“

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Die katarische Herrscherfamilie lässt zwar die 250 000 Staatsbürger am Wohlstand teilhaben, ihr Prokopfeinkommen ist eines der höchsten weltweit. Doch die rasende Entwicklung Katars wurde von Hunderttausenden Gastarbeitern ermöglicht. Viele von ihnen erkrankten bei hohen Sommertemperaturen oder starben. Inzwischen wurde der Schutz der Arbeiter verbessert und ein Mindestlohn eingeführt. Doch Menschenrechtler kritisieren, dass die Umsetzung der Reformen nicht ausreichend kontrolliert werden.

Zugeständnisse an Konservative

Von den rund 2,5 Millionen Einwohnern in Katar haben nur zehn Prozent einen katarischen Pass. „Einige Geschäftsleute haben Bedenken, dass sich Katar durch die WM zu sehr öffnen könnte“, sagt der Politikwissenschaftler Mehran Kamrava von der Georgetown Universität in Doha. 2018 ließ der Emir die Alkoholpreise durch Steuern massiv erhöhen. Zugeständnisse an konservative Kreise, denn nur mit innerpolitischer Stabilität lässt sich außenpolitisch Soft Power betreiben.