Handball: Gegen Ungarn wird sich bei der WM zeigen, wie stabil die deutsche Mannschaft wirklich schon ist Der erste Stresstest

Von 
Marc Stevermüer
Lesedauer: 
Paul Drux (rechts, hier gegen den Österreicher Julian Ranftl) erwartet gegen Ungarn ein sehr körperbetontes Spiel © Marius Becker

Mannheim/Gizeh. Paul Drux gab Entwarnung. Der Lagerkoller sei noch nicht eingetreten, sagte der Rückraumspieler der deutschen Handball-Nationalmannschaft, die nun seit fast drei Wochen mehr oder weniger eingesperrt zusammen lebt. Zunächst in der WM-Vorbereitung in Neuss, dann im ägyptischen Vorrundenspielort Gizeh. Im Gegensatz zu vorangegangenen Turnieren gibt es zwar keinen Gemeinschaftsraum, aber fast jeder hat Karten- und Brettspiele eingepackt, die Darts-Scheibe steht, eine Mini-Tischtennisplatte wurde ebenfalls aufgebaut. „Und wenn es einem ganz schlecht geht, setzt man sich auf den Balkon und schaut sich die Pyramiden an. Dann geht es einem auch besser“, scherzte der Rechtshänder von den Füchsen Berlin am Montagmorgen im luxuriösen Hotel der DHB-Auswahl, für die am Dienstag gegen Ungarn (20.30 Uhr/ZDF) ein wegweisendes Duell für den weiteren Turnierverlauf ansteht und die sich nach dem Corona-Chaos der Vortage nur allzu gern ausschließlich auf den Sport konzentrieren würde.

  • Der nachnominierte Rechtsaußen Patrick Groetzki von den Rhein-Neckar Löwen hat sich nach seiner Ankunft im ägyptischen WM-Spielort Gizeh zunächst in eine Isolation begeben und dann nach einem weiteren negativen Corona-Test am Montagabend mit der deutschen Nationalmannschaft trainiert. Das bestätigte der Deutsche Handballbund auf Anfrage dieser Redaktion.
  • Der Linkshänder ist bereits ein ernsthafter Kandidat für den Kader im WM-Vorrundenspiel am Dienstag (20.30 Uhr) gegen Ungarn. Bundestrainer Alfred Gislason darf 16 seiner 20 Profis auf den Spielberichtsbogen schreiben.
AdUnit urban-intext1


Intern, das verriet Bundestrainer Alfred Gislason, habe er schon den Wunsch geäußert, am liebsten nur noch auf sportliche Fragen antworten zu müssen. Doch natürlich weiß auch der erfahrene Isländer, dass dies momentan kaum, eigentlich sogar überhaupt nicht möglich ist. Nicht in diesen Zeiten. Nicht unter diesen Bedingungen. Und erst recht nicht nach der bisherigen Geschichte dieses ohnehin schwer umstrittenen Turniers sowie den Hygienemängeln im Hotel, die auch die Deutschen thematisierten. Corona hat die WM infiziert – und das ja nicht nur thematisch.


„Es wird zur Sache gehen“
Mittlerweile, berichtete Gislason, seien aber immerhin die Missstände im Quartier behoben, weshalb die morgendliche Video-Fragerunde anschließend auch ganz in seinem Sinne weiterlief. Es ging um Handball. Genauer gesagt: Um das Duell gegen Ungarn, das zwar noch ein Vorrundenspiel ist, aber eigentlich schon als Begegnung der Hauptrunden durchgeht. Diese haben beide Teams bereits erreicht – und da die Punkte mitgenommen werden, würde ein Sieg den Deutschen glänzende Perspektiven mit Blick auf den anvisierten Viertelfinaleinzug eröffnen.


„Das wird der erste richtig schwere Gegner“, sagte Drux und warnte vor den „großen Jungs da hinten“ in der Abwehr. Dort werde es „zur Sache gehen“, was so viel bedeutet wie: Es wird wehtun. Die Deutschen müssen also bereit sein, sich furchtlos dieser robusten Gangart zu stellen. Und da sie selbst mangels Vorbereitungszeit mit komplett neu formierter Mannschaft vermutlich eher keine Positionsangriffe mit chirurgischer Präzision und punktgenauer Perfektion vortragen werden, wollen sie selbst natürlich auch über die Deckung ins Spiel kommen.

AdUnit urban-intext2


Dabei geht es gar nicht mal darum, hart zu verteidigen. Im Gegenteil: Die Regelauslegung bei Weltmeisterschaften ist in dieser Hinsicht traditionell eher kleinlich, es drohen Zeitstrafen in Serie. Viel wichtiger wird es sein, gegen die wurfgewaltigen Ungarn schlau in der Defensive zu agieren und ein wenig weiter herauszurücken, aggressiv am Mann zu sein und erst gar keine kontrollierten Abschlüsse zuzulassen. Kurzum: Die Deutschen wollen unangenehm, schnell auf den Beinen und überall zu finden sein. So wie ein Bienenschwarm. Drux findet es „spannend“, wie sich die junge DHB-Auswahl schlagen wird. Der Berliner gehört zu den erfahreneren Kräften im Team, das eher ein wenig auf die Zukunft ausgerichtet ist – durch Leidenschaft, Zusammenhalt und Gislasons Taktik in dieser Konstellation aber besser als die Summer seiner Einzelteile sein und somit die Gegenwart überlisten soll. Das ist zweifelsohne möglich, Drux kennt die Besonder- und Eigenheiten eines Turniers. Ihm ist aber auch klar, dass die Begegnung gegen Ungarn in jeglicher Hinsicht der erste große Prüfstein für die DHB-Auswahl ist. Denn die beiden EM-Qualifikationsspiele gegen Österreich und auch der WM-Auftakt gegen Ungarn hatten dann doch eher etwas von einem Wettrennen zwischen einem Trabi und einem Formel-1-Renner.


Das dürfte diesmal anders werden. Es drohen Rückschläge und Rückstände innerhalb des Spiels, genauso können überraschende und unerwartete Dinge passieren. „Es wird in diesem Turnier darauf ankommen, auch in kritischen Phasen zu bestehen“, sagte Kapitän Uwe Gensheimer. Seine Worte sind keine Feststellung, sondern eher ein Appell an die Kollegen, sich darauf einzustellen. Denn auf dem Feld wird ein Blick auf die Pyramiden unmöglich sein.
 

Mehr zum Thema

Handball-WM Erleichterung über Absage

Veröffentlicht
Von
dpa/red
Mehr erfahren

Corona und Sport Das denken Trainer über Handball-WM

Veröffentlicht
Von
red
Mehr erfahren

Handball „Weltmeister wird, wer noch zehn Spieler hat“

Veröffentlicht
Von
tip/Bild: Neu
Mehr erfahren