Das Märchen vom harmlosen Corona im Profisport

Von 
Alexander Müller
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Mannheim. Es ist eine gefährliche Mär. Die Geschichte vom durchtrainierten Spitzensportler, der eine Corona-Infektion ohne Symptome einfach so wegsteckt. Ein paar Tage Ruhe in der Quarantäne - und weiter geht’s. Aber das kann ein verhängnisvoller Trugschluss sein, der große Risiken für die Gesundheit der Athleten birgt. Denn es gibt sie sehr wohl, die Sportler, die ernsthafte Covid-19-Symptome bis hin zu schweren Herz-Kreislauf-Problemen entwickeln - und über mögliche Langzeitfolgen der neuartigen Krankheit ist schlicht noch zu wenig bekannt.

Drei Spitzensportler, drei schlechte Erfahrungen mit einer Corona-Infektion: Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan (großes Bild), der frühere Adler-Profi Janik Möser und der künftige Rhein-Neckar-Löwe Juri Knorr. © dpa (2)/Binder
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„Man sollte eine Corona-Infektion auf jeden Fall ernstnehmen“, hat der Kölner Kardiologe Thomas Schramm zu „sportschau.de“ gesagt. Der Mediziner ist an der Studie „Covid-19 im Hochleistungssport“ beteiligt, die das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule gemeinsam mit dem Olympiastützpunkt Rheinland durchführt.

Selbst wer nichts von einer Infektion bemerkt, kann sich nicht sicher sein, dass er Sars-CoV-2 spurlos übersteht. Als mögliche Langzeitfolgen gelten Erschöpfung, Atemnot, Kopfschmerzen, Herzstolpern und Schlafstörungen. Betroffen sind nicht nur Patienten mit schwerem, sondern auch mit mildem Infektionsverlauf, bei denen sämtliche Untersuchungswerte im Normalbereich liegen können.

Vielleicht war es eine gewisse Form von Sorglosigkeit, die den VfL Wolfsburg dazu brachte, im Fußball-Bundesliga-Spiel bei Union Berlin (2:2) am 9. Januar Verteidiger Marin Pongracic einzusetzen. Der Kroate hatte sich das Virus im November bei der Nationalmannschaft eingefangen, nachdem er im Sommer bereits mit dem Pfeifferschem Drüsenfieber darnieder gelegen hatte. Doch schon ab Mitte Dezember musste Pongracic wieder spielen, weil die Wolfsburger Personalprobleme in der Defensive hatten.

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Gegen Union wurde es ihm zu viel. „Marin hatte große Probleme mit der Luft“, berichtete Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner. „Er hatte schon während der ersten Halbzeit hin und wieder beide Arme auf den Knien, wie man es normalerweise am Ende einer Verlängerung kennt. Bei ihm war es schon nach 15 Minuten zum ersten Mal.“ In der Pause wechselte Glasner seinen Abwehr-Mann aus. Es bleibt ein Einsatz, der Fragen aufwirft.

Herz-Probleme bei Möser

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Auch Nationalspieler Ilkay Gündogan traf Corona hart. „Mit diesem Virus ist einfach nicht zu scherzen“, sagte der 29-Jährige, der sich tagelang „total schlapp“ fühlte und seinen Geschmackssinn vorübergehend verlor. In sozialen Medien hätten einige Nutzer kommentiert, er würde „zu Hause chillen und dann wieder trainieren“, so Gündogan. „Alles, was ich zu diesen Leuten nur sagen kann, ist: Nein! Unglücklicherweise war das kein Vergnügen.“ Mediziner Schramm kritisiert am Fall Gündogan die mangelnde Fürsorge von dessen englischem Arbeitgeber Manchester City. „Wieso lässt man so einen Spieler wie Ilkay Gündogan wieder trainieren und spielen, wenn sein Körper ihm sagt, ich bin nach jedem Training total kaputt und muss ins Bett? Das ist ein klares Zeichen des Körpers, dass etwas nicht in Ordnung ist“, meinte der Kardiologe.

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Natürlich gibt es auch die Beispiele, in denen eine Corona-Infektion bei Spitzensportler vergleichsweise harmlos verläuft. Fußball-Stars wie Cristiano Ronaldo, Neymar, Kylian Mbappé oder Serge Gnabry kamen schnell wieder auf die Beine, genau wie Tennisprofi Novak Djokovic, oder Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton ihre Erkrankung gut verkrafteten.

Doch unantastbar sind auch Spitzensportler beileibe nicht. Man frage nur nach beim dreifachen Ringer-Weltmeister Frank Stäbler (31), der sich im Oktober infizierte. Das Virus griff seine Lunge an, er büßte mehr als 20 Prozent seiner Leistungsfähigkeit ein. „Ich hätte nie gedacht, dass es auch mit meinem Körper etwas anrichten kann“, gestand der Schwabe, der nun mit einer Atemtherapie versucht, wieder komplett fit zu werden.

Auch der aus Mannheim stammende Eishockey-Profi Janik Möser (25) hat unter Covid-19 zu leiden. Eine Herzmuskelentzündung geht nach Einschätzung der Ärzte und seines aktuellen Vereins Grizzlys Wolfsburg auf eine Infektion zurück. „Ich möchte mit meinem Fall andere Profi- und Hobby-Sportler darauf hinweisen, dass sie Corona nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen“, wandte sich der frühere Adler Möser bewusst an die Öffentlichkeit. Wann er wieder aufs Eis darf, steht in den Sternen.

Erfahrungen von Neu-Löwe Knorr

Handball-Nationalspieler Juri Knorr hat seine Infektion ebenfalls sensibilisiert. „So lange ich nicht selbst betroffen war, habe ich immer gedacht: Mich wird es schon nicht treffen. Aber als es mich erwischt hatte, musste ich schlucken“, hat der erst 20-jährige künftige Profi der Rhein-Neckar Löwen dieser Redaktion erzählt. „Mir ging es mehrere Tage richtig schlecht, das hat meinen Blickwinkel auf die Pandemie verändert. Mir wurde klar: Es kann jeden treffen, weshalb auch jeder das Thema ernstnehmen muss.“

Erste Forschungsergebnisse zeigen: Corona greift nicht nur die Lunge an, auch das Herz kann betroffen sein. Das bestätigen Kardiologen der Universitätsklinik Frankfurt, die herausgefunden haben, dass selbst eine mild verlaufende SARS-CoV-2-Infektion zu Herzschäden führen kann. Faktoren sind die Schwere der Infektion, bestehende Vorerkrankungen und der generelle Verlauf der akuten Erkrankung.

Die Kölner Mediziner plädieren deshalb für eine behutsame Rückkehr in den Leistungssport nach einer Infektion, bei der der Betroffene engmaschig kontrolliert wird. Eine längere Pause als bei einem üblichen Infekt sei dringend geboten. Daran gemessen fiel das Wolfsburger Verhalten im Fall Pongracic wohl in die Kategorie Fahrlässigkeit.

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