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  „Da gibt es jetzt eine, die macht das richtig gut“

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Die Pionierin der Fußball-Live-Berichterstattung Im Deutschen Sportjournalismus Zieht Sich Zurück Sabine Töpperwien, die 32 Jahre Als Hörfunkreporterin Für Den Wdr die Legendäre Bundesliga-Konferenz Am Samstag Geprägt Hat, Steigt Aus Gesundheitlichen Grün
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Sabine Töpperwien war 32 Jahre in den deutschen Stadien als WDR-Hörfunkreporterin unterwegs. © dpa

Sabine Töpperwien erinnert sich an ihre Radiokarriere und berichtet, wie ihr Beate Rehhagel zu Akzeptanz bei deren Mann Otto verhalf.

Sabine Töpperwien

Geboren am 6. Oktober 1960 und aufgewachsen in Osterode/Harz. Mit Vater, Mutter und Bruder Rolf besucht sie die Heimspiele des VfR Osterode; Fußball ist in der Familie ein großes Thema, bei dem selbstverständlich die Frauen gleichberechtigt mitreden. Die Tischtennis-Zweitligaspielerin zieht es nach dem Studium der Sozialwissenschaft (Diplomarbeit: „Tendenzen der Professionalisierung des Fußballsports in Deutschland in seinen historischen und sozialen Dimensionen“) in den Sportjournalismus – ihr zehn Jahre älterer Bruder Rolf ist da schon als ZDF-Reporter wegen seiner Interviews und origineller Reportagen in der Bundesliga bekannt wie ein bunter Hund. Über Praktika bei Tageszeitungen kommt sie 1985 zum NDR, der sie 1987 fest anstellt. 1989 folgt der Wechsel zum WDR, wo sich Töpperwien als Live-Reporterin schnell einen Namen macht. 2001 übernimmt sie die Leitung der Hörfunk-Sportredaktion des bei der legendären Bundesliga-Konferenz federführenden Senders, 2006 managt sie bei der WM in Deutschland das ARD-Hörfunkteam. Nach 36 Berufsjahren – davon 32 beim WDR – hört die Wahl-Kölnerin Ende Januar 2021 aus gesundheitlichen Gründen auf. hp

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Frau Töpperwien, am vergangenen Donnerstag hat der WDR Ihren Rückzug aus dem Berufsleben verkündet. Welche Reaktionen sind bei Ihnen eingelaufen?

Sabine Töpperwien: Vor allem sind es so viel mehr als ich erwartet hatte – mit einem derart überwältigenden Feedback habe ich nicht gerechnet. Ob auf dem Handy, per Mail oder in den sozialen Netzwerken – Kolleginnen, Kollegen, Zuhörerinnen und Zuhörer haben sich gemeldet und Erinnerungen geteilt, meistens in Zusammenhang mit der Bundesliga-Konferenz. Und das schönste: 99,5 Prozent waren positiv. Mir ist das Herz aufgegangen.

Als Sie vor über 35 Jahren in den Beruf einstiegen, waren die Reaktionen bestenfalls geteilt. Frauen, die über Fußball berichteten, hatten es schwer – in der Öffentlichkeit, aber auch bei den männlichen Kollegen.

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Töpperwien: Das kann man wohl sagen. Ich kann mich noch gut an meine erste Konferenz beim NDR erinnern. Ich wurde als neue freie Mitarbeiterin gefragt, über welche Sportarten ich gern berichten würde. Ich sagte „Fußball“ – und ich werde nie vergessen, wie mich zwölf Augenpaare entgeistert ansahen. Der Chef sagte dann: „Aber Sie sind doch eine Frau!“ In dem Moment war mir klar, dass der Weg zu meinem Traumziel härter werden würde als gedacht.

Man hat Ihnen dann Rhythmische Sportgymnastik angeboten …

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Töpperwien: … aber das habe ich abgelehnt, weil ich keine Ahnung davon hatte. Wir haben uns dann erst mal auf Hockey geeinigt, aber ich habe immer auf meine Chance gelauert. Als dann im September 1987 keiner für einen dreiminütigen Telefonbericht mit Schlusspfiff zum Amateuroberligaspiel zwischen Concordia Hamburg und TSV Havelse gehen wollte, kam ich zu meinem ersten Live-Einsatz. Trainer in Havelse war übrigens Volker Finke, mit dem ich später über dieses Spiel gesprochen habe. Ein paar Wochen später gab ich mein Debüt als Live-Reporterin in der 2. Bundesliga – im Hindenburgstadion des SV Meppen, der gerade aufgestiegen war. Es drängte die Kollegen in Hamburg nicht mit Macht in die emsländische Provinz. Irgendwie passte das ja: Weder der SV Meppen noch die Reporterin wurden damals mit offenen Armen empfangen. Ich habe mich dort jedenfalls sehr wohl gefühlt.

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1989 waren Sie wieder die Erste – der NDR nominierte Sie für das Bundesligaspiel FC St. Pauli gegen den Hamburger SV am 16. September. Bis dahin hatte noch nie eine Frau ein Bundesligaspiel live im Radio kommentiert.

Töpperwien: Ja, aber das war letztlich nur ein PR-Gag und keine Anerkennung meiner Arbeit. Ich hatte bereits beim WDR unterschrieben, weil man mir dort zusicherte, über Fußball berichten zu können – Bundesliga inklusive. Die verantwortlichen Herren beim NDR ahnten, dass es um einen Eintrag ins Bundesliga-Geschichtsbuch ging und wollten sich diese Premiere noch schnell ans Revers heften. Das Spiel endete 0:0 – mein erster Bundesliga-Torschrei war also im WDR zu hören …

Die nächste Premiere ließ nicht lange auf sich warten: Am 28. Juni 1989 waren Sie die erste Frau, die die Live-Übertragung eines Fußballspiels im Fernsehen kommentierte. Es war das dramatische Halbfinale der Frauen-Europameisterschaft in Siegen, Deutschland gewann gegen Italien im Elfmeterschießen und wurde ein paar Tage später Europameister.

Töpperwien: Ja, und ich habe das als große Anerkennung und Ehre empfunden. Dieses Turnier war der Durchbruch für den Frauenfußball in Deutschland, ein paar Tage später war das Finale in Osnabrück an einer überfüllten Bremer Brücke ein echtes Highlight.

Im Gegensatz zu vielen Kollegen, für die der Hörfunk ein Sprungbrett zur TV-Karriere war, hat es Sie nie mit Macht zum Fernsehen gezogen. Warum blieben Sie dem Hörfunk treu?

Töpperwien: Ganz einfach: Ich liebe das Medium Radio! Gerade im Sport bietet es die einmalige Möglichkeit, sich zu 100 Prozent einzubringen. Ich habe es genossen, nicht nur ein Bild begleitend zu kommentieren, sondern für den Zuhörer alles zu sein: Ich konnte Bilder erzeugen, Stimmungen transportieren, Fachliches und Emotionen verbinden – mit meinem Wissen, meiner Empathie und meiner Stimme. Diese Faszination – für Reporter und Hörer – bietet nur das Radio.

Je mehr Sie beim WDR Managementaufgaben und 2001 die Leitung der Hörfunkredaktion Sport übernahmen, desto weniger konnten Sie Ihrer Leidenschaft Live-Reportage folgen. Haben Sie das mal bereut?

Töpperwien: Es stimmt, meine Leidenschaft gehört dem Job im Stadion. Aber es war auch eine Herausforderung, die Redaktion als Teamplayer zu führen. Höhepunkt war sicherlich die Aufgabe, bei der WM 2006 das gesamte ARD-Hörfunkteam zu koordinieren und zu steuern. Da musste ein bundesweites Puzzle gelegt werden. Dass ich als ARD-Teamchefin auf diese Weise am legendären Sommermärchen beteiligt war, hat viel Spaß gemacht. Wir hatten im Team ein tolles Wir-Gefühl, wie eine Sportmannschaft. Mein Credo war immer: Erst, wenn das letzte Glied in der Kette motiviert ist und gut arbeitet, ist auch das Gesamtprodukt gut.

Ein ganz anderer Ritterschlag Ihrer Laufbahn war wohl, dass Otto Rehhagel Sie als Gesprächspartnerin akzeptiert hat – obwohl für ihn ja lange Frauen nur in der Rolle der Spielerfrau im Fußball einen Platz hatten. Wie haben Sie das hinbekommen?

Töpperwien: Es lag an seiner Frau Beate. Sie hatte mich im Radio gehört und ihrem Mann gesagt: Da gibt es jetzt eine, die macht das richtig gut – mit der kannst Du ruhig reden. Geholfen hat mir auch der Name, denn mein Bruder Rolf hatte ja lange einen sehr guten Draht zu Otto.

Hat Ihnen Ihr Bruder, der ja zehn Jahre älter ist als Sie und beim ZDF als Reporter auch mit seinen Blitz-Interviews einen neuen Stil prägte, auch sonst geholfen?

Töpperwien: Mit bedingungsloser Unterstützung und Bestärkung meiner Berufswahl und als fachlicher Ratgeber– immer, das war großartig. Aber ich wollte nie von ihm protegiert werden oder Türen geöffnet bekommen. Da wollte ich mich schon allein durchsetzen.

Zum Abschluss eine Frage, die Sie vor fast neun Jahren mit „Absolut ausgeschlossen“ beantwortet haben: Glauben Sie, dass wir es noch erleben, dass eine Frau das Finale einer WM oder EM im TV kommentiert?

Töpperwien: Nein, zu meinen Lebzeiten wird es das nicht geben. Die Entscheidungsträger werden auch dann noch durchweg Männer sein …