Olympia - Athleten gehen unterschiedlich mit neuem Termin für die Sommerspiele in Tokio um Alles auf Anfang für Olympia

Von 
Andreas Schirmer
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Vor vier Jahren gewann der Kanute Ronald Rauhe in Rio Bronze. Tokio wären die sechsten Sommerspiele für den 38-Jährigen gewesen. Ob er im kommenden Jahr dabei sein wird, weiß er noch nicht. © dpa

Tokio/Frankfurt. Die neu gestellte Olympia-Uhr am Tokioter Hauptbahnhof tickt. Bis zur Eröffnungsfeier am 23. Juli 2021 sind es laut Anzeige am Mittwoch noch 478 Tage. „Je später, desto besser, weil keiner absehen kann, wie es mit der Coronavirus-Pandemie weitergeht“, sagte Johannes Herber, Geschäftsführer des Vereins Athleten Deutschland. Denn es ist nicht nur ein Neustart und Wettlauf mit der Zeit für die Olympia-Macher, sondern ebenso für die Athleten. Sie müssen neue Trainings- und Wettkampfpläne austüfteln und sich neu motivieren nach dem noch offenen Ende der Pandemie-Zwangspause.

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„Die qualifizierten Athleten werden sich leichter tun, sich aufzuraffen. Es werden aber alle schaffen, dafür ist Olympia zu groß“, sagte Herber. Allerdings erwartet der Generaldirektor des deutschen Leichtathletik-Verbands, dass viele von ihnen erst mal durch ein Tief gehen werden. „Olympia ist für jeden Athleten das Höchste in seiner sportlichen Laufbahn“, sagte Idriss Gonschinska. „Daher wirft eine solche bedeutsame Olympia-Absage die Athleten und das Trainerteam trotz aller Nachvollziehbarkeit in der Corona-Krise zunächst mental zurück. Es gilt sich also neu zu finden.“

Verletzungen auskurieren

Allerdings werden sich die Spitzensportler aus unterschiedlichen Gründen schwerer oder auch leichter beim neuen Anlauf auf die Spiele tun. „Als ich Olympia vor vier Jahren knapp verpasst habe, habe ich gesagt, dass 2020 mein Moment sein soll“, erklärte der 23-jährige 800-Meter-Läufer Marc Reuther aus Frankfurt in der „Bild“-Zeitung. „Für mich als Sportler ist das brutal.“

Das empfinden aus Altersgründen auch eine ganze Reihe von Athleten wie Ronald Rauhe. „Jetzt muss ich das erst mal sacken lassen“, sagte der 38 Jahre alte Kanu-Olympiasieger von 2004 aus Potsdam. Vier Jahre habe er auf seine sechsten Spiele hingearbeitet. Nun müsse er mit seiner Frau „Gespräche führen“ wie es weitergeht.

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Im wahrsten Sinne des Wortes durchringen muss sich auch Medaillenkandidat Frank Stäbler, der nach Olympia in diesem August die Karriere beenden wollte. Der 30-Jährige macht aber definitiv weiter. „Noch mal ein Jahr, noch mal eine Chance, um noch besser zu werden“, schrieb der Vorzeige-Ringer bei Facebook.

Für Turn-Ass Marcel Nguyen ist dagegen der Olympia-Aufschub ein Vorteil. „Ich habe wertvolle Zeit geschenkt bekommen“, sagte zweimalige Olympia-Zweite von 2012. Zeit, um nach schwerer Schulterverletzung wieder richtig fit zu werden. Auch für Kletter-Bundestrainer Urs Stöcker ist die Verschiebung für die neue Olympia-Sportart „nicht so schlecht“. Jetzt könne man sich noch besser vorbereiten: „Wir haben ein Jahr dazugewonnen.“

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Die Mehrheit der qualifizierten oder potenziellen Olympia-Starter – der Deutschen Olympische Sportbund rechnet mit einem rund 400 Athleten großen Team – sieht den neuen Tokio-Termin aber den Umständen entsprechend als ideal an. „Um für alle Sportler einen fairen Wettbewerb zu garantieren, ist das Datum nahezu optimal“, befand Hannes Ocik, Schlagmann des Deutschland-Achters. „Das gibt uns jetzt die Möglichkeit noch einmal durchzuatmen und strukturell noch aufzubauen.“ Auch Wasserspringer Patrick Hausding kann sich mit dem neuen Termin anfreunden, weil er „von der Trainingsmethodik her“ die beste Zeit für den wertigsten Wettkampf sei. Auch andere Verbände hätten so genug Spielraum, ihren Kalender entsprechend anzupassen.

„Große Chance vertan“

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„Eine große Chance wurde vertan“, findet hingegen Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behinderten-Sportverbandes. Der 73 Jahre alte SPD-Politiker war lange Zeit Vorsitzender des Sportausschusses. Beucher spielt auf die hohe Luftfeuchtigkeit in Japans Hauptstadt an, die insbesondere den Ausdauersportlern zu schaffen macht – die Marathonläufe finden deshalb in Sapporo statt. „Bei allem Respekt, bei aller Freude, dass endlich verschoben worden ist, sehe ich aber, dass man diesen Aspekt einfach hat liegenlassen“, sagte der Funktionär. Beucher spekuliert, dass die Fernsehrechte zu einem für die Athleten besseren Zeitpunkt weniger wert gewesen wären.

Kleine Bewegungen verblassen

Nach einem Jahr wieder auf das gleiche Niveau zu kommen, ist laut Experten aber nicht leicht. „Gerade Athleten in technischen Sportarten, in denen täglich an Details gefeilt werden muss, haben aktuell riesige Probleme, weil die Sportstätten geschlossen sind“, sagte Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Kleine Bewegungen würden verblassen, wenn sie nicht tagtäglich geübt würden. dpa