Handball-Europapokal - Wechselnde Einreisebestimmungen, unterschiedliche Quarantäneverordnungen, ausfallende Flüge Reise-Chaos betrifft auch die Rhein-Neckar Löwen

Von 
Marc Stevermüer
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Patrick Groetzki von den Rhein-Neckar Löwen. © Frank Molter

Mannheim. So richtig böse sind sie bei den Rhein-Neckar Löwen vermutlich nicht, dass der Trip nach Nordmazedonien ausfiel. Offen zugeben will das natürlich niemand. Wobei in diesen unsicheren Zeiten ja ohnehin keiner gerne reist, wenn es nicht gerade sein muss. Zum Beispiel zu einem Europapokalspiel. Und so wäre der Handball-Bundesligist selbstverständlich zur European-League-Begegnung am Dienstag bei HC Eurofarm Pelister Bitola geflogen, wenn es denn in organisatorischer Hinsicht nur irgendwie halbwegs erträglich möglich gewesen wäre. Doch genau das war es nicht, weshalb insbesondere der Fall des zweifachen deutschen Meisters zeigt, wie kompliziert bis schlichtweg nicht umsetzbar mittlerweile die Europapokal-Reiseplanungen in der Corona-Pandemie sind.

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Drohende Quarantäne im Ausland

Die Löwen kennen die Anreise nach Nordmazedonien aus den Champions-League-Duellen mit Vardar Skopje in den vergangenen Jahren. Bewährt hat sich die Route mit einem Flug am Morgen von Frankfurt nach Wien und von dort weiter in die mazedonische Hauptstadt. Doch diese Verbindung existiert momentan nicht täglich. Es gibt ja auch aus Sicht der Fluggesellschaften gute Gründe dafür. Denn wer plant in diesen Zeiten schon einen Abstecher in die Corona-Hochburg auf dem Balkan? Eine rhetorische Frage, weshalb auch die Löwen-Reise nicht umsetzbar war - wenn man mal die ganz absurden Alternativ-Lösungen außen vor lässt.

Eine davon wäre gewesen, nach dem Spiel in Berlin am Sonntagnachmittag nach Köln zu fahren, um dort um 1 Uhr in der Nacht in den Flieger nach Istanbul zu steigen und von dort nach Skopje zu fliegen. Reisezeit: acht Stunden und 15 Minuten. Rückreise am Mittwoch erneut über Istanbul, fast 14 Stunden unterwegs. Kurzum: weder mach- noch zumutbar. Und das ohne überhaupt genauer auf die Quarantänebestimmungen und Coronatestvorschriften bei der Einreise aus der Türkei nach Deutschland zu achten.

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Variante zwei: Das Ligaspiel in Berlin verlegen, den Bundesligaspielplan somit aber noch enger machen, sonntags von Düsseldorf über Wien nach Skopje fliegen und mittwochs über Wien zurück nach Düsseldorf. Das Problem: Die Löwen wären zu lange in Mazedonien gewesen, hätten dort auf Corona getestet werden müssen und bei einem positiven Fall hätte der entsprechende Spieler dort bleiben müssen. Denn die Airlines lehnen eine Beförderung von nachweislich an Corona erkrankten Passagieren ab. Sie verlangen sogar teilweise für die Beförderung negative Testergebnisse, die in Ausnahmefällen nicht älter als vier Stunden vor Abflug ausgestellt sein dürfen. Auch diese Reisevariante stand logischerweise nicht ernsthaft zur Diskussion.

„Wir haben den Europäischen Verband EHF bereits im Januar informiert, als unsere Flüge nach Nordmazedonien ersatzlos gestrichen wurden“, sagt Löwen-Managerin Jennifer Kettemann dazu. Mehr konnte ihr Club nicht machen.

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Noch schlimmer erwischte es Ligarivale Füchse Berlin. Heim- und Auswärtsspiel gegen Sporting Lissabon werden in der Gruppenphase der European League wohl nicht mehr ausgetragen. Portugal gilt seit Januar als Virusvarianten-Gebiet, eine Einreise aus solchen Ländern nach Deutschland ist verboten, sämtliche Flugverbindungen sind gestrichen, es herrscht teilweise sogar ein Landeverbot für Maschinen aus diesen Gebieten.

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Nach der Partie am vergangenen Sonntag gegen die Löwen hätte Berlin eigentlich am Dienstag zu Tatran Presov in die Slowakei reisen sollen. Alles war gebucht, als die Bundesregierung die Slowakei am 14. Februar ebenfalls zum Virusvarianten-Gebiet erklärte. Zehn Tage vor dem Spiel wurde es den Füchsen damit untersagt, die Reise anzutreten.

Keine Frage: Die Pandemie hat den Sport fest im Würgegriff. Natürlich in finanzieller Hinsicht, aber ebenso bei den Reisen, die immer schwieriger zu organisieren sind. Auch die Rückkehr aus Slowenien vom Auswärtsspiel bei Trimo Trebnje gestaltete sich für die Löwen vor zwei Wochen extrem anspruchsvoll. Von Ljubljana wäre eine direkte und unkomplizierte Rückreise nach Deutschland wegen geltender Corona-Regeln unmöglich gewesen, außerdem wird die slowenische Hauptstadt von Frankfurt aus nur noch zweimal die Woche angeflogen: montags und freitags.

Andere Regeln für jedes Land

Die Löwen spielten am Dienstag, konnten so wenigstens den Flug am Montag nutzen. Das war es aber schon mit guten Nachrichten. Denn zu allem Überfluss fehlte nach der Ankunft in Slowenien Gepäck, welches erst am Freitag mit dem nächstmöglichen Flug nachgeschickt wurde. Doch als die vermissten Taschen in Ljubljana ankamen, war der Tross des badischen Bundesligisten längst wieder zu Hause. Die Mannschaft setzte sich nämlich nach der Begegnung in Slowenien in den Bus, fuhr nach Österreich und flog von dort aus heim. Das wiederum ging, weil man relativ problemlos von Slowenien nach Österreich und von Österreich nach Deutschland reisen darf. Zwingend verstehen muss man das aber nicht.

Da es keine einheitliche Bewertung der Länder in der Corona-Pandemie gibt, sind die Clubs gefordert, die Reisebestimmung jedes Landes individuell zu überprüfen. Änderungen sind täglich möglich und erschweren eine verlässliche Planung. Und so geht es praktisch allen Europapokal-Startern.

Vardar Skopje spielte beispielsweise zuletzt in Porto und wollte über Frankfurt zurück in die Heimat reisen. Doch wer aus Portugal kommt, der darf in Deutschland noch nicht einmal umsteigen. Vardar hing also erst einmal ein paar Tage in Porto fest und konnte anschließend nicht in Flensburg antreten. Denn da die Nordmazedonier vorher in Portugal weilten, hätten sie in Deutschland zunächst in eine 14-tägige Quarantäne gemusst. Flensburg soll eigentlich auch noch in Porto spielen - man kann sich aber sicher sein, dass diese Partie angesichts der in Portugal verbreiteten Corona-Mutation ebenfalls niemals stattfinden wird. Denn für eine Quarantäne hat kein Club Zeit.

„Es war immer das Ziel der EHF, möglichst viele Spiele auf der Platte und nicht am ‚grünen Tisch‘ entscheiden zu lassen. Gleichzeitig hat das Exekutivkomitee schon im Dezember den Weg geebnet, dass nicht gespielte Spiele nach dem Verursacherprinzip gewertet können“, teilt die EHF auf Anfrage mit. Soll heißen: Fällt das Spiel wie in Bitola aus, weil die Löwen nicht anreisen, wird die Begegnung wohl für die Nordmazedonier gewertet. Am Freitag will sich die EHF endgültig zum Umgang mit nicht ausgetragenen Partien äußern.

Klar ist nur schon jetzt: Spielverlegungen in Länder, in denen beide Mannschaften einreisen dürften, wird es vorerst nicht geben. In der Fußball-Champions-League trug zwar Leipzig sein „Heimspiel“ gegen Liverpool in Budapest aus, doch da ging es um mehrere Millionen Euro. Diese Summen existieren beim Handball nicht, entsprechend würde sich dieser Aufwand nicht lohnen. Man darf also gespannt sein, ob die Europapokal-Wettbewerbe wirklich zu Ende geführt werden. Und wenn ja, unter welchen Umständen.

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft