Handball - Mikael Appelgren zeigt Weltklasse-Leistungen, lebt den Teamgeist vor, ist ein kritischer Zeitgenosse, ein bisschen verrückt und neuer Löwen-Kapitän Mikael Appelgren - deutlich mehr als nur ein Torwart

Von 
Marc Stevermüer
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Mikael Appelgren liebt Flamingos, wie bei einer Fan-Veranstaltung der Löwen im vergangenen Jahr unschwer zu erkennen ist. © Binder

Mannheim. Er mag es bunt, er mag es schrill. Und so verwundert es kaum, dass sich Mikael Appelgren besonders über das neue pinkfarbene Torwarttrikot der Rhein-Neckar Löwen freut - gilt der schwedische Schlussmann doch nicht nur als Paradiesvogel, sondern erwiesenermaßen auch als Flamingo-Fan. „Endlich bekomme ich meine Lieblingsfarbe“, sagt der 29-Jährige, der stets für gute Stimmung in der Kabine sorgt. Keine Frage: Einer wie er ist wichtig fürs Klima im Team.

Topspiel in Flensburg

  • Die Rhein-Neckar Löwen sind am Mittwoch mit Andy Schmid nach Hamburg geflogen. Der Weltklasse-Spielmacher des Handball-Bundesligisten wird nach Informationen dieser Zeitung auch im Topspiel am Donnerstag (19 Uhr) bei der SG Flensburg-Handewitt im Kader stehen. Schmid pausierte zuletzt wegen muskulärer Probleme.
  • Kristján Andrésson hat großen Respekt vorm Gegner. „Das ist eine Riesenherausforderung für uns. Auf uns warten eine starke Abwehr und ein tolles Torhüter-Gespann, dazu ein richtig gutes Tempospiel nach Ballgewinn. In dieser Hinsicht ist die SG eine komplette Mannschaft“, sagt der Löwen-Trainer.
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Wer allerdings glaubt, Appelgren sei nur eine Stimmungskanone im Kader des Handball-Bundesligisten, der irrt gewaltig. Nicht umsonst gehört er seit dieser Saison zusammen mit Uwe Gensheimer und Andy Schmid zum Kapitänstrio der Badener - und seine beiden Kollegen schwärmen geradezu, wenn sie über den Torwart sprechen.

Von allen geschätzt

„Mikael schaut auf alles sehr kritisch, er denkt im Großen, hat den gesamten Verein im Blick. Und er ist extrovertiert, was für dieses Amt nicht schlecht ist“, lobt Schmid, während Gensheimer eine Wesensveränderung bei Appelgren festgestellt hat: „Er ergreift häufig das Wort und hat eine unglaubliche Entwicklung als Persönlichkeit genommen.“

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Und wenn das einer beurteilen kann, dann der Linksaußen: Gensheimer hat einen frischen Blick auf das große Ganze, von 2016 bis 2019 spielte er schließlich für Paris Saint-Germain und ist nun in der Lage, einen Vergleich ziehen, der in folgender Erkenntnis mündet: Appelgren ist gereift, ohne sich zu verändern - wenn man davon absieht, dass ihm als Torwart der Sprung in die absolute Weltklasse gelungen ist.

Das wiederum ist nur eine logische Konsequenz seines eigenen Anspruchs. Appelgren will immer mehr, ist nie zufrieden. Intern galt der Schwede schon längst als ein Mann, dessen Wort Gewicht hat. Nun ist es auch für jeden Außenstehenden sichtbar, weil der Vize-Europameister die Löwen mit Beginn dieser Saison als Kapitän aufs Feld führt, was nicht nur einen symbolischen Wert hat, sondern auch eine Form der Anerkennung ist.

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„Ich fühle mich sehr geehrt“, sagt der Schlussmann, der am Donnerstag (19 Uhr) mit seinem Team zum Topspiel bei Meister SG Flensburg-Handewitt antritt, stets fröhlich und vielleicht auch ein bisschen verrückt ist - insbesondere aber vor Energie strotz und trotzdem kein Alphatier ist. Das brauchen die Löwen auch nicht, weil in diesem Club jeder seine Rolle kennt und sich durch das Kapitäns-Trio kaum etwas ändert. Appelgrens Meinung war schon vor seiner Beförderung gefragt, er war eine natürliche Autoritätsperson. Und nun „will ich so bleiben, wie ich bin“. Deswegen sei er ja Kapitän geworden.

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Was einen wie ihn, der aufgrund seiner Position zwischen den Pfosten eine exponierte und vor allem sportlich sehr wichtige Rolle einnimmt, besonders auszeichnet, ist sein Teamgedanke, was bei Schlussmännern bisweilen schwierig sein kann. Die deutschen Nationaltorhüter Silvio Heinevetter und Andreas Wolff finden beide keine sicheren Häfen für ihre Egos, den Platz auf der Bank haben sie in etwa so gern wie ein Segler die Windstille. Nur Ersatz zu sein, im Schatten zu sitzen anstatt im Rampenlicht zu stehen, widerspricht ihrem Naturell. Es fühlt sich für jeden der beiden ungerecht an, entsprechend schwer fällt ihnen der Umgang damit. Kurzum: Im Kampf um den Platz in der Kiste bedienen beide das Klischee, dass Torhüter eine eigene Spezies sind - daran ändert auch die Festlegung von Bundestrainer Christian Prokop auf Wolff als Nummer eins nur wenig.

Appelgren hingegen spricht nicht nur vom Kollektivgedanken, er lebt ihn auch vor. Seine schönsten Paraden werden im Fernsehen gezeigt und seine überragenden Statistiken veröffentlicht. Aber es ist so viel mehr, was ihn auszeichnet, vor allem sein gelebter Zusammenhalt. Mit Andreas Palicka bildet der 29-Jährige sowohl bei den Löwen als auch in der schwedischen Auswahl ein Duo, das sich gut versteht, das sich von Spiel zu Spiel abwechselt und das die Parade des anderen Torhüters nicht mit der Sorge um den eigenen Stammplatz sieht, sondern sie bejubelt, weil sie Kollegen und keine Rivalen sind. „Wir sehen uns als Einheit“, sagt Appelgren und spricht davon, dass ihm „die Gewissheit, dass da noch ein starker Torwart ist“, ein gutes Gefühl gibt.

Entsprechend harmonisch geht es deshalb zwischen den beiden Keepern zu, Palicka ist sogar begeistert von der Beförderung seines Kollegen zum Kapitän. „Es war die richtige Entscheidung. Als Botschafter und Persönlichkeit passt er am besten zu dem, was die Löwen sein wollen und wofür sie stehen. Der Club möchte offen sein, er möchte cool sein. Genau das ist Mikael“, sagt der 33-Jährige, der großen Respekt vor Appelgren hat und mit einem Augenzwinkern anmerkt: „Ich habe zwei Jahre probiert, dieses pinkfarbene Trikot für ihn zu bekommen.“

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft