Löwen-Trainer Andrésson: „Ich will meine eigene Geschichte schreiben“

Von 
Marc Stevermüer
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Kristjan Andresson, Trainer der Rhein-Neckar Löwen, im Gespräch mit Andy Schmid - während der Partie HSG Hofweier vs. Rhein-Neckar Löwen. © AS Sportfoto/ Binder

Kristján Andrésson gehört schon jetzt zu den begehrtesten Handball-Trainern der Welt. Mit gerade einmal 38 Jahren hat er die Aufgabe bei den Rhein-Neckar Löwen übernommen. Im exklusiven Interview spricht Andrésson über seinen rasanten Aufstieg, seinen Führungsstil, seine Ideen, die Besonderheiten seiner isländischen Landsleute und seine Deutschkenntnisse.

Kristján Andrésson: Früh vom Spieler zum Trainer

  • Kristján Andrésson wurde am 27. März 1981 in Eskilstuna (Schweden) geboren. Er ist mit Victoria verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
  • Er besitzt sowohl die isländische als auch die schwedische Staatsbürgerschaft und bestritt 13 Länderspiele für die isländische Nationalmannschaft, für die auch sein Vater Andrés Kristjánsson aktiv war.
  • Seine aktive Laufbahn musste Andressón früh wegen einer Verletzung beenden. Mit 26 wurde er Co-Trainer des schwedischen Erstligisten Eskilstuna Guif, mit 27 Chef-Coach.
  • 2016 übernahm er die schwedische Nationalmannschaft und holte 2018 EM-Silber.
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Herr Andrésson, Sie geben dieses Interview auf Deutsch. Wie haben Sie die Sprache so schnell gelernt?

Kristjan Andrésson: Als ich vor eineinhalb Jahren meinen Vertrag bei den Rhein-Neckar Löwen unterschrieben habe, habe ich sofort angefangen, zu lernen. Ein bisschen konnte ich noch, weil ich Deutsch sechs Jahre in der Schule hatte, aber ein paar Dinge sind mir auch nicht mehr so geläufig gewesen. Ich kenne jetzt zumindest viele Wörter, die Grammatik bereitet mir aber noch Probleme. Der, die, das…(lacht).

Wie kommunizieren Sie mit den Spielern?

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Andrésson: Momentan rede ich Englisch mit ihnen, weil das praktikabler ist. Ich muss manchmal ein bisschen überlegen, bis mir ein deutsches Wort einfällt. Ich beherrsche die Sprache noch nicht. Aber es wird immer besser. Ich nehme zwei-, dreimal in der Woche Unterricht.

Dazu kommt die Saisonvorbereitung mit dem Team. Das klingt nach einem engen Zeitplan.

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Andrésson: Ich bin zuletzt oft gefragt worden, was ich von der Rhein-Neckar-Region halte oder was ich gesehen habe. Ich muss gestehen: Das kann ich noch nicht beantworten, die vergangenen Wochen habe ich zu einem Großteil in meinem Büro verbracht. Training am Vormittag, dann ein oder zwei Termine, Sprachkurs, Training am Nachmittag. Meine Tage beginnen um 8 Uhr und ich bin um 19 Uhr zuhause.

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Wer wartet dort auf Sie?

Andrésson: Meine Frau Victoria und meine beiden Söhne. Theo ist drei Jahre alt, Noah acht.

Ihre Jungs werden recht schnell Deutsch lernen…

Andrésson: Das glaube ich auch. Im Kindergarten und in der Schule werden sie große Fortschritte machen. Und ich weiß jetzt schon: Mein Achtjähriger wird mich verbessern. Wenn er die Löwen-Spiele im Fernsehen sieht und mich irgendwann in einer Auszeit Deutsch sprechen hört, wird er mich auf meine Fehler hinweisen, wenn ich nach Hause komme. Dann wird er mir sagen, was alles an der Grammatik nicht richtig war (lacht).

Vor sieben Jahren haben Sie im EHF-Pokal als Trainer von Eskilstuna Guif den Löwen zu schaffen gemacht. Mit diesem schnellen Spiel und den kleinen Leuten hatten die Löwen so ihre Probleme. Wird man diesen Stil hier künftig sehen?

Andrésson: Das ist ein bisschen anders hier. In dieser Mannschaft stecken mehr Erfahrung und eine außergewöhnliche Qualität, so viele kleine Spieler habe ich bei den Löwen auch nicht (lacht). Aber klar ist, dass wir schnellen Handball zeigen wollen. Wir haben zwei sehr gute Torhüter, denen müssen wir mit einer guten Abwehr helfen, damit sie Bälle halten und wir ins Gegenstoßspiel kommen. Wir haben sehr schnelle Außen, diese Qualität müssen wir nutzen. Aber es geht auch um die zweite, dritte Welle. Wir müssen einfach schnell sein, das erhöht die Erfolgschance.

Im Vergleich zu Ihrem Vorgänger Nikolaj Jacobsen gelten Sie als ruhiger Trainer. Es dürfte für Spielmacher Andy Schmid ungewohnt werden, nicht mehr so viel Zorn zu spüren. Oder ist ihm die neue Ruhe an der Seitenlinie sogar lieber?

Andrésson (lacht): Was ihm lieber ist, kann er nur selbst beantworten. Ich weiß, dass Andy und Nikolaj eine spezielle Beziehung hatten. Sie kennen sich viele Jahre und ich habe nicht vor, irgendetwas zu kopieren. Ich werde meine eigene Beziehung zu ihm aufbauen, rede sehr viel mit ihm und weiß schon jetzt, was für einen tollen Spieler ich mit ihm habe. Seine Qualitäten sind überragend, dazu kommen seine Erfahrung und Cleverness. Ich bin glücklich, ihn zu haben.

Nikolaj Jacobsen war bei den Löwen in seinen fünf Jahren sehr erfolgreich. Sind Sie erleichtert, dass er in seiner letzten Saison nur Vierter wurde?

Andrésson: Ich muss ehrlich sagen, dass ich gerne mit den Löwen in der Champions League gestartet wäre. Auch die Spieler sehen das so, weshalb ich es gut finde, dass sie unzufrieden mit der vergangenen Saison sind. Das zeigt, welch Ehrgeiz in ihnen steckt und dass sie es besser machen wollen als zuletzt. Manchmal ist es aber auch gar nicht schlecht, einen Rückschritt hinnehmen zu müssen. Denn dieser eröffnet auch die Möglichkeit, einen neuen Weg für neue Erfolge einzuschlagen.

Sie mussten Ihre Spielerkarriere früh wegen einer Verletzung beenden. Ist das im Nachhinein ein Glücksfall?

Andrésson: Ich war leider erst 24 Jahre alt, als ich aufhören musste. Aber der Handball hat mich fasziniert und nicht losgelassen. Ich konnte nicht einfach aufhören und etwas anderes machen. Wenn man es so sagen will: Ich war noch nicht fertig mit Handball. Deswegen bin ich sehr dankbar, dass mir damals bei Eskilstuna Guif der Einstieg ins Trainergeschäft ermöglicht wurde. Erst war ich Assistenzcoach, mit 27 Jahren wurde ich dann Cheftrainer. Das ist sicherlich nicht alltäglich und ich habe in den vergangenen zwölf Jahren sehr, sehr viel gelernt. Wenn ich sehe, wie es gelaufen ist, kann ich nicht sagen, dass ich es gerne anders gehabt hätte. Ich bin zufrieden damit.

Welche Bedeutung hatte die Ernennung zum schwedischen Nationaltrainer für Ihre Karriere?

Andrésson: Ich finde, dass meine Arbeit schon in Eskilstuna ganz gut war. Aber das nimmt nur ein kleiner Kreis wahr. Schwedischer Nationaltrainer zu werden, war natürlich eine große Chance. Wenn du als junger Trainer mit solch einer Mannschaft zu einer EM oder WM fährst, bist du plötzlich auf der großen Bühne, auf der du gesehen wirst. Und wenn du dann noch EM-Silber gewinnst, dann ist das…ja, dann ist das einfach cool (lacht).

Isländische Trainer waren in der Bundesliga sehr erfolgreich, wenn man nur an Alfred Gislason, Gudmundur Gudmundsson oder Dagur Sigurdsson denkt. Ist das eine Bürde für Sie?

Andrésson: Nein, ich bin stolz auf das, was meine Landsleute in Deutschland geleistet haben. Ich glaube, dass das Vertrauen in isländische Trainer hier sehr groß ist, weil alle Vereine sehen, wie erfolgreich Isländer hier gearbeitet haben. Sie vertrauen uns - und ich hoffe, dass ich diese Erfolgsserie fortsetzen kann. Aber ich spüre keinen Druck wegen der vielen Titel meiner Landsleute, ich will ganz einfach meine eigene Geschichte schreiben. Natürlich ist es ein Traum von mir, so erfolgreich wie Alfred Gislason in Kiel zu sein. Aber ich weiß auch, dass das sehr schwer wird und dass ich dafür jeden Tag sehr hart, sehr viel und sehr gut arbeiten muss.

Die isländischen Fußballer sind erfolgreich, die Handballer sowieso. Spieler wie Gudjon Valur Sigurdsson und Alexander Petersson bringen mit fast 40 Jahren herausragende Leistungen. Wie ist das möglich, was ist das Besondere an einem Isländer?

Andrésson: In Island bekommt jeder das Gefühl, wichtig für die Mannschaft zu sein. Es ist vollkommen egal, welche oder wie viele Talente du hast. In der C-, B- oder A-Jugend sind alle wichtig und werden gebraucht, weil wir einfach nicht so viele Leute sind. Jeder spürt deshalb schon in jungen Jahren seine Verantwortung für die Mannschaft, weil es wirklich auf jeden ankommt. Wir Isländer sind eine kleine Nation, wir sind aber auch ein Arbeiter-Volk.

Kristján Andrésson beantwortete die Fragen unseres Sportredakteurs Marc Stevermüer im persönlichen Gespräch und erhielt das Interview zur Autorisierung.

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Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft