Interview Handballnationalmannschaft soll liefern

Von 
Marc Stevermüer
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Extravagant, wortgewaltig, erfolgreich: Bob Hanning ist die schillerndste Person des deutschen Handballs. Im Interview spricht der DHB-Vize und Manager der Füchse Berlin über die Nationalmannschaft, seine Hoffnung auf eine Zuschauerrückkehr in der Bundesliga und seinen Kleidungsstil. Von Marc Stevermüer

„Wir können Handball nicht im Homeoffice spielen“, sagt Bob Hanning. © Sascha Klahn/dpa
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Herr Hanning, Sie schreiben gerade Ihre Biografie, Ihre Laufbahn ist aber nicht vorbei. Folgt irgendwann Teil zwei?

Bob Hanning

Bob Hanning wurde am 9. Februar 1968 in Essen geboren.

Seine Handballkarriere begann als Trainer, bis 2000 assistierte er Heiner Brand bei der Nationalmannschaft. Von 2002 bis 2005 betreute Hanning den HSV Hamburg.

2005 stieg Hanning bei den Füchsen Berlin als Geschäftsführer ein und führte den Club aus der 2. Liga bis in die Champions League. Seit 2013 ist er außerdem DHB-Vizepräsident.

Bob Hanning: Das wird sich zeigen. Ich kann nur sagen, dass es viel Spaß macht. Jetzt sehe ich erst einmal zu, dass mein erstes Buch fertig wird. Wenn es den Menschen gefällt, können wir über alles reden.

Muss sich jemand vor Ihrem Buch fürchten?

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Hanning: Sagen wir es mal so: Es wird spannend und auch die eine oder andere Hintergrundgeschichte geben. Ob die dann jedem gefällt, das weiß ich nicht. Es wird aber kein Abrechnungswerk.

Ein großes Kapitel dürften die Füchse Berlin einnehmen.

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Hanning: Die Füchse sind mein Lebenswerk. Als ich vor 16 Jahren angefangen habe, hatte ich die Vision, einen Verein anders aufzuziehen als andere. Bei allen sportlichen Zielen wollte ich den Club so aufstellen, dass sich Nachwuchs und Profis auf Augenhöhe begegnen. Das ist uns in einer ersten Generation mit Fabian Wiede und Paul Drux hervorragend gelungen, beide haben diesen Verein geprägt und gerade erneut ihre Verträge verlängert. Diese Entwicklung bereitet uns allen jeden Tag viel Freude und macht uns stolz.

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Drux und Wiede sind ebenso Stützen der Nationalmannschaft. Was erwarten Sie beim Olympia-Qualifikationsturnier im März und dann – eine Qualifikation vorausgesetzt – bei Olympia vom deutschen Team?

Hanning: Wir haben mit dieser Generation relativ schnell relativ viel gewonnen (EM-Gold und Olympia-Bronze 2016: Anm. der Redaktion). Wir müssen aber ehrlich sagen, dass wir viele Schlüsselspiele in den vergangenen Jahren verloren haben. Jetzt muss diese Generation liefern, damit wir sagen können, dass 2016 nicht nur ein Ausreißer nach oben war, sondern dass wir langfristig oben dabei sein können. Deswegen ist klar: Wenn diese Mannschaft als erfolgreiche Generation in die Geschichte eingehen will, ist es an der Zeit, jetzt wieder etwas zu gewinnen.

Welches Corona-Risiko sehen Sie beim Qualifikations-Turnier in Berlin, wenn vier Nationalteams zusammenkommen?

Hanning: Die Gefahr einer Infektion ist deutlich höher als in einer geschlossenen Blase wie wir sie bei der WM hatten. Das ist einfach so und das müssen wir ehrlich sagen. Bei der WM habe ich mich hingestellt und ganz klar gesagt, dass die Gefahr von außen kommt und die Blase halten wird. Dafür gibt es diesmal keine Garantie. Es besteht ein Risiko. Aber die Gefahr ist eben auch nicht größer als bei einem Spiel der Rhein-Neckar Löwen im Europapokal in Ljubljana. Letzten Endes können wir Handball nicht im Homeoffice spielen. Wir müssen dazu in die Halle. Und ich sehe das auch als Chance, weil wir alle sagen, dass es einen Weg zurück in die Normalität geben muss. Und dazu gehören Handballspiele.

Welche Aussagekraft hat der zwölfte WM-Platz für den deutschen Handball und das Qualifikationsturnier?

Hanning: Ich bin der Meinung, dass unser Bundestrainer Alfred Gislason eine Menge sehen konnte und es für ihn mit Blick auf die Olympia-Qualifikation wichtig war, die Mannschaft überhaupt einmal über einen längeren Zeitraum bei sich zu haben. Er hat jetzt ein Gefühl dafür bekommen, was geht und was nicht geht. Insofern hat das Ergebnis angesichts der vielen Absagen zwar gar keine Aussagekraft über den wahren Leistungsstand, aber die Erkenntnisse bringen uns weiter.

Drei Tage nach dem Quali-Turnier geht die Liga weiter. Wäre eine etwas längere Pause wegen der Corona-Gefahr sinnvoller gewesen?

Hanning: Wenn ich die Liga zu Ende spielen will – und das wollen wir –, dann müssen wir das so machen und dann ist es auch richtig, dass so zu machen. Es gibt keinen Grund zur Klage, dass wir in diesen Zeiten inklusive Europapokal dienstags, donnerstags und sonntags spielen. Anders schaffen wir es nicht. Entscheidend ist nur, dass alle Vereine das wollen und nicht einige auf ihren eigenen Nutzen schauen. Natürlich ist es kein Vorteil, wenn wir donnerstags kurzfristig noch ein Spiel gegen Flensburg reingedrückt bekommen und sonntags gegen die Löwen spielen.

Aber …

Hanning: Wir müssen spielen, weil es nicht anders geht und weil es wichtig für die Sportart ist. Da gibt es schlichtweg keinen Platz für eine Diskussion. Die können wir uns sparen, genauso wie wir uns die WM-Debatte hätten sparen können. Wir brauchen diese Präsenz. Ich war ja nicht umsonst schon im vergangenen Jahr dafür, die Liga zu Ende spielen. Damals ging die Abstimmung innerhalb der Liga mit 1:19 gegen mich aus und ich bin mir in diesem Moment wie ein Falschfahrer vorgekommen.

Wie empfinden Sie es, dass es im Nationalteam eine stets wiederkehrende Debatte um Uwe Gensheimer gibt?

Hanning: Ich finde den Umgang mit Uwe unfair. Man kann inhaltlich immer diskutieren. Aber wenn es persönlich wird, ist das unangemessen, weil es etwas mit einem Menschen macht. Ich bin mir sicher, dass Uwe noch viele gute Länderspiele für Deutschland absolvieren wird. Und ich freue mich schon auf die Stimmen all seiner Kritiker, wenn Uwe das entscheidende Tor zum Olympiasieg erzielt hat.

Wo steht der deutsche Handball verglichen mit Ihren Anfängen im Präsidium des deutschen Verbandes im Jahr 2013?

Hanning: Viele Leute vergessen viele Dinge gerne schnell. Meine Arbeit sollen andere beurteilen. Aber es sah einmal anders aus als jetzt. Ich kann mich sehr gut an Niederlagen in Qualifikationsspielen gegen Montenegro, an eine verpasste EM-Teilnahme, das Fehlen bei Olympia in London, die WM-Teilnahme nur aufgrund einer Wildcard und an Holzbanden erinnern, vor denen wir gespielt haben. Das war zu Beginn meiner Amtszeit und ist erst rund sieben Jahre her. Mehr will ich gar nicht dazu sagen. Denn den Rest liest man im Buch (lacht).

All die Jahre sind Sie immer wieder von den gleichen Leuten kritisiert worden. Wie gehen Sie damit um?

Hanning: Viele Dinge habe ich wirklich amüsiert zur Kenntnis genommen. Wissen Sie, Kritik an anderen hat noch nie die eigene Leistung erspart. Und wenn man nur kritisiert, aber nichts anderes im eigenen Leben hat, was darüber hinausgeht, ist das ja auch erst einmal ein trauriger Zustand.

Wie sehen Sie den Handball als globale Sportart?

Hanning: Es wäre schön, wenn Mannschaften wie Ägypten einfach mal ein WM-Halbfinale erreichen. Der Handball darf nicht europäisch bleiben, wir müssen gerade auch mit Blick auf den Olympia-Status die Welt mitnehmen. Deswegen hoffe ich, dass der Weg von Nationen wie Ägypten, Brasilien und Argentinien weitergeht.

Sie haben vor einiger Zeit Stefan Kretzschmar bei den Füchsen Berlin als Sportvorstand dazugenommen. Fiel es Ihnen schwer, Ihre Macht als Geschäftsführer Ihres Lebenswerks zu teilen?

Hanning: Überhaupt nicht, weil der Verein immer über Einzelpersonen steht. In der Analyse des Clubs bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass wir eine Sättigung erreicht hatten. Unser Motto war immer: Nach oben angreifen und nach unten verteidigen. Zuletzt waren wir aber nur noch damit beschäftigt, nach unten zu verteidigen. Wir waren nicht in der Lage, die 20 Prozent drauflegen zu können, um oben anzugreifen.

Und dann?

Hanning: Ich habe mir die Frage gestellt, woran das liegt und habe die Gewissheit gewonnen, dass wir jemanden für den Sport brauchen. Einfach einen Mann, der sich ausschließlich damit beschäftigt und der besser ist als ich. Und der mit Abstand Beste für die Füchse ist Stefan.

Unabhängig von der Tabelle. Wer steht vor den Füchsen?

Hanning: Auf jeden Fall der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt, weil beide Vereine Spiele gewinnen, in denen sie keine Topleistung zeigen. Die Rhein-Neckar Löwen müssten eigentlich vom Kader dazugehören, die MT Melsungen von den finanziellen Möglichkeiten. Für uns geht es zusammen mit dem SC Magdeburg darum, in den Kampf mit Melsungen und den Löwen zu ziehen. Und wer es aus diesem Quartett am besten macht, wird es schaffen, mittelfristig Kiel und Flensburg anzugreifen. Diesen Weg möchte ich gerne gehen, ohne dass ich dabei den Nachwuchs vernachlässige, sonst bräuchten wir da nicht jedes Jahr mehr als eine halbe Million Euro zu investieren.

Am Sonntag (13.30 Uhr) spielen die Füchse in leerer Halle gegen die Löwen. Deutschland befindet sich noch im Lockdown, aber längst gibt es eine Öffnungsdebatte. Spielt die Bundesliga noch vor Zuschauern in dieser Saison?

Hanning: Ich habe für die Politik in vielen Dingen Verständnis. Wichtige Entscheidungen zu treffen, ist nicht immer einfach. Wir müssen aber irgendwann auch eine neue Normalität herstellen. Und zu dieser neuen Normalität gehören Handballspiele mit Zuschauern. Ich wünsche mir, dass wir die Möglichkeit bekommen, die Funktionsfähigkeit unserer Hygienekonzepte in der Praxis zu beweisen. Natürlich nicht in einer ausverkauften Halle, sondern beginnend mit kleinen Zuschauerzahlen. Genau dafür wurden diese Konzepte ja erstellt. Das soll jetzt aber nicht wie eine Forderung klingen. Ich bin klar dafür, bis Ostern die Füße still zu halten. Aber dann geht es bei entsprechenden Infektionszahlen eben auch darum, die neue Normalität zu gestalten.

Pinkes Samtsakko, roter Anzug, modetechnisch kennen wir einiges von Ihnen. Gibt es im Hause Hanning auch noch weiße Hemden?

Hanning: Da ich gerade zuhause bin, gehe ich mal schnell ins Ankleidezimmer. Einen Augenblick . . . ich stelle fest: Zwei Smokinghemden und ein weißes Hemd hängen hier.

Und ziehen Sie die überhaupt noch an?

Hanning: Den Smoking mit entsprechendem Hemd trage ich eben zu Anlässen, bei denen sich das gehört. Und beim weißen Hemd, na da musste ich ja gerade erst einmal nachsehen, ob ich überhaupt noch eines habe.

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft