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„Handball ist wie Schach – nur die Figuren denken selbst“

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Handball-Bundestrainer Alfred Gislason hat in seiner Karriere viel gewonnen und noch mehr erlebt. Im exklusiven Interview mit dieser Redaktion spricht der Isländer über die Faszination seiner Sportart, seinen Ärger über die vielen Absagen für die EM und fehlende deutsche Weltklassespieler. Außerdem verrät er, warum Jürgen Klopp ihn inspiriert.

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„In gewisser Weise ist die Bundesliga ein Nachteil für die Nationalmannschaft“, sagt Bundestrainer Alfred Gislason.

Herr Gislason, hat sich Fußball-Bundestrainer Hansi Flick schon bei Ihnen gemeldet?

Einer der erfolgreichsten Trainer aller Zeiten

Alfred Gislason wurde am 7. September 1959 in Akureyri/Island geboren und ist einer der erfolgreichsten Handball-Trainer aller Zeiten.

Als Spieler stand er 190 Mal für Island auf dem Feld, von 1983 bis 1988 war er für TuSEM Essen in der Bundesliga aktiv und wurde zweimal Meister. Nach einem Jahr in Reykjavik folgte 1989 der Wechsel zum spanischen Spitzenclub Bidasoa Irún, ehe Gislason seine Laufbahn von 1991 bis 1997 bei seinem Heimatverein KA Akureyri als Spielertrainer ausklingen ließ.

Bundesligastationen als Trainer: SG VfL/BHW Hameln (1997-1999), SC Magdeburg (1999-2006), VfL Gummersbach (2006-2008), THW Kiel (2009-2019).

Erfolge als Trainer: deutscher Meister 2001 (mit Magdeburg) sowie 2009, 2010, 2012, 2013, 2014 und 2015 (alle Titel mit Kiel); deutscher Pokalsieger 2009, 2011, 2012, 2013, 2017 und 2019 (alle Titel mit Kiel); Champions-League-Sieger 2002 (mit Magdeburg), 2010 und 2012 (beide Titel mit Kiel).

Karriere als Nationaltrainer: Von 2006 bis 2008 betreute Gislason parallel zu seiner Arbeit als Club-Trainer die isländische Auswahl. Seit März 2020 ist er deutscher Bundestrainer.

Alfred Gislason (verdutzt): Warum sollte er das tun?

Weil ihm 2022 auch nur eine Woche als Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft bleibt. Sie kennen sich doch mit sowas aus.

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Gislason (lacht): Ich glaube nicht, dass er meine Hilfe benötigt. Hansi Flick ist ein sehr guter Trainer und wird wissen, was er zu tun hat.

Die Europameisterschaft naht: Wie überzeugen Sie jemanden davon, der noch nie ein Handballspiel verfolgt hat, sich eines anzusehen?

Gislason: Handball ist ein Spektakel, pure Spannung. Hohe Rückstände bedeuten nichts. Das ist mit Fußball nicht zu vergleichen. Es passiert immer etwas.

Sie sind ein vom Ehrgeiz getriebener Trainer. Können Sie nach all den Jahren mittlerweile Spiele Ihres Teams auch mal genießen?

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Gislason: Ich bin etwas lockerer geworden, aber genauso ehrgeizig wie vorher. Zufriedenheit gibt es für mich als Trainer nicht, denn irgendetwas geht immer ein wenig besser. Allein schon deshalb, weil ich aus jedem Spieler immer mehr herausholen und ihn persönlich weiterbringen, ihn entwickeln will. Diesen Drang kann ich nicht abstellen.

Wie anstrengend ist es, alles und jeden immer besser machen und zusätzlich stets gewinnen zu wollen?

Gislason: Wer sich für diesen Beruf entscheidet, der weiß, dass dieser eigene Druck dazu gehört. Man investiert als Trainer auch alles, damit das nächste Spiel gewonnen wird. Und wenn es dann klappt, gibt es ja nichts Schöneres.

Sie haben so viele Titel und bedeutende Siege gefeiert. War da ein perfektes Spiel dabei?

Gislason: Nein. Ein perfektes Spiel? Das ist ohnehin unmöglich. Das gibt es nicht. Es kommt vor, dass in manch einem Spiel mehr gelingt. Aber dass alles klappt, ist ausgeschlossen. Dafür ist Handball zu komplex, auch komplizierter als zum Beispiel Fußball.

Warum?

Gislason: Es kommt unheimlich viel auf Kleinigkeiten und Automatismen an. Es muss im Angriff eine Menge mit Sperren und indirekten Sperren vorbereitet werden und alles im Team aufeinander abgestimmt sein. In der Abwehr wiederum geht es darum, Fallen zu stellen, in die der Gegner tappen soll. Handball ist wie Schach – nur mit dem Unterschied, dass die Figuren auf dem Feld auch noch selbst denken können.

Gibt es für Sie nach all den Jahren und Erfahrungen noch Kollegen, die Sie beeinflussen?

Gislason: Ich muss ehrlich sagen: Was Jürgen Klopp in Liverpool aufgebaut hat, das ist großartig, das inspiriert mich. Wie er die Mannschaft mitnimmt, was für einen Zusammenhalt er schafft, wie authentisch er auftritt – das finde ich fantastisch.

Sie sind studierter Historiker. Hat Ihnen dieses Wissen in ihrer Trainerkarriere schon geholfen?

Gislason: Ja, man mag es für unvorstellbar halten und es kam ehrlich gesagt auch nicht oft vor. Aber in manch einer Mannschaftsbesprechung habe ich schon auf Ereignisse der Geschichte zurückgegriffen, um zu erklären, was möglich ist oder was passieren kann. Unabhängig davon finde ich: Geschichte ist ein sehr schönes Studium, mich interessieren solche Dinge auch. Fürs Allgemeinwissen ist das einfach toll.

Was Sie als Isländer auch wissen müssen: Warum reisen Ihre Landsleute lieber zur Nationalmannschaft als die deutschen Handballer?

Gislason: Es ist mir ein Rätsel, warum immer wieder Spieler freiwillig auf die deutsche Nationalmannschaft verzichten. Über die Vielzahl an Absagen in diesem Jahr bin ich enttäuscht. Wenn ich die Skandinavier, die Franzosen, die Spanier, die Kroaten sehe – für alle ist die Nationalmannschaft extrem wichtig. Die Jungs fahren da unheimlich gerne hin.

Haben Sie vielleicht eine Idee, warum die Sehnsucht nach der Nationalmannschaft in Deutschland momentan nicht so groß ist?

Gislason: Fast alle Deutschen stehen in der Bundesliga unter Vertrag. Nirgendwo ist der Wettbewerb härter. Die Jungs müssen echt viele Spiele bestreiten, selbst nach Weihnachten noch. Da sind andere Ligen längst in der Pause. In Kombination mit der Tatsache, dass abwechselnd jedes Jahr eine WM und eine EM ausgetragen wird, ist es dann am Ende auch eine Frage der Regeneration und der Zeit für die Familie. Dieses Problem haben aber nur die Spieler, die in Deutschland aktiv sind. Wenn wir das nicht mehr wollen, müssen wir das selbst lösen und beispielsweise die Bundesliga verkleinern.

Wenn wir uns die All-Star-Teams der vergangenen vier Turniere ansehen, sind da mit Fabian Wiede und Hendrik Pekeler nur zwei Deutsche dabei. Dem deutschen Handball fehlen offenbar die Ausnahmekönner...

Gislason: Es stimmt, was Sie sagen: Abgesehen von den Torhütern und Hendrik Pekeler fehlt es momentan an deutschen Weltklassespielern. Es gibt zwar einige, die in diese Dimension vorstoßen können, aber das wird noch ein wenig dauern.

Warum haben wir in Deutschland zuletzt zu wenige Topspieler ausgebildet?

Gislason: In gewisser Weise ist die Bundesliga, also die stärkste Liga der Welt, für die Nationalmannschaft ein Nachteil. Für die jungen Spieler, die im Juniorenbereich mit ihren deutschen Auswahlteams nachweislich Erfolge feiern und auch sehr talentiert sind, ist es wirklich schwer, sich mit Anfang 20 in der Bundesliga durchzusetzen. Da haben es die jungen Spieler zum Beispiel in Dänemark oder Frankreich deutlich einfacher.

Wenn Sie schon von den deutschen Torhütern sprechen: Es hörte sich zuletzt ein wenig so an, als seien Sie unglücklich damit, dass Andy Wolff bei Vive Kielce in der schwachen polnischen Liga spielt.

Gislason: Nein, so war das nicht gemeint. Andy hat zuletzt starke Leistungen gegen den FC Barcelona und Paris Saint-Germain in der Champions League gezeigt. Er bekommt also seine Spiele auf höchstem Niveau und hat dann auch überzeugt. Aber zu Beginn der Saison hatte Andy große Probleme und erhielt wenig Einsatzzeit. Das hat sich jedoch in den vergangenen Wochen geändert, deswegen habe ich ihn auch nominiert.

Kann er auch ein Lehrmeister für die beiden jungen Torhüter Joel Birlehm und Till Klimpke sein?

Gislason: Wir wollen den bestmöglichen Andy Wolff im Tor sehen und erwarten nicht von ihm, dass er noch eine Art Mentor für die anderen beiden ist. Dafür haben wir mit Mattias Andersson einen Torwarttrainer, der selbst genug erlebt und ausreichend Erfahrung hat.

Unabhängig von Ihnen als Trainer: Warum verliert die deutsche Nationalmannschaft eigentlich seit Jahren so oft in der Schlussphase die knappen Spiele?

Gislason: Wenn ich das wüsste. 2016 hat das bei der EM noch sehr gut geklappt. Es ist sicherlich eine Frage der Kontinuität, der Abstimmung und der Zeit. Deswegen plädiere ich immer für mehr Trainingstage mit der Nationalmannschaft, um die Jungs auf solche Situationen vorzubereiten. Automatismen einzustudieren und ihnen auf diesem Weg ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Das würde uns helfen. Aber wie gesagt: Dafür benötigen wir Zeit.

Als Sie vor zwei Jahren kamen, galten Sie als Heilsbringer. Haben zu viele geglaubt, mit dem Erfolgstrainer und Titelgaranten Gislason wird automatisch alles besser?

Gislason: Wir müssen die Rahmenbedingungen sehen: Bei der WM in diesem Jahr musste ich auf sechs, sieben unserer besten Spieler verzichten. In dieser Konstellation kann dann auch niemand überrascht sein, dass es einfach nicht für die Weltspitze reicht. Vor der EM haben wir jetzt eine ähnliche Situation. Wir fahren da mit einer talentierten Mannschaft hin, die eine gute Perspektive hat und uns in der Zukunft schöne Momente bescheren kann. Aber ein Medaillenkandidat sind wir jetzt bestimmt nicht. Unser Projekt mit dieser Mannschaft ist eher etwas langfristiger angelegt.

Also in Richtung Heim-EM 2024?

Gislason: So ist es. Der Deutsche Handballbund und ich hatten gute Gespräche, so dass wir unseren Vertrag (endete eigentlich im Februar 2022 und gilt nun bis 2024: Anm. d. Red.) verlängert haben. Auf lange Sicht ist die Europameisterschaft 2024 unser großes Ziel. Diesen Weg wollen wir gemeinsam gehen und bis dahin wird die jetzige Mannschaft wichtige Erfahrungen gesammelt haben. Allerdings weiß ich auch, dass ich als deutscher Bundestrainer nicht sagen kann, dass die EM 2022 nur ein Übergangsturnier ist. Die Erwartungen sind immer hoch, das öffentliche Interesse riesig. Entsprechend muss eine deutsche Nationalmannschaft immer gute Ergebnisse abliefern, auch vor 2024. Allein schon deshalb, um 2024 dann zumindest die Möglichkeit auf ein gutes Turnier zu haben.

Wie haben Sie Ihren Bundestrainer-Job bis zum heutigen Tag erlebt?

Gislason: Natürlich ist die Zeit nicht so gewesen, wie ich mir das erhofft hatte. Als ich meinen Vertrag unterschrieben habe, konnte aber niemand in die Zukunft sehen und vorhersagen, was passieren und wie sehr Corona alles beeinflussen wird. Ich bin immer noch stolz, deutscher Bundestrainer zu sein. Deutschland ist meine zweite Heimat, ich kenne die Spieler, ich kenne die Liga und ich werde auch nicht jammern, dass mir immer wieder Topleute fehlen. Ich nehme es, wie es kommt. Und ich bin zuversichtlich, dass ich mit dieser Mannschaft etwas Gutes entwickeln kann, dass der eine andere Spieler ins Nationalteam zurückkehrt und dass wir als Konsequenz daraus wieder eine größere Möglichkeit haben, erfolgreicher als zuletzt zu sein.

Welche Rolle hatten Sie für Juri Knorr von den Rhein-Neckar Löwen in Ihrem Konzept vorgesehen? Er gilt als Deutschlands größtes Talent, fehlt bei der EM aber, weil er nicht gegen Corona geimpft ist.

Gislason: Unser Plan sah vor, Juri in den nächsten zwei Jahren als zentrale Figur in diese Mannschaft einzubauen. Ich habe im Vorfeld auch viel mit ihm geredet, denn diese EM wäre auf jeden Fall eine große Möglichkeit für ihn gewesen, viel Einsatzzeit zu bekommen. Deswegen bin ich enttäuscht, dass er jetzt nicht mit zur EM kommt. Aber nun erhalten eben andere wie Julian Köster oder Luca Witzke die Möglichkeit, sich in den Vordergrund zu spielen. Vielleicht nutzen sie diese Chance.

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