Gensheimer: „Wir brauchen Emotionen - und da ist jeder gefordert“

Von 
Marc Stevermüer
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Er ist als Kapitän und Weltklasse-Linksaußen der unumstrittene Anführer der deutschen Handball-Nationalmannschaft: Uwe Gensheimer. Im Interview mit dieser Zeitung spricht der Mannheimer über die Möglichkeiten bei der EM, Parallelen zu 2016, seinen großen Traum - und warum er Löwen-Teamkollege Patrick Groetzki bei den Physiotherapeuten vermisst.

Riss seine Mannschaft bei der WM mit und will das jetzt erneut tun: Uwe Gensheimer. © imago
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Herr Gensheimer, Sie haben mit den Löwen noch an Weihnachten gespielt. Haben Sie schon wieder Lust auf Handball.

Uwe Gensheimer: Ja, auf jeden Fall. Wir haben viel Spaß. Es sind ja ein paar neue Gesichter dabei, denen ich in meiner Funktion als Kapitän so gut wie möglich helfen möchte.

War eine Vorstellungsrunde nötig?

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Gensheimer: Nein, das nicht. Der eine oder andere ist zwar das erste Mal dabei, aber wir kennen uns aus der Bundesliga. Im handballerischen und im taktischen Bereich ist es jedoch schon so, dass wir uns vermehrt aufeinander einstellen müssen. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber alle sind wissbegierig, um alles so schnell wie möglich in ihre Köpfe zu bekommen.

Einer der Neuen ist ein Rückkehrer: Wie schlägt sich Johannes Bitter nach langer DHB-Abstinenz?

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Gensheimer: Er hat sofort gezeigt, was er für ein Typ ist. Jogi hat sich von Beginn an eingebracht, hatte überhaupt keine Anlaufschwierigkeiten in der Kabine, auch wenn er nicht mit so vielen aus dieser Mannschaft zusammengespielt hat.

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Wie man hört, hat er eine Rolle als Wortführer eingenommen. Liegt das an seiner Routine?

Gensheimer: Ich weiß nicht, ob das mit seiner Erfahrung zu erklären ist. Ich glaube eher, es liegt an seinem Charakter. Er ist einfach ein Motivator, der auch in den Trainingseinheiten immer eine gewisse Intensität einfordert.

Bundestrainer Christian Prokop verfolgte stets das Ziel, im Januar nur noch auf das aufbauen zu müssen, was vorher erarbeitet wurde. Einiges davon ist nun aufgrund der Ausfälle hinfällig. Wie schwer wiegt das?

Gensheimer: Es ist sehr ärgerlich, weil wir viel Zeit darauf verwendet haben, mit Fabian Wiede als Linkshänder auf der Mitte zu agieren und ausgerechnet das kann jetzt nicht zum Tragen kommen. Ich habe aber vollstes Vertrauen in die Jungs, die das jetzt übernehmen. Sie müssen eben die Rolle annehmen, dass sie die Spielgestalter sind. Das bedeutet auch, dass sie die entsprechende Körpersprache mit aufs Feld bringen, die Dinge klar ansagen und eine gewisse Souveränität ausstrahlen. Was das angeht, habe ich allerdings keine Bedenken.

Es gibt ja nicht nur Ausfälle, sondern mit Julius Kühn auch einen lange Zeit verletzungsbedingt vermissten Rückkehrer. Was kann er dieser Mannschaft geben?

Gensheimer: Hoffentlich einfache Treffer aus dem Rückraum. Das ist die Qualität, die er mitbringt und die nicht so viele auf der Welt haben. Dieser Wurf - und wenn er dann noch mit Dynamik kommt - ist für jede Mannschaft schwer zu verteidigen. Wir brauchen auf jeden Fall diese einfachen Treffer von Julius, damit wir nicht mehr für jedes Tor so viel kämpfen müssen.

Wie gut sind die Deutschen im internationalen Vergleich?

Gensheimer: Dafür sind doch die internationalen Turniere wie eine EM da, um das zu ermitteln (lacht). Nein, ganz ehrlich. Es ist schwierig zu sagen, wo wir uns einordnen müssen, weil unsere Mannschaft gerade ein bisschen durcheinandergewürfelt wurde. Ich hatte uns vor einiger Zeit als einen Favoriten aufs Halbfinale gesehen. Jetzt müssen wir abwarten, wie schnell sich alles auch mit verändertem Personal umsetzen lässt.

Worauf wird es ankommen?

Gensheimer: Die Abwehr war schon immer wertvoll für uns. Sie ist unser Grundbaustein und vielleicht wird sie für uns diesmal noch wichtiger sein. Dafür brauchen wir die entsprechende Emotionalität, die passende Beinarbeit und verschiedene Formationen, die funktionieren.

2016 reisten die Deutschen stark ersatzgeschwächt zur EM, auch Sie fehlten damals verletzt. Am Ende folgte der Titelgewinn. Ähnelt das der jetzigen Situation?

Gensheimer: Ich habe mich zumindest auch schon dabei ertappt, daran gedacht zu habe, dass die Ausgangslagen ein wenig vergleichbar sind. 2016 gab es innerhalb des Turniers einen Leistungssprung nach oben, die Mannschaft ist in einen Lauf gekommen.

Und worin besteht jetzt der Unterschied?

Gensheimer: Die Erwartungshaltung. 2016 haben die übrigen Nationen anders auf Deutschland geschaut als jetzt. Nichtsdestotrotz kann es auch diesmal passieren, dass ein Spieler plötzlich über sich hinauswächst, den die Gegner nicht auf dem Zettel haben.

Ihr Kollege Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen ist bekanntlich Schweizer und sagte 2019, um eine Heim-WM in Deutschland zu spielen, würde er sich einen Zeh abschneiden. Was würden Sie für einen Titel mit der DHB-Auswahl machen?

Gensheimer (lacht): Mein ganz großes Ziel bleibt ein Titel mit der Nationalmannschaft. Ich habe aber keine Ahnung, was ich mir dafür antun würde. Wir alle würden aber ziemlich sicher sehr viel dafür geben.

Was stimmt Sie trotz aller Ausfälle optimistisch?

Gensheimer: Die Trainingseinheiten. Was ich dort erlebe, ist sehr, sehr positiv. Wir führen viele Gespräche in der Kleingruppe. Wenn dem Kreisläufer etwas auffällt, geht er zum Spielmacher und spricht mit ihm. Zu allen taktischen Auslösehandlungen gibt es verfeinerte Abwandlungen - und da sind wir auf einem guten Weg, weil wir viel kommunizieren. Die Rückraumleute haben sich auch gleich am ersten Tag länger mit dem Trainerteam zusammengesetzt, um die Vorlieben und Qualitäten der Spieler auf die einzelnen Taktiken anzupassen. Dieser stetige Austausch ist essenziell wichtig, um erfolgreich zu sein.

Was ist also möglich?

Gensheimer: Wir wissen, wie eng die Weltspitze im Handball zusammenliegt. Die vergangenen Jahre haben das bewiesen. Wir haben die Chance, ein gutes Turnier zu spielen, auch weil uns die Auslosung ein wenig hilft. Aber: Wir dürfen nicht den Fehler machen und zu weit nach vorne schauen. Das haben wir schon einmal erlebt. 2017 sah es gut aus, wir dachten ans Halbfinale und schieden dann im Achtelfinale aus, weil wir vom Kopf nicht zu 100 Prozent da waren. Deswegen legen wir den Fokus auf die Vorbereitung und die erste Partie.

Vor einem Jahr stand eine Heim-WM an. Wie groß ist die Vorfreude auf eine EM in Norwegen, Österreich und Schweden?

Gensheimer: Jedes Turnier ist ein echter Höhepunkt. Aber natürlich ist die Situation jetzt eine andere als 2019. Das Thema Heim-WM begleitet einen irgendwie das ganze Jahr über, weil man sich fragt, wie das wohl sein mag, vor dieser großen Kulisse zu spielen. Das wird dieses Mal anders sein. Wir sind deswegen aber nicht weniger heiß als vor einem Jahr. Wir müssen allerdings verinnerlichen, dass es diesen Extra-Schub von den Rängen wie im Januar 2019 nicht geben wird. Es geht darum, diese Emotionen von innen, also aus der Mannschaft heraus, zu schaffen. Da ist jeder gefordert. Die Spieler auf der Platte, die Jungs auf der Bank, das Team ums Team.

Wie bewerten Sie es, dass die EM in drei Ländern ausgetragen wird?

Gensheimer: Für die Teams ändert sich vermutlich nicht viel. Sonst sind wir stundenlang mit dem Bus von einem Spielort in den nächsten gefahren, jetzt nehmen wir das Flugzeug. Für die Fans ist es sicherlich schwierig, dass sie nicht in einem Land sind. Da verliert das Turnier vielleicht ein bisschen an Charakter.

Wie verbringen Sie die Zeit zwischen Trainingseinheiten und Spielen? Eher Buch lesen oder Filme auf Netflix schauen?

Gensheimer: Ich habe beides dabei, bin aber bislang weder zum Einen noch zum Anderen gekommen. Ich verbringe viel im Raum der Physiotherapeuten, da wird dummes Zeug geredet und das lockert die Stimmung.

Erstmals seit einigen Jahren sind Sie ohne ihren Vereinskollegen und Zimmerpartner Patrick Groetzki bei der Nationalmannschaft. Wie wirkt sich das aus?

Gensheimer: Zurzeit habe ich ein Einzelzimmer (lacht). Und so lange wir 17 Spieler sind, dürfte das vermutlich auch so bleiben.

Dennoch: Wie ist es, wenn einer fehlt, der sonst immer dabei war?

Gensheimer: Patrick fehlt auf jeden Fall bei den Physiotherapeuten, um dummes Zeug zu erzählen. Da haben wir ihn schon vermisst (lacht). Ansonsten war Patrick jahrelang ein fester Bestandteil der Mannschaft und hat einige Aufgaben übernommen, die wir nun umverteilen mussten. Als Kabinen-DJ muss sich jetzt Timo Kastening beweisen.

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft