Handball - Rhein-Neckar Löwen gewinnen 34:28 in Lemgo, nun stehen Länderspiele an – die Belastung bleibt also hoch und die Corona-Gefahr steigt

Die Angst der Rhein-Neckar-Löwen vor der Pause

Von 
Marc Stevermüer
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Lemgo. Dutzende parkende Autos am Straßenrand, eine Menschenschlange vor dem Eingang. Man konnte am Samstag meinen, dass in der Lipperlandhalle Handball vor Zuschauern gespielt wird. Denn auf den ersten Blick sah ja wirklich alles so aus wie früher. Also wie vor Beginn der Corona-Pandemie. Doch natürlich ist Lemgo keinesfalls die Stadt, die das fiese Virus ebenso wenig einnehmen kann wie die Römer das kleine gallische Dorf. Auch in Ostwestfalen wütet Corona, weshalb in der Heimspielstätte des TBV Lemgo nicht nur Handball gespielt, sondern auch kräftig geimpft wird. So viel also zur Traumvorstellung von einer Bundesliga-Begegnung vor Fans – und zur Erklärung, was die vielen Menschen denn da wollten.

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Tollbrings Wechsel naht

Für die Rhein-Neckar Löwen sind leere Ränge längst Alltag, stabile Leistungen indes nicht. Auch beim TBV brauchten sie eine Halbzeit, um beim 34:28 (16:15)-Sieg in die Spur zu finden. Am Ende war der Erfolg aber ungefährdet, weil die Badener Nehmerqualitäten zeigten. „Wir sind immer wieder zurückgekommen und haben uns nicht hängenlassen. So viele Fehler dürfen uns dennoch nicht passieren“, sagte der starke Rechtsaußen Patrick Groetzki mit Blick auf die erste Halbzeit, als die Löwen innerhalb von 75 Sekunden einen 0:3-Lauf zum 12:13 (24.) kassierten.

Sieben Würfe, sieben Tore: Patrick Groetzki präsentierte sich in Länderspiel-Form. © pix

Doch als die Badener nach dem Seitenwechsel die Ballverluste minimierten und Schlussmann Andreas Palicka (13 Paraden) zulegte, rissen sie die Begegnung endgültig an sich. „34 Tore, das sieht trotz allem dann ganz gut aus“, meinte Groetzki, der passend vor der Länderspielwoche seine nächste gute Leistung zeigte. Sieben Würfe, sieben Treffer und dazu eine spektakuläre Torvorlage bei angezeigtem Zeitspiel von der Rechtsaußenposition auf Kreisläufer Jannik Kohlbacher präsentierte der 31-Jährige, was die Qualitäten des gebürtigen Pforzheimers unterstrich. Er trifft nicht nur das Tor, sondern unter Druck auch richtige Entscheidungen. „Es passt momentan ganz gut“, freute sich der Linkshänder, der nicht näher auf seine Leistung einging. Wenn man so will, erklärte das Werk den Künstler ja auch ausreichend, weshalb der Löwen-Rekordspieler den Blick in die Zukunft richtete: „Der Sieg war wichtig. Denn ansonsten hängt einem solch ein Negativerlebnis in der Nationalmannschaftswoche immer nach.“

Groetzki und Kohlbacher sind ab Montag mit der Auswahl des Deutschen Handballbundes unterwegs, Jerry Tollbring verlor zuletzt seinen Platz in der schwedischen Mannschaft. Er will sich wieder empfehlen– allerdings nicht bei den Löwen, obwohl er dort seit Wochen stark spielt. Nach Informationen dieser Redaktion fehlt nur der Medizincheck, dann ist sein Wechsel zum dänischen Club Gudme perfekt.

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Lemgo – Löwen

  • TBV Lemgo-Lippe: van den Beucken (n.e.), Johannesson – Elisson (5/1), Kogut (1), I. Guardiola (1), Carlsbogard (9), Schagen, Timm (3), Hangstein, Zerbe (1), G. Guardiola, Cederholm (6), Geis, Reimann, Baijens (2).
  • Rhein-Neckar Löwen: Palicka, Katsigiannis (n.e.), Späth (n.e.) – Tollbring (6/1), Kohlbacher (5), Groetzki (7) – Lagarde, Schmid (4/2), Lagergren (3) – Patrail, Gislason, Nilsson (5), Kirkeløkke (2), Ahouansou (n.e.)., Veigel (n.e.), Zacharias (2).
  • Schiedsrichter: R. Thiyagarajah/ S. Thiyagarajah.
  • Zuschauer: keine.
  • Strafminuten: Timm (4), G. Guardiola (2) – Kohlbacher (2).
  • Beste Spieler: Carlsbogard, Cederholm – Nilsson, Groetzki, Palicka.

Vielleicht folgt dieser in den nächsten Tagen, in denen viele Löwen mit ihren Nationalteams kreuz und quer durch Europa reisen. Zwangsläufig wächst da die Sorge vor Corona-Infektionen, Trainer Martin Schwalb denkt aber auch an die Belastung. „Die Jungs werden noch müder zurückkommen“, fürchtet der gebürtige Stuttgarter, der seinen Auswahlspielern mit auf den Weg gab, „in den nächsten Tagen mit Auge zu arbeiten“. Ob das als Auftrag oder Bitte formuliert war, ließ der Coach offen. Aber natürlich wünscht er sich, dass nicht jeder seiner Profis ans Limit gehen muss.

Bei einigen ist das ohnehin kaum möglich, Mait Patrail klagt seit Wochen über Schmerzen in der Wade und an der Achillessehne. Doch der eng getaktete Spielplan, der etwas von einem Attentat auf die Gesundheit der Spieler hat, lässt keine Pausen zu, weshalb den Profis nichts anderes übrigbleibt, als den Raubbau am eigenen Körper tapfer fortzusetzen und sich nicht schlimmer zu verletzen. Das wäre im Fall von Patrail für die Löwen fatal, weil mit Ilija Abutovic und Jesper Nielsen schon zwei Innenblockspieler fehlen.

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In Lemgo kämpfte sich Patrail erneut aufopferungsvoll durch die Begegnung, nach etwas mehr als einer Viertelstunde bekam er im Abwehrzentrum mit Romain Lagarde sogar noch einen neuen Partner, weil Ymir Gislason bis dahin nicht den frischesten Eindruck hinterlassen hatte. „Großes Kompliment an Romain. Er war ein wichtiger Mann in der Abwehr, hat die Lücken geschlossen, schlau und intensiv verteidigt. Es war nicht perfekt, aber Romain hat für Stabilität gesorgt“, lobte Schwalb den Franzosen, der überall zu finden war. Wie ein lästiger Bienenschwarm. Angesichts der schweißtreibenden Schufterei in der Deckung fehlte dem 24-Jährigen allerdings ein „wenig die Kraft für den Angriff“, wie Groetzki festhielt.

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Doch wie es sich in diesen stressigen Tagen zwischen Flugreisen, Busfahrten und Spielen gehört, ist Arbeitsteilung das Gebot der Stunde – und so konnte sich Lagarde auf seine Abwehraufgabe konzentrieren, weil Lukas Nilsson den nächsten Schritt aus seinem doch ziemlich langen Leistungstief zu Jahresbeginn machte. Der Schwede glänzte mit feinen Anspielen auf Kohlbacher und war dazu selbst wurfgewaltig erfolgreich. Oder anders ausgedrückt: Er knackte die Lemgoer Abwehr wie ein Einbrecher einen Tresor. Mal entschlüsselte er geschickt den Code, mal half die Brechstange. Nilsson findet seine Form – und reist in dieser Woche nicht zur Nationalmannschaft. Trainer Schwalb wird’s doppelt freuen.

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