Handball - Löwen-Coach Martin Schwalb gehen viele Ideen zum Offensivspiel durch den Kopf, doch für Training bleibt kaum Zeit – am Dienstag geht es gegen Leipzig Der lange Weg zur neuen Identität

Von 
Marc Stevermüer
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Löwen-Trainer Martin Schwalb ballt die Siegerfaust, die Fans feiern ihn und den Erfolg über Hannover. © Binder

Mannheim. Die Selbsterkenntnis ist ja gemeinhin der erste Schritt zur Besserung. Von alleine wird dann aber meistens trotzdem nicht alles gut. Denn den Spielern der Rhein-Neckar Löwen mangelte es in den vergangenen Wochen keinesfalls an einem kritischen Umgang mit der eigenen Leistung. Im Gegenteil: Immer wieder hinterfragten sie ihre bisweilen seltsamen Auftritte, die in der Entlassung von Trainer Kristján Andrésson gipfelten, aber danach – zumindest bislang – auch ihr Ende fanden. Ganz offenbar reichte die Selbsterkenntnis nicht aus, um wieder halbwegs zu gewohnter Form zu finden.

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Seit etwas mehr als einer Woche hat der neue Trainer Martin Schwalb das Sagen. Von der Idealvorstellung seines Handballs sind die Löwen vor dem Heimspiel am Dienstag (19 Uhr/SAP Arena) gegen den SC DHfK Leipzig zwar mangels Zeit erwartungsgemäß noch weit entfernt – und von so etwas wie Perfektion sowieso. Aber die Mannschaft zeigte in den gewonnenen Spielen gegen Liberbank Cuenca und die TSV Hannover-Burgdorf nicht nur eine tadellose Arbeitsmoral, sondern auch eine lange Zeit nicht gesehene Abwehr-Stabilität. Zudem kehrten die Emotionen zurück. Wenn man so will, hat Schwalb dem Team neues Leben eingehaucht.

„Martin motiviert uns sehr gut, er zeigt Feuer in den Besprechungen“, lobt Abwehrchef Gedeón Guardiola die Ansprachen des neuen Coaches, der aber nicht nur die vermisste emotionale Komponente einbringt. Sie ist nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen, wie Schwalb deutlich macht: „Es reicht ja nicht aus, dreimal mit den Armen zu kurbeln und nur auf Emotionen zu bauen. Man muss ein bisschen Ahnung von Handball haben.“

Dass der neue Trainer mehr als nur „ein bisschen Ahnung von Handball“ hat, steht zweifelsohne fest. Europapokalgewinner, Meister, Champions-League- und Pokalsieger mit dem HSV Hamburg wird keiner mal nur eben so – oder wegen ein paar kurbelnder Arme. Sondern eher wegen eines klaren, durchdachten Plans. „Ein guter Trainer“, beschreibt Schwalb sein eigenes Arbeitsprofil, „muss taktische Vorgaben machen. Sonst kann man mit diesen Weltklassespielern nicht zusammenarbeiten, wenn man immer nur den Hampelmann macht und keine Antworten hat.“

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Erste sichtbare Korrekturen in der Deckung hat er bereits vorgenommen, deutlich länger dürfte es dauern, bis der Einfluss, die gern zitierte Handschrift des Trainers, beim Offensivspiel zu sehen sein wird. Er hätte jetzt gerne eine Saisonvorbereitung, scherzte Schwalb nach dem Erfolg über Hannover – auch weil ihm viele Ideen durch den Kopf gehen. Bei seiner Vorstellung am vergangenen Mittwoch sprach er von einer Identität, die er seinem Team vermitteln will.

Die Achse aus Regisseur Andy Schmid und Kreisläufer Jannik Kohlbacher bezeichnete der gebürtige Stuttgarter als „sensationelle Basis“. Allerdings, stellte der Trainer klar, müssten auch die Kollegen ins Spiel eingebunden werden. Kurzum: Schwalb schwebt eine größere Variabilität und somit zwangsläufig auch mehr Durchschlagskraft von den Halbpositionen vor – ein kein ganz neues Problem des zweifachen deutschen Meisters, der zuletzt zumindest einen ersten Schritt aus der Krise und somit einen kleinen Neuanfang machte.

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„Es ist jetzt aber nicht alles gut“, mahnt Schmid, der sich nach dem Sieg über Hannover das Mikrofon schnappte und zu den fast 12 000 Fans sprach: „Die ersten Auftritte in 2020 waren teilweise schrecklich.“ Die Selbsterkenntnis dauert also noch an – nun gibt es aber auch deutliche Zeichen der Besserung.

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft