Der Gold-Garant

Von 
Marc Stevermüer
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Nach zwei Meisterschaften mit den Rhein-Neckar Löwen gewinnt Nikolaj Jacobsen mit Dänemark auch seinen zweiten WM-Titel. Was macht diesen Trainer so außergewöhnlich? Es sind neben seinem taktischen Geschick zwei Dinge, die er täglich vorlebt: Mut und Spaß.

Nikolaj Jacobsen hält den WM-Pokal nach dem Triumph 2019 in seinen Händen. Am Sonntag sicherte er sich die Trophäe mit dem dänischen Nationalteam erneut. © Imago
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Um zu verstehen, welchen unfassbaren Stellenwert die Handball-Nationalmannschaft in Dänemark genießt, reichte am Sonntag ein Blick auf das Programm des Senders TV 2 SPORT. Die Vorberichterstattung auf das mit 26:24 gewonnene WM-Finale gegen Schweden begann nicht 30 Minuten oder eine Stunde vor dem Anwurf, sondern zur Frühstückszeit. Ab 10 Uhr – und somit siebeneinhalb Stunden vor dem Anpfiff – wurden die Dänen auf das Spiel eingestimmt, das dann mehr als das halbe Land verfolgte. Keine Frage: Die Auswahl um Superstar Mikkel Hansen ist ein nationales Heiligtum, jeder einzelne Spieler ein Idol und Trainer Nikolaj Jacobsen der Liebling der Massen. Zumindest jetzt wieder. Denn in Dänemark geht das mit der Popularität rauf und runter. Es ist ein Handball-Land der Extreme: Es zählt immer nur Gold.

„Held oder Vollidiot – so läuft das bei uns“, sagte Jacobsen noch vor dem Turnier im exklusiven Interview mit dieser Redaktion. Erlebt hat der Trainer schon beides. 2019 führte er die stolze Handball-Nation zum WM-Titel. Gefühlt war der frühere Linksaußen zu diesem Zeitpunkt der neue Herrscher des Königreichs. Volksnah und verehrt, geliebt und gefeiert. Für zwölf Monate. Dann folgte das EM-Vorrunden-Aus. Plötzlich war Jacobsen der Prügelknabe. „Darüber solltest du nachdenken, Nikolaj“, titelte damals das Boulevard-Medium „B.T.“, sprach – wohlgemerkt im Januar – von der „Sport-Enttäuschung des Jahres“ und zeigte Jacobsens vermeintliche Versäumnisse und Verbesserungsmöglichkeiten auf. Am Sonntagabend schrieb das Blatt: „Meister Jacobsen hat es wieder getan! Der Mann ist brillant! Wir verneigen uns im Staub und würdigen dich, Nikolaj.“

Tattoos für Titel

Kurzum: Nun ist er wieder der Geliebte, dem der Triumph von Ägypten viel bedeutet. „Wir haben WM-Gold verteidigt, und das haben nur sehr wenige Nationen vor uns getan. Wir betreten einen ganz besonderen Ort in der Geschichte“, sagt Jacobsen, der in seiner immer noch jungen Trainerlaufbahn die Dänen nicht nur nach einer langen Leidenszeit zu den ersten zwei WM-Titeln führte, sondern vor nicht allzu langer Zeit auch in der Bundesliga aus dem ewigen Zweiten Rhein-Neckar Löwen in seiner fünfjährigen Amtszeit (2014-2019) einen zweifachen deutschen Meister formte. Jacobsen ist zweifelsohne der Mann, der ein Trauma oder einen Titelfluch beenden und stattdessen Träume und Sehnsüchte erfüllen kann. Er ist eine Art Erlöser, ein Glücklichmacher, dessen rechter Unterarm mit unzähligen Sternen tätowiert ist. Drei stehen für seine Kinder, alle anderen für jeden gewonnenen Titel. Und davon gibt es einige in seiner Laufbahn als Spieler und Trainer.

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Doch warum gelingt ihm genau das immer wieder, woran viele andere vor ihm scheiterten? Seine fachlichen Qualitäten sind unbestritten. 35 Treffer gelangen den Dänen im WM-Halbfinale gegen die traditionell defensivstarken Spanier, die seit Jahren eine der unbequemsten Abwehrreihen der Welt stellen und deshalb gleich zweimal Europameister wurden. Doch gegen die schnellen, kreativen und vor allem präzise auf den Punkt gespielten Angriffe von Jacobsens Mannschaft bekamen die Iberer Probleme. Kurzum: Der Coach hatte einen Plan. Wieder einmal. Auch bei den Löwen bereitet er einst spezielle taktische Dinge nur für einen einzigen Gegner vor. Der deutsche Bundestrainer Alfred Gislason musste das beispielsweise einmal leidvoll mit dem THW Kiel erfahren, als Jacobsen ihn mit mehreren Abwehrumstellungen entnervte.

Ein Pionier beim Überzahlspiel

Den Handball umfassend in seinen Facetten verstanden zu haben, reicht bisweilen jedoch nicht aus, um als Trainer erfolgreich zu sein. Jacobsen bringt aber noch zwei andere Dinge mit, die er in der täglichen Arbeit vorlebt: Spaß und Risikobereitschaft. „Wenn ich etwas gewinnen will, muss ich mutig sein“, sagt der 49-Jährige, der seit jeher das taktische Mittel mit dem siebten Feldspieler nutzt. Er machte das schon, als es die Regeln noch nicht so sehr erleichterten wie jetzt und verschaffte damit seinen Teams mehr als einmal einen entscheidenden Vorteil. Wenn man so will, hat der Däne beim Agieren mit dem siebten Feldspieler sogar eine Art Standardwerk publiziert, an dem sich nun andere orientieren und an das sich seine Mannschaften in kritischen Situationen stets halten. Weil sie wissen, dass es funktioniert. Weil sie an ihren Coach glauben. Und weil ganz einfach die Beziehung zu ihm passt.

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Der Trainer selbst bleibt sogar dann locker, wenn es nervenaufreibend wird. Beim Siebenmeterwerfen im Viertelfinale gegen Ägypten gab Jacobsen vor wenigen Tagen seinem letzten Schützen Lasse Svan den etwas flapsigen Satz mit auf den Weg: „Du hast die Erlaubnis, das Spiel zu entscheiden, mein Freund.“ Und natürlich traf Svan, sein Freund.

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„Der Spaßfaktor wird von vielen Trainern unterschätzt, von Nikolaj aber nicht“, lobt Andy Schmid, der Jacobsens Schlüsselspieler bei beiden Löwen-Meisterschaften war. Der Trainer selbst wiederum gibt zu, stets die Nähe zu seinem Team zu suchen. Im Trainingslager mit den Löwen in Ischgl gab es schon einmal einen von ihm verordneten Party-Befehl. Und er selbst will auch mit seiner Mannschaft feiern, wenn es einen Grund dafür gibt. „Nehmt mich bitte mit“, soll er seine Spieler angefleht haben, als diese 2017 nach dem vorzeitigen Meisterschaftsgewinn einen spontanen Trip nach Mallorca planten. Der Däne selbst dementiert diese Darstellung nicht, er lacht sogar, als er damit konfrontiert wird. Doch Jacobsen stellt auch klar, dass es da keine Diskussionen gab: „Ohne mich wäre keiner nach Mallorca geflogen, weil nur ich bestimme, ob ich frei gebe oder ob wir trainieren.“ Womit bei allem lustigen Miteinander dann auch geklärt wäre, wer immer das Sagen hat.

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Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft