Interview - Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic spricht im Interview über das Pokalduell am Sonntag in Mannheim Bobic: „Waldhof - Tradition, Nostalgie, Romantik“

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Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic. © Arne Dedert

Fredi Bobic kennt den Stress: Die Verpflichtung von Nationaltorhüter Kevin Trapp hat der Sportvorstand von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt gerade perfekt gemacht, am Donnerstag geht es in den Flieger zum Europa-League-Hinspiel beim FC Vaduz, bevor am Sonntag (15.30 Uhr) die kurze Reise zur ersten Runde im DFB-Pokal bei Drittligist SV Waldhof ansteht. Dennoch nahm sich der 47-Jährige die Zeit für ein Interview mit dieser Zeitung.

Fredi Bobic

  • Fredi Bobic wurde 1971 in Maribor/Slowenien geboren. Kurz nach seiner Geburt wanderten die Eltern mit ihm nach Deutschland aus.
  • Als Profi spielte der Stürmer für die Stuttgarter Kickers, den VfB Stuttgart, Borussia Dortmund, Bolton Wanderers, Hannover 96, Hertha BSC und HNK Rijeka. Mit Deutschland wurde Bobic 1996 Europameister.
  • Seit Juni 2016 ist er Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt. Mit den Hessen gewann Bobic den DFB-Pokal 2018 und zog in der vergangenen Saison ins Halbfinale der Europa League ein, wo die Eintracht dem FC Chelsea erst im Elfmeterschießen unterlag.

 

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Herr Bobic, fangen wir mit dem Tagesgeschehen an. Wie froh sind Sie, dass Sie Kevin Trapp langfristig an die Eintracht gebunden haben und welchen Stellenwert hat er für das Team?

Fredi Bobic: Kevin ist ein Torwart mit einer großen Reputation und unsere klare Nummer 1. Es ist strategisch sehr wichtig, wenn man so einen Spieler bekommen kann. Wir sind froh darüber, dass er bei uns bleibt.

Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Ihnen der Name Waldhof Mannheim in den Sinn kommt?

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Bobic: Da kommen viele Erinnerungen hoch. Tradition, Nostalgie, Romantik – da ist alles dabei. Ich kann mich an meine eigenen Spiele gut erinnern. Die Fights, die ich damals in der 2. Liga mit den Stuttgarter Kickers gegen Waldhof hatte. Das waren tolle Spiele in einer Super-Atmosphäre. Und dann war lange lange nichts. In der jüngsten Zeit hat der Club versucht, in die 3. Liga zu kommen und hat oft Pech in der Relegation gehabt, das war fast schon tragisch.

Als der SV Waldhof zum letzten Mal in der Bundesliga spielte, kickte die TSG 1899 Hoffenheim noch in der Bezirksklasse. Wie bewerten Sie die Perspektiven des Fußball-Standorts Mannheim unter den mittlerweile geänderten Rahmenbedingungen?

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Bobic: Waldhof Mannheim ist immer eine Marke geblieben, wie auch andere Traditionsvereine mit großem Namen und toller Historie, die in der 4. oder 5. Liga verschwunden sind. Jetzt hat es der Verein zurück in die 3. Liga geschafft und hat sicher auch das Potenzial für die 2. Liga. Weil alles stimmt: Sie haben eine große Fankultur, die Stadt ist nicht so klein und sehr lebenswert. Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf das Spiel am Sonntag.

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Der Waldhof hat in der vergangenen Regionalliga-Saison mit 2:0 in Ulm gewonnen, wo die Eintracht in der 1. Runde als Titelverteidiger ausgeschieden ist. Zittern Sie schon?

Bobic: Nein, gar nicht. Es gibt manchmal eben solche Pokalsensationen, die der Fußball schreibt. Was für uns in diesem Jahr besser ist: Wir haben schon einige K.o-Spiele in der Europa League bestritten. Das kann ein Vorteil für uns sein. Normalerweise ist für einen Bundesligisten nicht einfach, wenn man im Pokal gegen einen Dritt- oder Viertligisten, der bereits im Rhythmus ist, sein erstes Pflichtspiel bestreitet.

Im Ernst: Was muss passieren, damit der Europa-League-Halbfinalist Eintracht Frankfurt beim Drittligisten Mannheim verliert?

Bobic: Das ist immer das Gleiche. Du musst den Gegner respektieren und ernst nehmen. Und du musst fokussiert sein. Wenn wir unsere Qualität über 90 Minuten auf den Platz bringen, gewinnen wir auch. Wenn wir das nicht machen, nachlässig sind und die Sache zu locker angehen, dann erleben wir eine böse Überraschung.

Gab es zu Ihrer Zeit als Profi eigentlich schon Fanfreundschaften, wie sie zwischen den Ultras der Eintracht und des Waldhof gepflegt werden? Was halten sie davon?

Bobic: Das bedeutet zunächst einmal, dass es keine Randale gibt und es hoffentlich ein friedliches Fußballfest mit guter Stimmung wird. Dass die Fans beider Clubs befreundet sind, wusste ich vorher gar nicht, weil ich zu meinen aktiven Zeiten nicht für Frankfurt gespielt habe. Ich finde das schön.

Durch die Verkäufe von Jovic und Haller wurden der Eintracht viele Millionen in die Kasse gespült. Das weckt auch bei anderen Clubs Begehrlichkeiten. Haben Sie sich bei den Verhandlungen mit dem FC Augsburg über einen Wechsel von Martin Hinteregger manchmal wie der reiche Onkel gefühlt, der im Lotto gewonnen hat und von dem erwartet wird, dass er seinen Gewinn gefälligst auch an Verwandte und Bekannte zu verteilen hat?

Bobic: Weniger. Am Ende des Tages haben wir den Preis bezahlt, mit dem wir zufrieden waren. Solche Transfererlöse sind gut, weil sie dem Verein Sicherheit geben und man mit dem Geld viele Dinge anschieben kann. Aber wir haben bis jetzt auch 40 Millionen Euro in neue Spieler investiert.

Die Frage zielte darauf ab, ob es für die Eintracht schwieriger auf dem Transfermarkt geworden ist, weil andere Vereine wissen, dass sie ein paar Millionen auf der hohen Kante haben.

Bobic: Im ersten Gespräch klingt so etwas vielleicht durch, aber das ist meistens lustig gemeint. Letztlich siegt immer die Vernunft.

Hinter der Eintracht liegt die beste Saison seit 25 Jahren, wenn man den DFB-Pokal-Triumph im Mai 2018 miteinklammert. Wie frustrierend fühlt es sich an, wenn dann reichere Vereine kommen und die besten Spieler wegkaufen, die man selbst entdeckt und mitentwickelt hat?

Bobic: Wir wissen, dass wir ein Ausbildungsverein auf höherem Niveau sind und dass es größere Clubs gibt. Natürlich wünscht man sich unter romantischen Gesichtspunkten, dass man über Jahre ein Team aufbauen kann. Aber ganz ehrlich: Wo gibt es das heute im Fußball noch? Aber ich sehe das realistisch. Wir werden finanziell entlohnt für die Abgänge und können damit den Verein weiterentwickeln. Das macht mich nicht depressiv. Es gibt so viele Fußballer, die toll sind und Entwicklungspotenzial haben.

Die Eintracht hat in der vergangenen Saison das Europa-League-Halbfinale erreicht und hat in der Bundesliga lange um die Champions-League-Plätze gespielt. Wo steht die Eintracht aktuell im Bundesliga-internen Ranking und wie können die Perspektiven in den kommenden Jahren aussehen?

Bobic: Natürlich sind die Erwartungen gestiegen. Aber wir wissen, mit welchen Konkurrenten wir uns im ersten Drittel der Tabelle messen müssen. Wenn man sich die ersten Zehn der Tabelle anschaut muss man sagen, dass wir da schon ein bisschen die Außerirdischen waren. Unser Wunsch ist es, es immer in diesen Bereich zu schaffen. Aber wir wissen auch, dass es unter bestimmten Konstellationen auch einmal ein schwaches Jahr geben kann. Entscheidend ist für mich immer, und das war mein Auftrag, als ich zur Eintracht gekommen bin, nie etwas mit dem Abstiegskampf zu tun haben und immer eine solide Bundesliga-Saison zu spielen. Dabei bleibt es, auch wenn man einmal das Halbfinale der Europa League erreicht oder den DFB-Pokal gewinnt. Man darf da nicht überziehen, dafür sind wir noch ein bisschen zu klein.

Die Commerzbank Arena soll auf 60.000 Plätze ausgebaut werden, der Verein veröffentlicht jedes Jahr neue wirtschaftliche Rekordzahlen, die Eintracht-Fans haben beim Triumphzug durch Europa mächtig Eindruck hinterlassen. Welchen Einfluss kann diese durchweg positive Entwicklung im Umfeld auf die sportlichen Perspektiven haben? Gibt es da eine Wechselwirkung?

Bobic: Das geht Hand in Hand. Wenn die Jungs auf dem Platz den Ball nicht richtig treffen, sind auch die weichen Faktoren weg. Momentan ist es eine Symbiose aus der euphorisch-emotionalen Stimmung im Umfeld, der Treue der Fans, der wirtschaftlichen Zahlen - und dem Fußball auf dem Platz, mit dem sich alle identifizieren können. Das hilft uns natürlich in allen Bereichen, macht allen Beteiligten unheimlich Spaß und kann uns beflügeln, dass wir noch schneller wachsen können.

Die wirtschaftliche Dominanz der Premier League haben Sie beim Wechsel von Sebastien Haller zu West Ham United am eigenen Leib erfahren. Wie kann sich die Bundesliga auf diesem völlig überhitzten Transfermarkt behaupten, auch unter dem Aspekt, weiter international bestehen zu wollen?

Bobic: Die deutschen Mittelstandsclubs brauchen sich mit der Premier League gar nicht zu messen. Bei den Budgets liegen Welten dazwischen. Aber müssen wir uns mit der Premier League messen? Ich glaube nicht. Wir müssen unseren eigenen Weg finden und versuchen, die Bundesliga so attraktiv wie möglich zu halten. Das ist uns bisher gut gelungen.

Mit der Forderung nach einem Ende der „50+1“-Regel dürften Sie sich bei Eintracht-Traditionalisten allerdings wenig Freunde machen.

Bobic: Das ist mir egal. Mein Empfinden ist so: Die „50+1“-Diskussion wird sehr oberflächlich und teilweise heuchlerisch geführt. Auch um Ängste zu schüren. Wenn man es unaufgeregt betrachtet, würde sich bei einer Abschaffung erst einmal gar nicht so viel ändern. Die Vereine hätten aber die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie ihre Unternehmensstruktur aussieht. Das sollte doch möglich sein.

Die Befürchtung, die dahinter steckt, ist ja: Dann kommt ein Abramowitsch-Verschnitt zur Eintracht und übernimmt den Verein.

Bobic: Weil wir immer nur den bösen Wolf sehen. Seit Abramowitsch da ist, geht es Chelsea jetzt nicht so schlecht.

Haben Sie eigentlich manchmal Mitleid mit Niko Kovac?

Bobic: Nein, Mitleid habe ich gar keines. Dem geht es doch gut, der hat das Double gewonnen …

… dennoch wird er öffentlich immer wieder angezählt.

Bobic: Ja, aber da muss er durch. Das wird er auch schaffen, weil er eine starke Persönlichkeit ist und weil er weiß, bei Bayern München ticken die Uhren anders. Natürlich ist es manchmal nicht einfach, sich in dem Spannungsumfeld zu behaupten. Aber ihm ist es im ersten Jahr in einer ganz schwierigen sportlichen Situation mit Bravour gelungen. Das fordert mir Respekt ab. Die Diskussionen bei Bayern wird es doch immer geben, allein, damit ihr was zu schreiben habt.

Fußball-Deutschland diskutiert über den möglichen Wechsel von Leroy Sane zum FC Bayern. Halten Sie das kolportierte 200-Millionen-Paket für Ablöse und Gehalt noch in irgendeiner Weise von der Realität gedeckt oder bewegen wir uns da eher im Reich der Fantasie?

Bobic: Solche Summen gab es in der Realität ja schon ein paar Mal. Die Einzigen, die in solche Sphären vorstoßen können, sind die Bayern, weil sie über Jahrzehnte einen tollen Job machen. Das Paket insgesamt hört sich natürlich viel an und ich gebe Ihnen auch Recht, dass das für viele nicht mehr greifbar ist. Aber wenn das Geld da ist, wird es letztlich eben eingesetzt. Mir steht aber nicht zu, den Bayern zu empfehlen, ob sie das machen sollen oder nicht.

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Veröffentlicht
Von
Alexander Müller und Marc Stevermüer
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