Interview - Ex-Adler Moritz Seider zeigt in Schweden, dass er bereit ist für die beste Eishockey-Liga der Welt Ex-Adler Moritz Seider: „Mein NHL-Traum geht irgendwann in Erfüllung“

Von 
Christian Rotter
Lesedauer: 
Moritz Seider geht seinen Weg, der ihn bald in die NHL führen wird. In Schweden gehört der Ex-Adler zu den besten Verteidigern in der Topliga SHL. © Imago

Die Experten sind sich einig: Moritz Seider hat längst das Zeug dazu, um in der nordamerikanischen Profiliga NHL zu bestehen. Bis zu seiner Schulterverletzung, die er sich Ende Januar im Spiel gegen Brynäs zuzog, brillierte der Verteidiger im Trikot des schwedischen Topclubs Rögle BK. Mit fünf Toren und 19 Vorlagen in 31 Spielen setzte der 19-Jährige auch in der Offensive Akzente. Im Interview äußert sich Seider über seine kurz- und mittelfristige Zukunft, seinen Austausch mit den Detroit Red Wings und den schwedischen Sonderweg in der Bekämpfung der Corona-Pandemie.

AdUnit urban-intext1

Moritz, wie ist es Ihnen bislang in Schweden ergangen?

Moritz Seider

  • Moritz Seider wurde am 6. April 2001 in Zell an der Mosel geboren. Er gilt als eines der größten Talente im deutschen Eishockey.
  • Der Nationalspieler feierte in der Saison 2018/19 die DEL-Meisterschaft mit den Adlern Mannheim. 2019 wurde der Verteidiger vom NHL-Club Detroit Red Wings in der ersten Runde an sechster Stelle gedraftet.
  • Nach einer Saison im Detroiter Farmteam Grand Rapids Griffins spielt Seider zurzeit für den schwedischen Topclubs Rögle BK (5 Tore und 19 Vorlagen in 31 Partien).

Moritz Seider: Es war für mich eine aufregende Anreise, weil ich zu diesem Zeitpunkt wenig über Schweden, die Liga und meinen neuen Verein wusste. Ich habe aber schon immer davon geträumt, in dieser Liga spielen zu können. Dass es so schnell geklappt hat, hätte ich auch nicht gedacht. Ich habe unheimlich viel Eiszeit, spiele regelmäßig in Über- und Unterzahl.

Hätten Sie das Jahr bei den Adlern verbracht, wenn die DEL-Saison früher begonnen hätte?

AdUnit urban-intext2

Seider: Da die NHL-Saison später beginnen sollte, war der Plan, dass ich in der DEL anfange und mich in Mannheim fit halte. Ich hätte so lange am DEL-Spielbetrieb teilnehmen sollen, bis es in Nordamerika losgeht. Da auch in der DEL der Saisonstart verschoben wurde, kam relativ schnell die Erkenntnis, es irgendwo anders zu versuchen, um Eishockey zu spielen. Dann kam die Möglichkeit, nach Schweden zu gehen. Darüber bin ich sehr glücklich, ich hätte mich aber auch gefreut, noch einmal im Adler-Trikot aufzulaufen.

Wie sieht Ihr Alltag in Rögle aus?

AdUnit urban-intext3

Seider: Rögle ist eine nette Kleinstadt. Es gibt zwar wenig zu tun, aber es ist schön, dass wir am Meer sind. Wir haben die Spaziergänge am Meer für uns entdeckt und versuchen, an einem freien Tag Energie zu tanken, die Gedanken mal weg vom Eishockey zu bekommen.

AdUnit urban-intext4

Haben Sie sich einen Freundeskreis aufgebaut, eventuell mit den jungen Spielern?

Seider: Die Mannschaft ist im Schnitt natürlich viel jünger als die meisten DEL-Teams. Ein besonders gutes Verhältnis habe ich zur Import-Crew mit Adam Tambellini und Eric Gelinas - das ist auch der Sprache geschuldet (lacht). Wir sind eine kleine eingeschworene Einheit.

Haben Sie Zeit, Schwedisch zu lernen?

Seider: Ich habe es versucht, es aber relativ schnell wieder aufgegeben. Es ist doch relativ kompliziert, das habe ich mir schon ein bisschen leichter vorgestellt. Die ganz einfachen Basics werde ich bis zum Saisonende aber schon noch verinnerlichen.

Den Altersschnitt der Teams haben Sie schon angesprochen. Welche Unterschiede haben Sie zudem zwischen SHL und DEL ausgemacht?

Seider: Viele Teams haben nur einen oder zwei Ausländer, die schwedische Präsenz in der Mannschaft ist dementsprechend sehr groß. Schweden arbeiten unheimlich hart, sie fahren viel Schlittschuh und sind sehr talentiert am Schläger. Die SHL ist eine unheimlich schnelle Liga mit ganz großer Finesse. Jeder Fehler wird sofort bestraft, weil die Spieler auf einem hohen Niveau agieren.

Wie fällt das Feedback Ihres Clubs aus?

Seider: Es gibt immer ein, zwei Dinge, die man verbessern möchte über die Saison. Wir haben regelmäßig Video-Sessions mit unserem Assistant Coach, der für die Verteidiger zuständig ist. Wir versuchen immer, uns ein, zwei Themen für die nächsten Spiele oder für den kommenden Monat vorzunehmen. Unterm Strich bin ich sehr froh darüber, wie die erste Saisonhälfte gelaufen ist.

Haben Sie einen festen Reihenpartner?

Seider: Ja, zu 95 Prozent spiele ich mit Eric Gelinas zusammen. Er ist ein sehr erfahrener Spieler. Er ist dann zwar doch zehn Jahre älter als ich, neben dem Eis merkt man das aber überhaupt nicht. Wir haben einen guten Draht zueinander. Ich denke, das kann man auf dem Eis auch sehen. Wir wissen, wo der andere steht, und versuchen, das beste Verteidigerpaar auf dem Eis zu sein.

Ist Gelinas für Sie so etwas wie der Nachfolger von Joonas Lehtivuori in Mannheim?

Seider: Ja, auf jeden Fall. Ich durfte viel von Joonas lernen, der vor zwei Jahren eine richtig starke Saison gespielt hat. Vielleicht kann ich mich jetzt noch mehr einbringen, noch präsenter sein. In meinem Draft-Jahr konnte ich vielleicht doch ein bisschen Verantwortung an Joonas abgeben.

Sie sind schon noch etwas offensiver ausgerichtet als in Mannheim, oder?

Seider: Stimmt. Ich habe noch mehr Selbstvertrauen, traue mir mehr zu. Man muss etwas riskieren, um belohnt zu werden. Ich versuche, entspannter zu spielen, mir nicht über alles Gedanken zu machen.

Momentan sind Sie außen vor. Wie haben Sie die Szene, die zu Ihrer Verletzung geführt hat, erlebt? Und wie geht es Ihnen?

Seider: Ich wollte eigentlich nur zum Tor ziehen, habe mich unglücklich mit dem Spieler von Brynäs verhakt. Wir sind beide ins Stolpern geraten, und die Bande kam dann doch etwas schneller als gedacht. So etwas kann halt passieren! Es war alles halb so wild, das hätte schlimmer ausgehen können. Die Behandlung läuft super. Ich versuche, jeden Tag stärker zu werden mit der Schulter. Die nächsten Wochen werden aber mit Sicherheit noch hart werden, um die Schulter auf 100 Prozent zu bringen. Erst dann lässt sich absehen, wann ich wieder spielen kann. Den vollen Fokus setzte ich zurzeit auf die Reha.

Schweden geht in der Bekämpfung der Corona-Pandemie einen Sonderweg. Wie geht es Ihnen damit?

Seider: Schweden geht zwar in der Tat seinen eigenen Weg, aber wir lassen dennoch Vorsicht walten. Wir überlegen uns zweimal, ob wir irgendwo Essen gehen. Das ist hier alles möglich. Es gibt keine Maskenpflicht, alle Restaurants sind geöffnet. Die einzige Beschränkung, die es derzeit gibt, ist, dass in den Restaurants maximal nur vier Menschen an einem Tisch sitzen dürfen und dass sie um 20 Uhr schließen müssen. Wir Spieler machen alles, um die Fortsetzung der Saison zu sichern. Wir lassen keinen Schlendrian einkehren.

Was ist sportlich für Rögle drin?

Seider: Wir haben hohe Erwartungen an uns, haben ein starkes Team, in dem jeder den Unterschied ausmachen kann. Wir schauen schon gespannt auf die Play-offs.

Sie sind von den Red Wings ausgeliehen, wie sieht der Kontakt mit Detroit aus?

Seider: Der findet regelmäßig in Video-Meetings statt. Ein großer Faktor ist der ehemalige Red Wings-Verteidiger Niklas Kronwall, der gerade wieder in Schweden ist und ab und zu in den Süden zu uns fährt, um sich Spiele anzuschauen. Er hilft mir persönlich sehr viel.

Ist es möglich, dass Sie noch in der NHL auflaufen, sobald die Saison in Schweden vorbei ist?

Seider: In der NHL zu spielen, ist ein Traum, der irgendwann in Erfüllung geht. Man muss aber ehrlich sein: Wir haben in Rögle in diesem Jahr sehr hohe Erwartungen und wollen in den Play-offs sehr weit kommen. Insofern ist es schwierig, das in den Zeitplan der NHL einzubauen. Ich freue mich eher auf die nächste, intensive Saison in der NHL und versuche, mir einen Platz im Red-Wings-Kader zu erarbeiten. Zurzeit gilt mein voller Fokus Rögle, ich lasse mich von keinen Dingen beeinflussen, die vielleicht noch kommen könnten. Ein großes Thema bei mir ist die WM in Lettland.

Wie regelmäßig stehen Sie noch mit den Jungs in Mannheim in Kontakt?

Seider: Ich versuche, so viele Spiele wie möglich zu schauen. Ich habe mit allen Jungs regelmäßig Kontakt, die mir in den vergangenen Jahren ans Herz gewachsen sind. Das sind unheimlich tolle Geschichten, die wir zusammen erlebt haben. Es gibt zig Gründe, warum die Adler trotz der vielen Verletzungen wieder ganz oben stehen. Es rutschen dann andere Jungs in der Hierarchie nach oben und füllen die entstandene Lücke aus.

Mehr zum Thema

Eishockey Auf Eis gelegt

Veröffentlicht
Von
Christian Rotter
Mehr erfahren

Eishockey Adler-Trainer Gross erwartet Steigerung nach Spiel gegen Augsburger Panther

Veröffentlicht
Von
Jan Kotulla
Mehr erfahren

Redaktion Koordinator der Sportredaktion