Fußball - Mit dem „Projekt Zukunft“ will sich der DFB dauerhaft in der Weltspitze etablieren / Oliver Bierhoff wirbt, Mehmet Scholl meckert – und in den Landesverbänden gibt es Sorgen Neustart für Deutschlands Talente

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dpa
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Berlin. Oliver Bierhoff ist auf großer Werbetour für das „Projekt Zukunft“ unterwegs. „Wenn wir jetzt nicht handeln, verspielen wir die Zukunft des deutschen Fußballs“, warnte der Direktor des Deutschen Fußball-Bundes dieser Tage bei einem seiner zahlreichen Medienauftritte. Der 52-Jährige betonte dabei auch das, was nicht erst seit dem WM-Desaster von 2018 mit dem Vorrunden-Aus der deutschen Nationalmannschaft immerzu angemahnt wird: „Wir werden für die Zukunft weniger Toptalente haben“, sagte Bierhoff.

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Doch noch ist es aus Sicht des DFB-Direktors nicht zu spät, um gegenzusteuern: „Ich wäre zuversichtlich, wenn wir das „Projekt Zukunft“ starten und wichtige Maßnahmen angehen, dass wir dann auch für die Zeit nach 2024 und 2026 wieder gute Spieler haben“, sagte er. Das „Projekt Zukunft“ – die notwendige, aber auch kontrovers diskutierte Reform des DFB für die Talentförderung in Deutschland.

U-Mannschaften schwächeln

Von einem EM-Titel der U 21 – so wie hier 2017 – ist der DFB-Nachwuchs momentan weit entfernt. © dpa

Bierhoff wirbt sicher nicht ohne Grund gerade jetzt. Der umfassende Maßnahmenkatalog, den der DFB Ende des vergangenen Jahres erstmals einem kleinen Kreis präsentierte, befindet sich in der finalen Phase der Abstimmung mit Landesverbänden, Nachwuchsleistungszentren und Vereinen. Eine Optimierung der Talentförderung wird grundsätzlich begrüßt. Doch aus den 21 Landes- und Regionalverbänden werden auch Änderungen am Konzept aus der DFB-Zentrale eingefordert.

„Für mich gibt es da vor allem auf sportpolitischer, finanzieller und arbeitsrechtlicher Ebene Diskussionsbedarf“, sagte Hermann Winkler, Präsident des Sächsischen Verbandes. Er befürchte, „dass sich Leistungs- und Amateurfußball immer weiter voneinander entfernen und sich der Spitzenfußball nur noch in einem geschlossenen System abspielt“. Auch in anderen Verbänden gibt es zumindest Diskussionsbedarf.

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„Wir alle sind da in einem engen Austausch, das ist wichtig und richtig“, sagte der Sportliche Leiter Nationalmannschaften des DFB, Joti Chatzialexiou. „Daher geht es auch nicht um die Entfremdung zwischen Amateuren und Profis – denn Weltspitze erreichen wir nur gemeinsam.“ Doch die Frage, wie die Ausbildung, Förderung und Talentsichtung am Ende ausgestaltet werden, treibt alle um.

Gemeinsam mit dem Cheftrainer U-Nationalmannschaften Meikel Schönweitz hat Chatzialexiou das Projekt in den vergangenen Jahren maßgeblich mitgestaltet und entwickelt. Anstoß und Triebfeder für die großen Reformgedanken beim DFB ist der immer deutlicher werdende Abwärtstrend bei den Nachwuchs-Nationalteams – von sieben möglichen Turnieren seit 2017 verpassten deutsche Nachwuchs-Teams vier. „Wir sind sowas von abgeschlagen“, warnte U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz. Er musste mit seiner Auswahl in der EM-Qualifikation zwei Niederlagen gegen Belgien hinnehmen, Gruppenplatz eins wurde dennoch erreicht. Noch kann die U 21 den Talentemangel übertünchen. Doch die Zeiten, in denen Kuntz über reihenweise Spieler mit Joachim Löw für die A-Nationalmannschaft diskutieren musste, sind längst vorbei.

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Spätestens nach der blamablen WM 2018 und der zuletzt unsteten Entwicklung der Nationalmannschaft mit dem 0:6 gegen Spanien im November als Tiefpunkt fürchtet man beim DFB auch auf lange Sicht um die Konkurrenzfähigkeit.

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„Wenn wir dauerhaft mit unserer Nationalmannschaft an der Weltspitze mitspielen wollen – und das ist unser Anspruch und erklärtes Ziel – müssen wir kontinuierlich auf einen Pool von starken Talenten und damit Nationalspielern von morgen zurückgreifen können“, forderte Oliver Bierhoff. „Dauerhaft in der Weltspitze“ – so steht es im Konzeptentwurf.

Die Entwicklung der Spieler soll in den Mittelpunkt gestellt, Talente unabhängig von ihrem Geburtsmonat optimal gefördert werden. Die Entwicklung von Trainern soll verbessert, Wettbewerbe reformiert werden. Dies sieht auch eine Abschaffung von Junioren-Bundesligen vor – und dieser Plan stößt auch auf Widerstand. Thomas Eichin, Nachwuchs-Leiter des Bundesligisten Bayer Leverkusen, befürchtet eine falsche Prioritätensetzung. „Ob wir eine Junioren-Bundesliga abschaffen oder neu strukturieren, das wird nicht der Schlüssel dafür sein, dass wir mehr Talente in die Bundesliga bekommen“, sagte er.

Abschaffung der Bundesliga

Statt der Ligen in ihrer bisherigen Form soll es einen geschlossenen Wettbewerb der Clubs mit Nachwuchsleistungszentrum ohne Auf- und Abstieg geben. „Durch eine NLZ-Spielrunde können alle 56 Leistungszentren einen Wettbewerb auf höchstem Niveau austragen“, begrüßte das Jochen Sauer, Leiter des FC Bayern Campus.

Eichin dagegen hält den sportlichen Wettkampf mit Auf- und Abstieg für unerlässlich. „Unsere Spieler sind teilweise nicht oder unzureichend präpariert für den harten Wettbewerb in der Bundesliga“, sagte er. „Die Ausbildung der Spieler findet auch über den Wettbewerb statt.“ In den Landesverbänden wird das Wettkampfsystem kontrovers diskutiert. „Im DFB wurde nicht mit so großem Widerstand gerechnet. Es ist für Nachwuchsspieler das A und O, sich mit den NLZ zu messen. Sehr viele Talente kommen aus Amateurvereinen“, sagte Döring.

Auch Kollegen äußerten klare Skepsis, ebenso Mehmet Scholl. Das Konzept werde nur erfolgreich sein für „die Leute, die an der Macht sind, dass sie ihre Jobs behalten“, nörgelte der ehemalige Nationalspieler bei „Bild Live“. „Wir sortieren die Effenbergs in der Jugend aus, weil sie unbequem sind, wir sortieren die Ribérys aus, weil sie unbequem sind. Wir kriegen die Kinder nicht mehr von den Bildschirmen weg.“ dpa