Triathlon - Mit der Teilnahme an der berühmt-berüchtigten Langdistanz-WM der Eisenmänner erfüllt sich Jürgen Knapp einen Traum – und das mit 72 Jahren Vom Sportmuffel zum Hawaii-Starter

Von 
Thorsten Hof
Lesedauer: 

Mannheim. Ein bisschen Joggen, um nach der Arbeit den Kopf frei zu kriegen, dann ein richtiges Trainingsprogramm, um nach einem Hörsturz die Blutwerte wieder auf Vordermann zu bringen. Als der Edinger Jürgen Knapp im Alter von 50 Jahren erstmals ernsthaft die Laufschuhe schnürte, war noch nicht abzusehen, wohin das einmal führen könnte. Selbst Knapp erinnert sich mit einem Lächeln an die ersten sportlichen Gehversuche. „Nach zehn Kilometern im Wald war ich wie tot“, blickt Knapp zurück. Doch danach entwickelte sich eine Sportler-Biografie, die mehr als erstaunlich ist und nach mitteleuropäischer Zeit in der Nacht auf Sonntag in der Erfüllung eines Traums gipfelt: Mit 72 Jahren startet der Ausdauerspezialist bei der Triathlon-WM auf Hawaii, dem wohl härtesten Langdistanz-Dreikampf über 1,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen.

Jürgen Knapp ist ständig in Bewegung: Ob beim Ironman in Hamburg auf der abschließenden Marathon-Strecke (großes Bild) oder zuvor auf der 180 Kilometer langen Radstrecke. In der Hansestadt machte der Edinger als Sieger in der Altersklasse 70 Ende Juli die Qualifikation für Hawaii perfekt. © Knapp
AdUnit urban-intext1

Das Ticket für Hawaii löste Knapp Ende Juli beim Ironman in Hamburg, als er nicht nur Deutscher Meister der AK 70 wurde und zugleich als ältester Finisher ein Ausrufezeichen setzte, sondern eben auch die Startberechtigung für die WM ausgehändigt bekam. „Das war sehr emotional, da hatte ich tatsächlich Tränen in den Augen“, wurden dem Starter der DJK Feudenheim im hohen Norden schließlich die bislang vergeblichen Quali-Anläufe und weitere Rückschläge bewusst.

Marathon-Premiere in Köln

  • Jürgen Knapp (Bild) kam spät zum Ausdauersport und begann erst mit 50 Jahren aus gesundheitlichen Gründen, intensiv zu Laufen.
  • Nach seiner ersten Marathon-Teilnahme 1999 in Köln und Starts bei Ultra-Läufen absolvierte der gelernte Kaufmann und Außendienstleiter 2004 mit 58 Jahren seinen ersten Schnupper-Triathlon in Ladenburg.
  • 2009 stand dann der erste Langdistanz-Triathlon in Roth auf dem Programm.
  • Die WM-Qualifikation für Hawaii schaffte der Edinger Ende Juli beim Ironman in Hamburg. Dort wurde er auch Deutscher Langdistanz-Meister in der AK 70.
  • Aus der Region sind in Hawaii auch die Lampertheimerin Andrea Herbold (DJK Feudenheim/AK 55) und Hendrik Meth (Soprema Team TSV Mannheim/AK 40) am Start. (th)

Erst Halbmarathon, dann OP

So reichte es 2016 und 2017 beim Ironman in Zürich jeweils „nur“ zu Platz zwei in der Altersklasse, 2015 rüttelte es ihn sogar noch härter durch. Als ihn seine Frau zu einer Vorsorgeuntersuchung überredete, türmte sich plötzlich die Schock-Diagnose vor Knapp auf: Darmkrebs. „Am Sonntag bin ich in Mannheim noch den Halbmarathon gelaufen, mittwochs drauf wurde ich operiert“, erinnert sich der Unruheständler, der damals Glück im Unglück hatte. Der Tumor war im Anfangsstadium, Knapp kam um Bestrahlungen und eine langwierige Chemotherapie herum.

An Leistungssport war vorerst aber natürlich nicht zu denken, erst im Winter fing der ehemalige Außendienstleiter wieder mit Schwimmen und Spinning auf dem Ergometer an. „Platz zwei in Zürich im folgenden Jahr hat mir dann aber wieder den Glauben zurückgegeben“, wollte sich Knapp von seinem Hawaii-Traum nicht so einfach verabschieden. Zusätzlich stellte Knapp, der nach seinem ersten Marathon 1999 fünf Jahre später beim Römerman in Ladenburg als 58-Jähriger mit dem Triathlon-Virus infiziert wurde, sein Training um und bolzte mit Blick auf den Quali-Wettbewerb in Hamburg viele Rad-Kilometer im Neckartal Richtung Mosbach. „Keine großen Steigungen, viel Wind – das war tatsächlich die optimale Vorbereitung“, war Knapp für den Kurs rund um die Hansestadt bestens gerüstet. Dass dann auch noch das Schwimmen wegen der Blaualgenverunreinigung der Alster gestrichen wurde, spielte Knapp zusätzlich in die Karten, der am Ende elf Minuten Vorsprung hatte. „Das war sicher kein Nachteil. Aber alle hatten die gleichen Bedingungen.“

„Ankommen hat Vorrang“

AdUnit urban-intext2

Nun also Hawaii mit den gefürchteten Winden und den hohen Temperaturen. Neulinge haben davor einen Heidenrespekt, Jürgen Knapp macht da keine Ausnahme – auch wenn er schon einiges erlebt hat. „Natürlich bin ich aufgeregt“, räumt der Rentner ein, der aber vor allem das Erlebnis genießen will. In seiner Altersklasse treten 30 Teilnehmer an, ein Platz unter den ersten Zehn fände Knapp ein schönes Ergebnis, eine Zeit unter 13 Stunden ein Traum. „Aber das Ankommen hat Vorrang“, möchte Knapp seinen Traum leben, der vor 14 Jahren erstmals Formen annahm.

Damit alles klappt ist der Edinger schon am 6. Oktober in den Flieger Richtung Hawaii gestiegen, Akklimatisierung und noch ein paar Trainingseinheiten unter den örtlichen Bedingungen gehören natürlich dazu, bevor es am Samstag ab 6.35 Uhr am Kailua Pier nach und nach an den Start geht. Und sollte im Ziel alles so geklappt haben, wie sich der Spätstarter das vorgestellt hat – will es der Triathlon-Routinier tatsächlich etwas ruhiger angehen lassen.

AdUnit urban-intext3

„Ganz aufhören geht natürlich nicht, das ist auch nicht gesund“, weiß Knapp, der dann aber nicht mehr seine ganze Zeit Trainingsplänen und Wettkampf-Terminen unterordnen möchte. „Mein Leben 2018 bestand nur aus Triathlon“, sagt Knapp, der sich 2019 auf neue Freiräume freut. Doch so ganz ohne Ziele möchte er dann doch nicht in den Tag hineinleben. „Ein paar regionale Starts und gesund bleiben ist das Ziel – und ich bin Marathon auf bisher vier Kontinenten gelaufen; Asien fehlt mir noch“, lächelt Knapp, der keine Probleme mit der Motivation für Herausforderungen hat: „In meinem Alter ist das schließlich eine Gabe, die man nutzen sollte.“

Redaktion Sportredakteur, Schwerpunkte SV Waldhof, Rhein-Neckar Löwen.