„Olympische Spiele waren absolute Highlights“

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Jan Kotulla
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Leimen. Seine positive Grundeinstellung lässt sich Almir Velagic auch vom Coronavirus nicht kaputtmachen. Dabei ist der 38-jährige Gewichtheber gleich in mehrfacher Hinsicht sehr direkt von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. So wurde der Superschwergewichtler um seinen wohlverdienten Abschiedswettkampf mit dem AV Speyer gebracht.

Gewichtheben Almir Velagic geht ohne Abschiedsparty

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„Alles war organisiert, die Hotelzimmer für meine Familie, die extra aus Bayern gekommen wäre, waren gebucht - und dann kam die Absage“, erzählt Velagic, der sich nach 20 Jahren an der Hantel endgültig neuen Aufgaben widmen wollte, unter anderem als Bundesstützpunkttrainer in Leimen. Zudem hatte er sich bereits während seiner aktiven Karriere mit dem Fitnessstudio 100 Prozent in Mannheim ein zweites Standbein aufgebaut. Doch da alle Sportstätten geschlossen sind, steht auch für Velagic vor allem Homeoffice auf dem Programm.

Bitterkeit über Dopingbetrüger

„Ich hoffe, dass die Mitglieder ihre Verträge nicht kündigen. Die Rückmeldungen zeigen mir, dass sie die Situation einschätzen können. Wir bieten jetzt Online-Trainingsstunden an, haben Hanteln ausgeliehen und laden Erklär-Videos hoch“, berichtet Velagic und strahlt seine typische Ruhe und Zuversicht aus: „Nicht zuletzt bei Olympia habe ich gelernt, dass es überhaupt nichts bringt, auszurasten. Da verschießt man nur unnötig Energie, die man braucht, um clevere Entscheidungen zu treffen.“

Drei Mal stand der gebürtige Bosnier für Deutschland auf der olympischen Heberbühne. Kurioserweise ist das alles seinen schlechten Deutschkenntnissen zu verdanken, als die Flucht seiner Familie aus dem Bürgerkriegsland 1992 im bayrischen Kaufbeuren endete. „In der Schule gab es eine Talentsichtung der Gewichtheber. Ein Mitschüler sagte mir auf Russisch, ich solle einfach mit Ja antworten, wenn ich etwas gefragt werde.“ Gesagt, getan. Der kleine Almir packte die Badehose ein - „es war ja Sommer!“, doch statt ins Schwimmbad ging es an die Hantel. Mit Stolz trug er 2008 in Peking und vier Jahre später in London das Nationaltrikot und wurde jeweils Achter, 2016 in Rio de Janeiro reichte es zum neunten Platz.

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„Olympische Spiele, das waren schon meine persönlichen Highlights. In Rio wäre ich wohl bei den Medaillenkandidaten dabei gewesen, wenn es schärfere Dopingkontrollen gegeben hätte“, hat auch Velagic die bittere Erfahrung gemacht, dass er teils erst Jahre später Edelmetall erhielt, weil ein Betrüger nachträglich überführt wurde. „Das war bei der EM der Fall. Da war es nicht ganz so schlimm. Aber wenn man drei, vier Jahre nach Olympia dann hochgestuft wird, dann ist das schon ärgerlich, weil dir jemand diesen Moment geklaut hat. Für den fünften Platz interessiert sich kaum jemand“, weiß Velagic um den Fokus auf die Spitze, gerade in einer Randsportart wie Gewichtheben.

Fitnesscoach für die Kinder

Deshalb ist er auf der einen Seite traurig, dass die Bundesliga-Saison ohne Meisterkampf beendet wurde und begrüßt auf der anderen Seite die Verschiebung von Olympia. „Dass es in diesem Jahr keinen Meister gibt, davon geht die Welt nicht unter. Die Sicherheit und Gesundheit der Sportler und Zuschauer ist viel wichtiger. Und angesichts des Ausmaßes der Pandemie hätte es mich gewundert, wenn die Verantwortlichen an den Sommerspielen festgehalten hätten“, sagt der langjährige Sportsoldat, der im Oktober 2019 aus dem Dienst ausschied.

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„Für unsere Athleten ist das natürlich schon bitter. Ich habe mit Max Lang gesprochen und ihm gesagt, ,ich wünsche Dir, dass Du Olympia erlebst. Aber nicht ohne Zuschauer’. Die ausverkauften Hallen, der Kontakt mit den Fans - das ist einfach geil. Jeder sollte das so erleben dürfen“, hofft Velagic für seine Kollegen auf tolle Spiele - 2021.

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Der 38-Jährige leistet dazu gerne seinen Betrag, gibt Tipps an die Jüngeren weiter. Und ist natürlich der familieninterne Fitnesscoach. Seine Zwillinge Emma und Alan sind mittlerweile sechs Jahre alt und schwer aktiv. „Ich habe ihnen zu Hause einen Parcours aufgebaut mit Seilen und Sesseln. Sie verstehen zum Glück, dass sie jetzt nicht in den Kindergarten können“, versucht Velagic, seine Frau Melina nach Kräften zu entlasten. Aus seiner Karriere aus Leistungssportler nimmt er eines in sein weiteres Leben mit: „Nicht aufgeben. Aus Niederlagen das Positive herausziehen und sich sagen: Das war jetzt ein Tiefpunkt, das kann ja nicht immer so weitergehen.“

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