Leichtathletik - Speerwerfer der MTG Mannheim will sich mit starken Leistungen 2020 für die Sommerspiele 2021 in Stellung bringen Andreas Hofmann jagt seinen Olympia-Traum

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Christian Rotter
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Andreas Hofmann nimmt in diesem Jahr Anlauf für das Olympia-Jahr 2021. © Sörli Binder

Mannheim. Andreas Hofmann zog den Stecker. Als feststand, dass die Olympischen Spiele in Tokio erst im nächsten Jahr über die Bühne gehen werden und die Leichtathletik-EM in Paris der Corona-Pandemie zum Opfer fielen, hatte der Weltklasse-Speerwerfer der MTG Mannheim die Schnauze voll. „Für drei Wochen habe ich drei Gänge zurückgeschaltet und nur noch ein Bauch-Beine-Po-Training absolviert“, erzählt der 28-Jährige von einer vor allem mental schweren Zeit. „Ich habe diese abrupte Pause gebraucht. Mein Körper war zwar topfit, aber der Kopf hat nicht mehr mitgespielt.“

Der 90-Meter-Werfer

  • Andreas Hofmann wurde am 16. Dezember 1991 in Heidelberg geboren. Über seinen Heimatverein TV Kirrlach fand er den Weg zur MTG Mannheim.
  • Der 1,95-Meter-Mann zählt zu den besten Speerwerfern weltweit. 2018 und 2019 gewann er den Titel bei den Deutschen Meisterschaften, sein bisher größter Erfolg ist die Silbermedaille bei der EM 2018 in Berlin.
  • Die persönliche Bestweite des Schützlings von Trainer Lutz Klemm steht bei 92,06 Metern. Hofmanns größtes sportliches Ziel ist die erfolgreiche Teilnahme an den auf 2021 verlegten Olympischen Spielen in Tokio.
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Hofmann spricht von der Phase der Corona-Hoch-Zeit. Deutschland befand sich im Lockdown, die Regierung sprach ein Verbot von Großveranstaltungen bis Ende August aus. Reihenweise wurden sportliche Veranstaltungen abgesagt, den Athleten fehlte eine Perspektive. „Mein Kopf musste sich neu orientieren“, betont Hofmann. Der amtierende Deutsche Meister, der den Speer 2018 auf 92,06 Meter warf und vor zwei Jahren mit der EM-Silbermedaille auch seinen bislang größten Erfolg feierte, hat sein System jedoch langsam wieder hochgefahren. „In einer Trainingseinheit werfe ich schon mal an die 30 Speere. Das mag sich für einen Laien zwar nicht so heftig anhören, aber ein Sprinter kann die 100 Meter ja auch nicht 30 Mal in Folge mit Höchstgeschwindigkeit hinter sich bringen“, sagt der Schützling von Trainer Lutz Klemm und lacht.

Die positive Grundstimmung, die Hofmann seit jeher auszeichnet und ein wichtiger Baustein seines Erfolgs ist, hat sich bei ihm längst wieder eingestellt. Denn nach den ersten Lockerungen sehen auch die Leichtathleten wieder einen Silberstreif am Horizont. Die ursprünglich für Juni angesetzte DM in Braunschweig soll nun am 8./9. August - selbstverständlich ohne Zuschauer - nachgeholt werden und eine sogenannte Late Season einläuten, also der Startschuss für eine späte Saison sein.

Bei der DM soll es „knallen“

Ob bis dahin der eine oder andere Testwettkampf erlaubt ist? Das steht derzeit noch in den Sternen. Doch da alle mit den gleichen Voraussetzungen zu kämpfen haben, macht sich Hofmann darüber keine großen Gedanken. Für ihn steht nur eines fest: Er will den Titel-Hattrick feiern. „Das ist eine große Herausforderung, die ich meistern will“, betont der WM-Sechste von 2015. „Ich will, dass es in Braunschweig gleich richtig knallt.“

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Leichtathleten genießen - wie die meisten Sportler - nicht den Luxus, nach ihrer aktiven Karriere ausgesorgt zu haben. Um nicht auf der Strecke zu bleiben, müssen sie einen ausgeklügelten Karriereplan verfolgen. Dieser sieht eine Pandemie, die quasi ein Berufsverbot nach sich zieht, nicht vor. Insofern ist Hofmann glücklich, dass er sich nicht auch noch um seine Finanzen Sorgen machen muss, sondern den Fokus auf seinen Sport richten kann. „Die MTG steht hinter ihren Athleten, zudem durfte ich auf die Unterstützung der Sporthilfe zählen“, sagt der 1,95-Meter-Hüne, der aber dennoch sehr froh darüber ist, dass es - Stand jetzt - eine späte Diamond-League-Saison geben wird. Zwar sollen die Preisgelder gekürzt werden und auch das Finale um den Jackpot gibt es in diesem Jahr nicht - aber das ist immer noch besser als nichts.

Um bei den bedeutendsten Wettbewerben 2020 dabei sein zu dürfen, müssen nicht nur die Leistungen stimmen, die Athleten müssen den Meetingdirektoren zudem einen negativen Corona-Test vorlegen. Hofmann weiß aber, dass das in diesem außergewöhnlichen Jahr dazu gehört. Trotz der Umstände erwartet er große Weiten, da die Leichtathleten in der Zwangspause ihre Wehwehchen auskuriert haben. Ausgeruhte Körper - so die Vermutung - sind zu starken Leistungen fähig. „Wann es wie weit geht, hängt vom Formaufbau ab“, sagt Hofmann. „Der eine haut vielleicht gleich Anfang August einen 90-Meter-Wurf raus, der andere erst Ende September.“

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Das Mannheimer Muske(l)tier tut sich zwar schwer damit, 2020 als ein Übergangsjahr zu bezeichnen, doch es ist ihm bewusst, dass alles hinter den Sommerspielen 2021 verblasst, dass alles auf diesen Karrierehöhepunkt ausgerichtet ist. „Normalerweise denken wir Leichtathleten in olympischen Vier-Jahres-Zyklen, es liegen diesmal eben fünf Jahre zwischen Rio und Tokio“, sagt Hofmann, ganz der Pragmatiker.

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Aus jedem seiner Worte ist herauszuhören: Es juckt ihm in den Fingern. So würde er sich sehr freuen, wenn nächste Woche tatsächlich eine von Bundestrainer Boris Ober-gföll in Erfurt, Potsdam und Offenburg angedachte Leistungsüberprüfung stattfinden kann. Zu gerne würde Hofmann zeigen, dass der Stecker längst wieder angeschlossen ist und er vor Energie sprüht.

Redaktion Koordinator der Sportredaktion