Handball - Die deutsche Mannschaft verlässt die WM zwar vorzeitig, sie hat aber mit Philipp Weber ihre Lösung für eine jahrelange Problemposition gefunden Konstanz in der Kommandozentrale

Von
Marc Stevermüer
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Mannheim/Kairo. Hin und wieder ist ein Problem nicht mehr nur ein Problem, sondern eher eine leidige Tradition, ja sogar eine chronische Schwäche. Man denke da nur an die deutsche Handball-Nationalmannschaft, bei der die Suche nach der goldenen Mitte, also der Idealbesetzung der zentralen Rückraumposition, über Jahre etwas von einem Versuchslabor hatte. Es wurde getüftelt und probiert, mal passte es ganz gut, dann wieder nicht. Nur die perfekte Lösung mit Perspektive, die fehlte irgendwie. Bis zur Europameisterschaft im vergangenen Jahr, die für Philipp Weber als Streichkandidat im Kader begann – und als gesetzter Spielmacher endete.

Spielte ein starkes Turnier: Philipp Weber (links). © dpa

Wende nach EM-Desaster 2018

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Zwölf Monate später schauten nun bei der WM in Ägypten wieder alle auf den Mann, der zu Beginn seiner Karriere meist auf der halblinken Position eingesetzt wurde, nun aber sein Glück am Rückraum-Regiepult gefunden hat. Denn er überzeugte erneut. „Ich sehe mich absolut auf der Mitte und habe mich damit angefreundet. Diese Position ist eine schöne Herausforderung und sie bereitet mir riesigen Spaß“, sagt Weber, der zweifellos kein Ausnahme-Spielmacher wie der Schweizer Andy Schmid oder der Kroate Domagoj Duvnjak ist, sehr wohl aber die Lösung eines deutschen Problems. Und das durchaus mit Ansage.

Bob Hanning beispielsweise prognostizierte diesen Werdegang schon recht früh. Nach der völlig verkorksten EM 2018, die gerade auch für Weber schlecht – um nicht zu sagen: unsäglich bis unterirdisch – verlief, legte sich der Vize-Präsident des Deutschen Handballbundes fest und kündigte mit einer Mischung aus Trotz und Überzeugung an: „Philipp Weber wird irgendwann diese Mannschaft führen.“ Drei Jahre später sagt er: „Philipp ist ein Gewinner des Turniers.“ Manche brauchen eben nur ein bisschen länger. So wie kleine Vögel, die ja auch nicht sofort fliegen können.

Wobei es bei Weber nie an den fehlenden individuellen Fähigkeiten lag. Es war auch keine Frage der spielerischen Entwicklung. Im Gegenteil: Traumhafte Tricks und magische Momente sah man schon immer von ihm. Zauberei und Spektakel – all das verkörpert er. Doch nun ist eine entscheidende Komponente dazugekommen: Die Kunst des Machbaren, indem er im richtigen Moment die Lust auf das Risiko unterdrückt, weil der 28-Jährige gefestigter und reifer, vor allem – oder gerade – auch im Kopf ist. Er habe viele Schlüsse aus der EM 2018 ziehen können, die Erfahrungen bei dem Turnier seien eine Hilfe gewesen, meint Weber und kommt zu dem Schluss, nun „mehrere Schritte weiter als damals“ zu sein.

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Das sagt sich zwar immer leicht daher, im konkreten Fall ist das aber auch deutlich sichtbar. Mal ganz abgesehen davon, dass er im Gegensatz zu früheren Jahren nun auch den letzten Biss und die absolute Disziplin für den Profisport aufbringt. Der Rechtshänder hat begriffen, was es bedeutet, Verantwortung für den Ball und die ganze Mannschaft zu tragen. Er schaue sich „extra viele Videos“ vom nächsten Gegner an, um seine Stärken, seine Schnelligkeit und Torgefahr, bestmöglich einzubringen. Wobei sein Wissensdurst selbst während der 60 Minuten nicht abreißt.

Immer und immer wieder hockte der Mittelmann bei den deutschen WM-Partien bei gegnerischem Ballbesitz nicht einfach nur auf der Bank, sondern suchte den Kontakt zu Co-Trainer Erik Wudtke: „Ich bespreche mit ihm, wie die gegnerische Abwehr gegen unsere Angriffe reagiert.“ Es ist so etwas wie eine Weiterbildung im laufenden Spielbetrieb, weil Erkenntnisse und Erfahrungen geteilt und Meinungen ausgetauscht werden, um nicht plötzlich überrascht zu werden.

„Klare Nummer eins“

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Für einen deutschen Viertelfinaleinzug reicht es trotzdem nicht. Vielleicht auch deshalb ging Webers gute Leistung ein wenig unter. Dabei lasse sich die Spielermacherrolle nicht immer nur an Ergebnissen messen, wie der Leipziger selbstbewusst anmerkt: „Wer sich im Handball ein bisschen auskennt, der weiß, dass wir bei der WM ein super Angriffsspiel gezeigt haben, aber teilweise an uns selbst gescheitert sind. Nur das hat weniger mit dem Spielmacher zu tun.“

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In der Tat waren es neben der wackligen Defensive die vergebenen Torchancen, die den Deutschen das Weiterkommen kosteten. Doch Bundestrainer Alfred Gislason kann unterscheiden zwischen dem großen Ganzen und dem feinen Kleinen. Für ihn ist Weber im Nationalteam „die klare Nummer eins auf der Mitte“, was zwar keine Meldung für die Tagesschau, wohl aber für den DHB von ganz besonderem Wert ist. Denn nach all den Not-, Verlegenheits- und Übergangslösungen gab es diesen Stammplatz-Status schon sehr lange nicht mehr für einen Spielmacher in der deutschen Nationalmannschaft.

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