Interview - Henning Fritz zieht eine deutsche Turnier-Bilanz und schaut trotz allem optimistisch in die Zukunft – nur eines gefällt ihm nicht so gut „Finde es unglücklich, jetzt über Gold zu sprechen“

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Marc Stevermüer
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„Diese WM hat gar keine Aussagekraft mit Blick auf Olympia“, glaubt Ex-Nationaltorwart Henning Fritz. © dpa

Mannheim. Henning Fritz wurde mit der deutschen Handball-Nationalmannschaft Welt- und Europameister. Im Interview zieht er eine deutsche WM-Bilanz.

Eine Handball-Legende

Privates: Henning Fritz wurde am 21. September 1974 in Magdeburg geboren. Er lebt im badischen Östringen mit seiner Frau Babett und den gemeinsamen zwei Töchtern.

Profikarriere: SC Magdeburg (1992 bis 2001), THW Kiel (2001 bis 2007), Rhein-Neckar Löwen (2007 bis 2012).

Größte Erfolge: Pokalsieger 1996, 2007; Champions League-Sieger 2007; EHF-Pokalsieger 1999, 2001, 2002, 2004; Meister 2001, 2002, 2005, 2006 und 2007, Olympia-Silber 2004, EM-Gold 2004, WM-Gold 2007.

Auszeichnungen: Welthandballer 2004, Deutscher Handballer des Jahres 2004.

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Herr Fritz, wie beurteilen Sie das deutsche WM-Abschneiden?

Henning Fritz: Ich hatte schon vor Turnierbeginn gesagt, dass man diese WM nicht nach der reinen Platzierung bewerten sollte. Die entscheidenden Spiele gegen Ungarn und Spanien waren sehr eng. Es war mehr möglich. Dieser Eindruck zählt für mich. Deswegen stimmt mich der Gesamtauftritt angesichts der Umstände positiv, der eine oder andere hat auch seine Chance genutzt, wenn ich da an Juri Knorr oder Johannes Golla denke.

Wie haben Ihnen die Torhüter gefallen?

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Fritz: Jogi Bitter hat sich als Stabilisator gezeigt, auf ihn war Verlass. Er ist mit der Gesamtsituation vermutlich am besten klargekommen und hat bei den Torhütern die beste Rolle gespielt. Andi Wolff hat sicherlich die eigenen und auch die durch seine Aussagen geschürten Erwartungen nicht erfüllt. Für ihn lief es nicht gut. Aber er hatte auch wenige Möglichkeiten, sich auszuzeichnen. Viele Gegner kamen recht zentral vor seinem Tor zum Abschluss. So hatte er es nicht einfach, Sicherheit in sein Spiel zu bekommen.

Was den Fokus auf die Abwehr wirft .

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Fritz: Es durfte nicht erwartet werden, dass Johannes Golla und Sebastian Firnhaber die Leistung bringen wie Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek. Da fehlt die Erfahrung. Ich finde gar nicht einmal, dass es Firnhaber und Golla schlecht gemacht haben. Neben Wiencek oder Pekeler sind beide in meinen Augen eine gute Ergänzung. Sie haben sich als Optionen für die Zukunft in Stellung gebracht. Aber als neues Duo war es sehr schwer für sie.

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Während des Turniers entzündete sich eine Debatte um Uwe Gensheimer. Wie haben Sie das aus der Ferne wahrgenommen?

Fritz: Bei Uwe werden immer besonders hohe Maßstäbe angesetzt, weil er über einen langen Zeitraum zweistellige Torerfolge mit einer 90-prozentigen Trefferquote erzielt hat. Und wenn das nicht der Fall ist, steht er sofort in der Kritik, die ich als nicht gerechtfertigt empfand. Denn ganz offenbar ging es diesmal nicht in erster Linie um seine Leistung, sondern um getätigte Aussagen. Und da kann es nicht sein, wenn Interviews unvollständig wiedergegeben werden und so ein falscher Eindruck entsteht. Das ist keine saubere journalistische Arbeit.

Was bedeutet dieses Turnier mit Blick auf Olympia?

Fritz: Nichts. Diese WM hat gar keine Aussagekraft mit Blick auf Olympia. Dafür fehlten einfach viel zu viele wichtige Spieler. Wir wissen doch: Die Basis des deutschen Spiels ist die Abwehr. Und mit Pekeler und Wiencek haben wir eine ganz andere Qualität. Wenn die zwei Jungs dabei sind, steht alles stabiler, dann haben die Torhüter mehr Möglichkeiten und entsprechend sinkt der Druck, immer selbst ein Tor zu werfen.

Was halten Sie vom Gold-Ziel?

Fritz: Es gibt gerade keine Nation, die den Welt-Handball beherrscht. Und wenn eine deutsche Nationalmannschaft in Bestbesetzung zu einem Turnier fährt, hat sie immer die Chance auf Gold. Davon bin ich überzeugt. Ob man dieses Ziel aber gerade nach einem Hauptrunden-K.o. bei der WM aussprechen muss, sei einmal dahingestellt. Ich finde es unglücklich, jetzt über Gold zu sprechen. Die deutsche Mannschaft ist ja noch nicht einmal qualifiziert.

Erstmals findet die WM mit 32 Mannschaften statt. Wie ist Ihr Eindruck?

Fritz: Ägypten und Katar stehen im Viertelfinale, dazu kommen die teils überraschend guten Ergebnisse von Argentinien und Brasilien gegen Topteams wie Kroatien und Spanien. Das zeigt ganz klar, dass die Qualität in der Breite größer geworden ist. Vor allem auch außerhalb von Europa. Das macht den Handball auf globaler Ebene noch attraktiver und das ist ja nicht zuletzt auch deshalb wichtig, damit man eine olympische Sportart bleibt. Keine Frage: Die Entwicklung ist gut.

Redaktion Sportredaktion