Kap Verde - Von Corona-Ausfällen geplagt will die Auswahl des afrikanischen Atlantik-Archipels die kleine Nation stolz und Werbung für den Handball machen Es geht um mehr als nur ein Erlebnis

Von 
Marc Stevermüer
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Ivo Santos (hier im Trikot des portugiesischen Clubs Belenenses) ist in Deutschland in der Oberliga aktiv. © Imago

Mannheim/Gizeh. Die Strände schneeweiß, das Wasser angenehm warm. Und auch tagsüber herrschen das ganze Jahr über im Schnitt 23 Grad. Es gibt also wenige Gründe, sich auf den Kap Verden häufig drinnen aufzuhalten. Erst recht nicht in einer Sporthalle. Und doch existiert sie wirklich, die Handball-Nationalmannschaft der Inselgruppe, die auch noch Geschichte geschrieben hat. 2020 nahm sie erstmals an der Afrikameisterschaft teil, wurde sensationell Fünfter und qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft.

Chance ihres Lebens

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„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir an einer WM teilnehmen“, sagt Ivo Santos, einer der Handball-Helden aus dem Atlantik: Der 28-Jährige spielt in Deutschland. Aber nicht in der Bundesliga. Und auch nicht in der Zweiten Liga. Selbst in Liga drei findet man ihn nicht. Er steht im Rückraum für die zweite Mannschaft des Erstligisten Bergischer HC auf dem Feld. Und zwar in der Oberliga. Womit die Ausgangslage vor dem Turnierstart am Freitag und der Partie gegen Deutschland am Sonntag klar ist. Zum Vorrundenabschluss am Dienstag gegen Uruguay rechnen sich die Jungs vom etwa 540 000 Einwohner zählenden Archipel aber etwas aus. „Die meisten aus unserer Mannschaft haben niemals im Traum daran gedacht, dass das möglich ist“, sagt Santos. Vor wenigen Tagen waren Begeisterung und Vorfreude bei ihm noch überschwänglich. Doch jetzt ist die Stimmung im Lager der Afrikaner ein wenig gedrückt. Sieben Corona-Tests fielen positiv aus. Für einige ist die WM also schon vorbei, ehe sie begonnen hat. Mal wieder zerstörte die Pandemie ein paar Träume. Doch unterkriegen wollen sich die verbliebenen Kollegen nicht lassen. Sie möchten das Turnier genießen. Aber nicht nur. Denn sie haben eine Mission. Es geht um die Werbung für die Sportart Handball in der Heimat. Um Aufmerksamkeit und die Chance, aus dieser Turnierteilnahme mehr als nur ein einmaliges Erlebnis und ein historisches Ereignis zu machen.

„Wir haben dafür gesorgt, dass zum ersten Mal eine Mannschaft der Kap Verden an einer Weltmeisterschaft teilnimmt“, berichtet Santos stolz. Fußball und Basketball stehen in der Popularität über dem Handball. Doch beide Nationalteams waren nie bei einer WM dabei, was Santos mit der Hoffnung verbindet, dass Regierung und Verband mehr Geld in seinen Sport investieren: „Diese WM ist die Gelegenheit, die Einstellung in unserem Land zum Handball zu ändern.“ Er spricht von einer „Chance für die jüngeren Generationen“ in der ehemaligen portugiesischen Kolonie, die zu den wenigen wohlhabenderen Staaten in Afrika gehört und nun auch auf der Handball-Weltkarte aufgetaucht ist.

Dort wollen die „Blauen Haie“, wie die Mannschaft in ihrer Heimat genannt wird, natürlich auch zukünftig bleiben, wenngleich es bei allem Sinn fürs große Ganze ebenso um jeden Einzelnen geht. Das ist doch klar. Eine bessere Bühne als diese gibt es schließlich nicht. „Die WM ist hoffentlich eine Möglichkeit, mich zu verbessern“, sagt Santos und meint mit Blick auf das Potenzial des Teams: „Wir sind vergleichbar mit einem deutschen Zweitligisten. Aber keine Top-Fünf-Mannschaft. Wir befinden uns im Aufbau. Wenn künftig allerdings mehr Spieler die Möglichkeit bekommen, in stärkeren Ligen zu spielen, werden wir auch besser.“

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Die meisten Spieler sind in Portugal aktiv, beim Rendezvous der Weltelite wollen sie nun Werbung in eigener Sache machen. Zum Beispiel gegen Deutschland, eine der „besten Mannschaften mit einer großen Historie“, wie Santos respekt-, eher sogar ehrfurchtsvoll betont: „Die Deutschen sind der Favorit. Wir haben keinen Druck, wollen sie überraschen, sie ärgern und ihnen das Leben schwermachen. Wir haben es verdient, ein bisschen zu träumen, auch wenn wir wissen, dass sich die deutsche Mannschaft in einer anderen Dimension als wir befindet.“

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft