Fußball - Bayern München sucht nach der Pokal-Blamage in Kiel einen Weg aus dem Formtief Ungewohnte Situation

Von 
Volker Gundrum
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Bayern-Coach Hansi Flick (r.) muss die wacklige Defensive stabilisieren. © dpa

Kiel. Von einer Krise wollte Hansi Flick nichts wissen. Nach dem größten Frustabend seiner trophäenreichen Bayern-Amtszeit mühte sich der 55-Jährige, den ersten Titel-K.o. möglichst schnell hinter sich zu lassen. „Wir haben uns das Ziel gesetzt, dieses Jahr das Triple zu verteidigen. Das können wir uns jetzt abschminken“, stellte Flick fest. „Jetzt müssen wir gucken, dass wir die Dinge in Zukunft besser machen, dass wir in die Spur kommen.“

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Nur wie? 143 Tage nach dem vollendeten Titel-Triple mit dem Champions-League-Sieg in Lissabon waren die Münchner beim Pokal-Aus weit entfernt von der europaweit gefürchteten August-Form, die Bayern-DNA scheint entschlüsselt. Sogar der Zweitliga-Dritte Holstein Kiel hatte sich im Schneetreiben beim Triumph im Elfmeterschießen (6:5) bestens darauf eingestellt.

Spätestens bei der Rückkehr ins trübe München wollte der Bundesliga-Tabellenführer und Champions-League-Achtelfinalist am Donnerstag den Pokal-Ärger hinter sich lassen. „Jetzt geht der Blick auf das, was unsere Aufgabe ist: Erfolgreich Fußball spielen. Da müssen wir hinkommen“, sagte Flick nach der Pokal-Blamage in Kiel.

Rummenigge bleibt ruhig

Sorgen machen sich die Bosse, die dick eingepackt auf der Tribüne zitterten, aktuell keine. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge betonte sein Vertrauen in Trainer und Mannschaft, wies aber auch auf die „wichtige Aufgabe für Hansi Flick“ hin, die wackelige Defensive zu stabilisieren. Das hatte er bereits vor dem Pokalspiel versucht, in dem das 1:1 durch Fin Bartels nach dem wiederholten Muster eines Passes in die Tiefe fiel. „Das war schon eine Spielsituation, auf die wir vorbereitet waren“, verriet der junge Störche-Trainer Ole Werner (32).

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Die Bayern-Stars waren bedient. „Über das erste Gegentor sprechen wir schon seit einiger Zeit, über diese Art von Gegentoren. Den Schuh müssen wir uns anziehen“, sagte der angefressene Thomas Müller vor 6,367 Millionen TV-Zuschauern. Sein Trainer meinte: „Das sind Dinge, die wir angesprochen haben, die wir trainiert haben. Da muss ich die Tiefe absichern.“ Die Bayern pressen nach Ballverlust schon in der gegnerischen Hälfte sehr aggressiv. „Dafür braucht es auch diese hohe Viererkette“, sagte Kiels Werner. Genau diese im Triplejahr hochgelobte taktische Grundordnung der Münchner steht nun in der Diskussion – die Stärke scheint sich zur Schwachstelle entwickelt zu haben. Im Holstein-Stadion war die aktuelle Defensiv-Misere der Bayern auch noch durch den Treffer von Kapitän Hauke Wahl – mit der letzten Aktion in der Nachspielzeit (!) mehr als deutlich geworden.

Vor dem Heimspiel am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) gegen den SC Freiburg hat der Tabellenführer schon 24 Gegentreffer kassiert – in gerade einmal 15 Bundesligaspielen.

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Seit Flick am 4. November 2019 die Bayern als Nachfolger von Niko Kovac übernommen hat, war es nur nach oben gegangen – nun ist der 55-Jährige erstmals als Krisenmanager gefordert. Es scheint auch eine Kopfsache zu sein bei den Profis, denn: „Wir haben 120 Minuten gezeigt, dass wir fit sind“, sagte der aus Bammental stammende Trainer.

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Stur an seinem System festhalten wird Flick nicht. Man habe einiges angepasst, man habe nicht so von Anfang an gespielt, wie man das normal mache. „Wir haben nicht nur einen Plan A, wir wissen auch andere Dinge letztendlich zu spielen. Von daher ist es einfach auch der Situation geschuldet. Es ist immer eine Überlegung in unserem Trainerteam, wie wir die Dinge angehen wollen. Es ist nicht so, dass wir uns keine Gedanken machen“, sagte er.

Versöhnliche Töne

Unterdessen hat Müller nach einem spannungsgeladenen Wortwechsel beim TV-Interview nach dem Pokal-Aus versöhnliche Töne angestimmt. „Puh– Der Last Minute Schock sitzt uns noch in den Gliedern. Trotzdem Glückwunsch an dieser Stelle an @holsteinkiel zum Weiterkommen, das ging bei all dem Frust vorhin im Interview ein wenig unter“, schrieb Müller in Sozialen Medien und wandte sich auch an die ARD-Reporterin Valeska Homburg, die das im Internet gerne geklickte Interview geführt hatte. „@homburg--valeska, das hätten wir wohl beide etwas besser hinkriegen können – nichts für ungut.“

Nach dem Aus im Elfmeterschießen hatte dem angefressenen Müller die Frage nach der Stimmung in der Kabine überhaupt nicht gefallen. „Sie lachen jetzt hier“, sagte er zur ARD-Reporterin. Woraufhin Homburg antwortete: „Nee, ich lache nicht.“ Müller ließ nicht locker und sagte: „Natürlich haben Sie gelacht!“ dpa