Fußball - Der VfB Stuttgart und der Hamburger SV waren als absolute Aufstiegsfavoriten in die Zweitliga-Saison gestartet – doch beide müssen fürchten, das Ziel zu verpassen Schneckenrennen der Scheinriesen

Von 
Marc Stevermüer
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Mannheim. Neulich meldete sich Hannes Wolf zu Wort. Der Trainer des belgischen Fußball-Erstligisten KRC Genk sprach über Druck, den im Profisport natürlich jeder hat. Ihm ging es aber allen voran um den VfB Stuttgart und den Hamburger SV, die vielleicht ein bisschen mehr Druck haben als andere: Sie müssen in die 1. Liga aufsteigen. Aus sportlichen Gründen – und mehr oder weniger ebenso aus finanziellen Erwägungen. Insbesondere aber auch, weil sich die zwei großen Traditionsvereine selbst dort sehen.

Timo Letschert (links) will mit Hamburg in die Bundesliga, Hamadi Al Ghaddioui mit dem VfB. © dpa
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„Aufstiegskampf fühlt sich bei Clubs wie dem VfB oder dem HSV eher an wie Abstiegskampf“, sagte der 39-jährige Wolf der Deutschen Presse-Agentur: „Du musst aufsteigen, bist eigentlich immer dominant, der Gegner in der Regel sehr pragmatisch. Das geht schon an die Psyche der Spieler und ist für alle Beteiligten nicht einfach.“

Relegationserfolg unvorstellbar

Wolf weiß, wovon er da spricht. Der Trainer hat es ja selbst erlebt. Mit dem VfB stieg er 2017 in die Bundesliga auf, mit dem HSV blieb ihm dieser Erfolg zwei Jahre später verwehrt. Die Hanseaten entließen daraufhin ihren Coach, der auch in Stuttgart nur ein knappes halbes Jahr nach der Rückkehr ins Oberhaus schon wieder Geschichte war. Im Januar 2018 verließ Wolf den VfB, seitdem folgten mit Tayfun Korkut, Markus Weinzierl, Nico Willig, Tim Walter und Pellegrino Matarazzo fünf (!) weitere Trainer. Gebracht hat es: nichts.

Stuttgart ist wieder Zweitligist, der HSV nach seinem Abstieg 2018 immer noch. Und möglicherweise wird auch in der nächsten Saison mindestens einer dieser zwei Vereine weiterhin in der 2. Liga antreten. Denn hinter dem enteilten Spitzenreiter Arminia Bielefeld liefern sich der VfB (Tabellenzweiter mit 52 Punkten) und die Hanseaten (Tabellendritter mit 50 Zählern) nur noch ein Schneckenrennen um den zweiten direkten Aufstiegsplatz. Momentan lässt sich nicht sagen, wer dieses Duell gewinnt. Denn in schöner Regelmäßigkeit patzen gerade beide Mannschaften, der Punkteschnitt (VfB: 1,73; HSV: 1,67) ist jeweils eines Aufsteigers unwürdig. Und so müsste man sich beim Tabellenvierten Heidenheim (48 Punkte) eigentlich ärgern, bislang nicht mehr aus der Schwäche der Scheinriesen gemacht zu haben. Allerdings trifft der FCH am 33. Spieltag noch auf Hamburg und kann an den Norddeutschen vorbeiziehen, die – wie auch der VfB – zwar tabellarisch nah dran an der 1. Liga sind, mit Blick auf die Leistung aber auch ganz weit weg. Es ist kaum vorstellbar, dass sich eines dieser zwei Teams gegen irgendeinen Erstligisten in der Relegation durchsetzt – wenn es ihnen denn wirklich gelingen sollte, Heidenheim hinter sich zu lassen.

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Wirtschaftlich würden der VfB und der HSV, bei denen die Krise längst zur Tradition gehört, ein weiteres Zweitligajahr stemmen können – wohl aber mit einem kleineren Personaletat. Und die Vergangenheit hat gezeigt: Je länger es mit der Erstliga-Rückkehr dauert, desto unwahrscheinlicher wird sie. Der VfL Bochum lässt grüßen – oder aber der 1. FC Kaiserslautern als Symbol für überzogene Erwartungen und geplatzte Träume.

Keine Frage: Dass Schwaben und Hanseaten derart um den Aufstieg bangen müssen, war vor der Saison von niemandem erwartet worden. Der VfB galt gar „als größter Aufstiegsfavoriten aller Zeiten“, wie die „Bild“ titelte. Nun neigt das Boulevardblatt gerne zur Übertreibung, die reine Betrachtung der Zahlen und der prominenten Namen im Kader ließ aber auch gar keinen anderen Schluss zu. Das Aufgebot des VfB umfasst ehemalige Nationalspieler wie Mario Gomez, Holger Badstuber und Gonzalo Castro, der Marktwert der gesamten Mannschaft beläuft sich auf etwa 59 Millionen Euro, beim etwas weniger prominent besetzten HSV sind es immerhin noch 47 Millionen Euro. Zum Vergleich: Alle anderen 16 Zweitligisten kommen zusammen auf einen Marktwert von 262 Millionen Euro.

Ideenlosigkeit und Naivität

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Doch auf dem Feld wirkt sich der Etat nicht in einem Qualitätsunterschied aus. Selbst nach 30 Spieltagen sucht der VfB noch nach einer Lösung, um mit den meist 70 Prozent Ballbesitz etwas anfangen zu können. In der Regel schieben sich die Schwaben den Ball hin und her, um dann ausgekontert zu werden und in Rückstand zu geraten. Das klingt nach Naivität – und nicht nach einer Spitzenmannschaft. Der HSV wiederum hat Probleme mit den Nerven, kassierte nach der Corona-Pause dreimal ein Tor in der Nachspielzeit und verlor dadurch fünf Punkte – auch das ist eher untypisch für ein selbsternanntes Topteam, weshalb sich kaum vorhersagen lässt, wer sich denn als Zweiter durchs Ziel in Richtung Bundesliga quält.

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Klar ist nur: Beide Clubs wollen bei einem verpassten Aufstieg an ihren Trainern Matarazzo und Dieter Hecking festhalten, nachdem die zwei Vereine bei Personalangelegenheiten zuletzt eher die Stabilität einer italienischen Regierung ausstrahlten. Der ständige Wechsel wurde zum Markenkern. Doch nun soll es anders werden. „Es ist ein Versuch, den Kreislauf zu durchbrechen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es dadurch, dass man ständig den Trainer wechselt, nicht unbedingt besser wird“, sagt Wolf. Der muss es ja bekanntlich wissen.

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft