Fußball-Interview

Robin Gosens: „Habe an der Tanke gearbeitet“

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Fußball-Nationalspieler Robin Gosens rutschte eher zufällig ins Profigeschäft. Die dortigen Verhaltensregeln sind ihm bisweilen immer noch fremd. Die Bilder aus seiner Wahlheimat Bergamo während der Hoch-Zeit der Corona-Pandemie wird er nie vergessen. Von Florian Eisele

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Linksverteidiger Robin Gosens von Atalanta Bergamo bestritt bisher fünf Länderspiele für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. © dpa

Herr Gosens, mit 18 kickten Sie noch in der A-Jugend eines Landesligisten, waren nie in einem Nachwuchsleistungszentrum, bei einem Probetraining beim BVB sind Sie durchgefallen. Ist das vielleicht ein Vorteil für Sie gewesen?

Robin Gosens

Der Sohn eines niederländischen Vaters und einer deutschen Mutter wurde am 5. Juli 1994 in Emmerich am Rhein geboren.

Der linke Außenverteidiger steht seit 2017 in Diensten des italienischen Erstligisten Atalanta Bergamo und debütierte 2020 in der deutschen A-Nationalmannschaft.

Im Zuge eines A-Jugend-Spiels mit Rhede fiel Gosens einem Scout des niederländischen Erstligisten Vitesse Arnheim auf. Im Juli 2013 unterzeichnete er dort einen Profivertrag für die erste Mannschaft.

Im Sommer 2015 wechselte Gosens zu Liga-Konkurrenten Heracles Almelo. Nach zwei Jahren verließ der 1,84 Meter große Profi den Club und ging in die italienische Serie A zu Atalanta Bergamo.

Mit Bergamo erreichte Gosens in der Saison 2017/18 die Finalrunde in der Europa League.

In den Spielzeiten 2018/19 und 2019/20 gelang ihm mit Atalanta jeweils der Einzug in die Champions League.

Robin Gosens: Aus menschlicher Sicht ist das auf alle Fälle so. Ich kenne die andere Seite und habe an der Tankstelle für fünf Euro die Stunde gearbeitet. Ich habe Bewerbungen geschrieben, um mich auf das „normale Leben“ vorzubereiten. In den Profi-Zirkus bin ich dann mehr oder weniger zufällig reingerutscht. Ich habe nie diesen egoistischen Blick auf die Fußballwelt entwickelt, der für Jungs in einem Nachwuchsleistungszentrum völlig normal ist. Die müssen dieses Denken ja entwickeln, um sich gegen alle durchzusetzen. Ich bin einfach dazugekommen und genieße jetzt jede Sekunde.

Manchmal fremdeln Sie immer noch mit den Verhaltensregeln im Profi-Fußball – zum Beispiel, als Sie vor zwei Jahren nach einer Feier mit ihren Kumpels ein Straßenschild in ihr Hotelzimmer gestellt und das auf Instagram dokumentiert haben. Hört sich so an: Du kriegst den Kicker aus dem Dorf, aber niemals das Dorf aus dem Kicker.

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Gosens: Ja, wahrscheinlich! Wenn ich das heute noch mal machen würde, würde ich die Videos dazu jedenfalls nicht mehr auf Instagram hochladen! (lacht). Die letzten beiden Jahre waren für mich so krass, weil einfach so viel passiert ist. Ich bin viel bekannter geworden, mich haben in Deutschland jetzt viel mehr Leute auf dem Schirm. Das ist schön, aber die Kehrseite ist, dass die Privatsphäre ein wenig verloren geht. Ich bin aber jemand, der sich nie verstellt. Diese Jungs-Touren, bei denen man einfach mal Mist baut, kennt doch jeder. Diesen Quatsch zu machen – das liebe ich. Ich bin mir aber bewusst, dass das in der Form nicht mehr geht.

Wie sehr hätten Sie es sich gewünscht, dass Thomas Müller wieder eine Einladung für die Nationalmannschaft bekommen hätte? In ihrem Buch schreiben Sie, dass sein Trikot während der Liga-Pause in Italien bei Ihnen im Wohnzimmer hing, um Sie zu motivieren.

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Gosens: Wenn ich ihn bei der Nationalmannschaft getroffen hätte, hätte ich auf alle Fälle das Gespräch mit ihm gesucht. Im Prinzip hat er nichts getan, aber Thomas Müller war ein großer Motivator für mich. Dieses Trikot hat mir sehr durch die schwere Zeit geholfen. Ich habe mir gedacht: O.k., Junge. Wenn das alles wieder losgeht, musst du dafür sorgen, dass du in die Nationalmannschaft kommst, wenn du schon mal so dicht dran bist. Das würde ich ihm schon ganz gerne sagen wollen.

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Wie sehr hat Sie der Rücktritt von Bundestrainer Joachim Löw überrascht?

Gosens: Sehr. Wir sind als Nationalmannschaft zuletzt zwar nicht sonderlich gut weggekommen. Trotzdem hat er Großes für dieses Team bewirkt. Beim WM-Titel stand ich als Fan auf der Fanmeile, und er war der Trainer, der mich zum Nationalspieler gemacht hat. Er hat mir den größten Traum, den es überhaupt gibt, erfüllt. Deswegen bin ich ihm ewig dankbar. Und wenn dieser Mensch dann aufhört, dann schockt einen das erst mal. Er ist ein sehr empathischer Mensch und weiß, wie er jeden Spieler behandeln muss.

Bergamo war wie nur wenige andere Städte vom Ausbruch der Corona-Pandemie betroffen. Wie haben Sie diese schwere Zeit erlebt und verarbeitet?

Gosens: Das war eine Zeit, die mich bis zum Ende meines Lebens prägen wird. Und die mir immer wieder vor Augen halten wird, wie gut es mir geht. Wenn ich heute am Meckern bin, dann kommen mir automatisch wieder diese Bilder in den Kopf, was damals in Bergamo gewesen ist. Und dann denke ich mir: Hey, Robin! Über was regst du dich denn gerade auf? Das, was ich damals gesehen habe, das waren wirkliche Probleme. Das vergisst du nie wieder.

Welche Gefühle steigen dann in Ihnen hoch, wenn Sie Bilder von Corona-Leugnern sehen, die in einer Polonaise und ohne Masken auf dem Münchner Marienplatz tanzen?

Gosens: Das ist völlig Banane, einfach pure Dummheit. Ich werde deren Gedankengänge nie verstehen. Es sind Menschen im Stundentakt gestorben und diese Leute versuchen, das Virus kleinzureden. Denen ist nicht mehr zu helfen. Ich habe vielleicht nochmal einen anderen Blick darauf, weil ich in diesem Hotspot war und diese schlimmen Bilder im Kopf habe: die Sirenen, die tagtäglich bei uns zu hören waren, all das Leid der Menschen.

An einem ihrer wichtigsten Mitspieler bei Atalanta, Josip Ilicic, ist die Corona-Pandemie nicht spurlos vorüber gegangen. Er infizierte sich selbst mit dem Virus, erkrankte danach an einer Depression und fiel deswegen für den Rest der Spielzeit aus. Wie haben Sie das erlebt?

Gosens: Das war für uns als Mannschaft sehr intensiv. Und da wird einem bewusst, dass Sport nicht das Wichtigste ist. Wir haben versucht ihn, so gut es ging, aufzufangen. Wir wollten ihm das Gefühl geben, dass er sich bei uns geborgen fühlen darf. Und dass es im Kreis der Mannschaft keinen Grund gibt, traurig zu sein.

Aber es hat nicht geklappt.

Gosens: Nein, leider nicht. Jeder Mensch geht mit so einer Krise anders um und jeder braucht seine Zeit, um das zu überwinden. Wir konnten ihm nur das Gefühl geben, dass wir für ihn da sind. Das alles hat uns auch nochmal deutlich gemacht, wie intensiv diese Zeit gewesen ist.

2019 ist ein Wechsel zum FC Schalke an der Ablöseforderung Bergamos gescheitert, Sie waren danach einige Wochen enttäuscht.

Gosens: Als das damals nicht geklappt hat, war ich schon niedergeschmettert. Es war nicht nur die Bundesliga, nicht nur der Verein, von dem ich immer geträumt habe. Es war auch die Nähe zur Familie. Ich habe bis jetzt nur im Ausland gespielt und habe die Chance gesehen, 40 Minuten von meinem Elternhaus entfernt wieder wohnen zu dürfen. Das Gesamtpaket hat so gestimmt, dass ich mir gesagt habe: Junge, das muss irgendwie klappen. Ich hab mich da richtig reingesteigert und auch versteift und hab dafür die Quittung bekommen. Die Enttäuschung im Nachhinein war zu groß, daran hatte ich echt zu knabbern. Man darf sich eben erst sicher sein, wenn die Tinte trocken ist.

Wie froh sind Sie angesichts der Katastrophen-Saison Schalkes im Nachhinein, dass der Wechsel nicht geklappt hat?

Gosens: Im Nachhinein kann man sagen, dass alles wieder so gekommen ist, wie es kommen musste. Anstatt wahrscheinlich in die 2. Liga abzusteigen, bin ich jetzt Nationalspieler und spiele regelmäßig Champions League.

Wäre das mit Ihnen auf Schalke anders geworden?

Gosens: Aufgrund meiner emotionalen Verbindung zu Schalke hätte ich bestimmt den einen oder anderen mitreißen können. Aber klar: Selbst Robert Lewandowski kann alleine nichts ausrichten, sondern braucht ein vernünftiges Gefüge um sich herum. Ich male mir nicht aus, dass ich alleine den Klassenerhalt geschafft hätte. Aber ich hätte auf emotionaler Ebene was bewirken können.

Klappt das noch mit Ihnen und Schalke?

Gosen: Das wird immer ein Traum von mir bleiben. Jetzt hoffe ich, dass dieser Verein diese unfassbar große Krise überlebt, bei der es gefühlt jede Woche einen neuen Tiefpunkt gibt. Sportlich würde es gerade keinen Sinn machen und ich würde jetzt nicht dorthin wechseln, weil ich damit meine Karriere killen würde. Aber wenn der FC Schalke 04 mich anrufen würde und mich holen wollte, würde ich tagelang nicht schlafen können.

Sie studieren Psychologie und beschäftigen sich viel mit dem Thema Druck im Fußball. In einer Szene beschreiben Sie, wie Ihr Trainer Gian Carlo Gasperini Sie vor versammelter Mannschaft in Bergamo anschreit. Später sagen Sie, dass Sie dieser Druck auch stärker gemacht hat. Gehören solche Szenen zum Profi-Fußball nicht auch dazu?

Gosens: Gasperini ist mein größter Förderer, von dem ich am meisten gelernt habe. Sein Coaching hat mich zu dem Spieler gemacht, der ich heute bin. Ich bin dadurch sehr stark geworden und manche brauchen diese Ansprache vielleicht auch. Andere zerbrechen vielleicht daran. Bei Gasperini gibt es nur diesen Weg: Entweder du hältst das durch oder zerbrichst daran. Das ist sein Weg als Trainer, seine Entscheidung. Und damit hat er viele Spieler richtig groß gemacht.