Fußball - Über 800 Spielerinnen und Spieler unterstützen mit Aktion die Vielfalt der sexuellen Orientierung / Lahm warnt vor Coming-out Fußballer zeigen klare Kante gegen Homophobie

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dpa
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Sie geben der Kampagne ein Gesicht (oben v. l.): Almuth Schult, Dedryck Boyata und Niklas Stark, Sebastian Ohlsson und Oke Göttlich. Untere Reihe (v. l.): Sven Michel, Christopher Trimmel, Max Kruse und Christian Gentner. © Jonas Holthaus, Patrick Runte, Jan-Philipp Burmann und Dominik Asbach

Berlin. Mit einem aufsehenerregenden Appell haben mehr als 800 deutsche Fußballer und Fußballerinnen homosexuellen Spielern ihre Unterstützung zugesichert. Während der ehemalige DFB-Kapitän Philipp Lahm vor einem Coming-out während der aktiven Karriere warnt, wird in der emotional verfassten Erklärung dazu ermuntert. „Wir werden euch unterstützen und ermutigen und, falls notwendig, auch gegen Anfeindungen verteidigen. Denn ihr tut das Richtige, und wir sind auf eurer Seite“, heißt es in dem Solidaritätsschreiben, welches das Magazin „11 Freunde“ in seiner jüngsten Ausgabe veröffentlicht.

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„Auch im Jahr 2021 gibt es keinen einzigen offen homosexuellen Fußballer in den deutschen Profiligen der Männer“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. „Die Angst, nach einem Coming-out angefeindet und ausgegrenzt zu werden und die Karriere als Profifußballer zu gefährden, ist offenbar immer noch so groß, dass schwule Fußballer glauben, ihre Sexualität verstecken zu müssen.“ Zu den Unterzeichnern des Appells „Ihr könnt auf uns zählen!“ gehören unter anderen prominente Profis wie Max Kruse (1. FC Union Berlin), Niklas Stark (Hertha BSC), Jonas Hector (1. FC Köln), Bakery Jatta (Hamburger SV), die Nationalspielerinnen Almuth Schult und Alexandra Popp (VfL Wolfsburg) sowie ganze Mannschaften von Proficlubs. So unterzeichnen beispielsweise auch Lars Stindl, Matthias Ginter, Breel Embolo, Yann Sommer, Tony Jantschke und Trainer Marco Rose für Borussia Mönchengladbach sowie Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke für Borussia Dortmund und alle 850 Mitarbeiter.

„Vor Idioten schützen“

Niemand solle zu einem Coming-out gedrängt werden, betonen die Unterzeichner. „Das ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen. Aber wir wollen, dass sich jeder, der sich dafür entscheidet, unserer vollen Unterstützung und Solidarität sicher sein kann.“ Starke Worte fand Unions neuer Publikumsliebling Kruse. „Wenn sich einer meiner Kollegen outen würde, würde ich ihn vor den Idioten draußen schützen“, sagte der 32 Jahre alte Angreifer.

FC-Kapitän Hector verwies auf die Charta des Kölner Bundesligisten, in der es heißt: „Herzlich willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands – egal, woher du kommst, was du glaubst, was du hast oder bist, wie du lebst und wen du liebst.“

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Hoffenheims Christoph Baumgartner fand ebenfalls deutliche Worte: „In meiner Generation wird Homosexualität offen thematisiert, so dass die sexuelle Neigung zumindest in meinem Umfeld mittlerweile kaum noch ein Diskussionsthema ist. Wir sind da komplett tolerant. Dennoch müssen wir realistisch sein: Homophobie existiert in Teilen der Gesellschaft genauso wie Rassismus und religiöse Vorurteile.“ Der 21-Jährige machte klar: „Prominente haben sich geoutet, und es sollte schnellstens auch dem Letzten bewusst werden: Schwarz, weiß, homo, hetero – scheißegal!“

Lahm hingegen ist skeptisch, ob die Zeit dafür reif ist. Es möge Städte und Vereine geben, wo solch ein Coming-out eher möglich sei als anderswo, schreibt der Ex-Weltmeister in seinem Buch „Das Spiel: Die Welt des Fußballs“, aus dem die „Bild“-Zeitung vorab zitiert. Lahm nannte Berlin, Freiburg und den FC St. Pauli.

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„Aber gegenwärtig schienen mir die Chancen gering, so einen Versuch in der Bundesliga mit Erfolg zu wagen und nur halbwegs unbeschadet davonzukommen“, schreibt der frühere Profi des FC Bayern München. Lahm empfiehlt, sich vor einem geplanten Coming-out mit engsten Vertrauten zu beraten, rät jedoch davon ab, sich über das Thema mit Mitspielern zu unterhalten. Grund für Lahms Ratschlag ist die nach seiner Meinung fehlende Akzeptanz sowohl im Fußball als auch im Umfeld.

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Im Kampf gegen Homophobie in den Stadien haben sich in den vergangenen Jahren allerdings die Ultra-Gruppierungen der Fanszene sehr engagiert. dpa