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„Fußball wurde mir lange nicht erlaubt“

Sigfried Held musste als Kind kämpfen, um seinem Hobby im Verein nachgehen zu dürfen. Später wurde er Europapokalsieger und Vize-Weltmeister. Am Sonntag feiert Held seinen 80. Geburtstag

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Weil er keine „Plaudertasche“ war, galt Sigfried Held als „großer Schweiger“. Vor seinem 80. Geburtstag am Sonntag (7. August) spricht der Vizeweltmeister von 1966 im exklusiven Interview mit der Redaktions-Kooperation G14plus, der auch diese Zeitung angehört, aber ausführlich: über die Zeit als Fußballprofi und Trainer; die Verbindung zu Borussia Dortmund, wo der Blondschopf mit den buschigen Augenbrauen mit Sturmpartner Lothar Emmerich ein Duo bildete, das Englands Presse nach dem Europapokalsieg 1966 „terrible twins“ („schreckliche Zwillinge“) nannte.

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Herr Held, zum Einstieg Fragen zu Ihrem Vornamen: Sigfried, vorne ohne „e“ - richtig? „Sigi“ oder „Siggi“?

Mit Borussia Dortmund fühlt sich Sigfried Held eng verbunden. 1966 gewann er mit den Westfalen den Europapokal. © Bild imago

Sigfried Held: Ohne „e“ ist richtig. Steht so in meiner Geburtsurkunde. „Sigi“ oder „Siggi“ habe ich selbst nie benutzt.

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Ihre Karriere ist vor allem mit drei legendären Spielen verbunden: in Glasgow, Wembley und Mexiko. Wie erinnern Sie sich an Teil eins, den Europapokalsieg 1966 mit Borussia Dortmund gegen Favorit FC Liverpool?

Held: Für uns war das keine Überraschung. Man selbst geht doch mit ausreichend Selbstbewusstsein in ein solches Spiel, mit der festen Überzeugung, es zu gewinnen.

Teil zwei: Wie viele Male mussten Sie die Geschichte vom Wembley-Tor 1966 erzählen?

Held: Natürlich sehr oft, bis heute werde ich auf diese seltsame Geschichte angesprochen. Hätte es damals schon den Video-Assistenten gegeben, müssten wir 56 Jahre später nicht mehr darüber diskutieren.

Teil drei: Wie die WM 1966 war auch die Endrunde 1970 in Mexiko für Deutschland großartig.

Held: Schöne Niederlagen gibt es aber nicht! Das Halbfinale gegen Italien wird heute noch als „Jahrhundertspiel“ bezeichnet, doch die Anzahl der Tore beim 3:4 nach Verlängerung hatte auch mit vielen Fehlern auf beiden Seiten zu tun – leider mit dem schlechteren Ende für uns.

Wie verfolgen Sie Fußball heute?

Held: Bei fast jedem Heimspiel von Borussia Dortmund bin ich im Stadion. Leider treffen dabei immer weniger ehemalige Mitspieler zusammen, regelmäßig sehe ich nur noch Wolfgang Paul, unseren früheren Kapitän. Viele sind gesundheitlich schlecht zurecht, andere nicht mehr auf dieser Welt. Der Zahn der Zeit nagt an uns allen. Selbst habe ich mich einer Operation an den Stimmbändern unterziehen müssen.

Wann haben Sie zum letzten Mal auf dem Fußballplatz gestanden?

Held: Das ist 20 Jahre her. Die Bälle meiner Sportarten wurden immer kleiner. Erst Fußball, dann Tennis, das ich auch nicht mehr spiele, weil man dabei mitunter schneller läuft, als ab einem gewissen Alter ratsam ist. Jetzt spiele ich nur noch Golf. Im Moment funktioniert jedoch eine Hand nicht so, wie sie sollte: Arthrose, ein Knorpelschaden, das Gelenk ist entzündet. Aber ich hoffe, dass die Zeit auch diese Wunde heilt.

Das Spiel mit dem großen Ball haben Sie im Verein erst spät begonnen. Warum?

Held: Weil meine Eltern mir das lange nicht erlaubten. Da hieß es: In der Schule lernen! Beim Fußball gehen nur die Schuhe kaputt! Fußball war aber unsere einzige Freizeitbeschäftigung, so oft wie möglich ging es auf die Wiesen. Im Verein Fußball zu spielen, wurde mir erst mit 15 Jahren erlaubt – nach langem Kampf.

Als Heimatvertriebene aus dem Sudentenland wurden Sie mit Ihrer Familie in Marktheidenfeld in Unterfranken ansässig. Wie bewusst ist Ihnen diese Zeit?

Held: Selbst war ich erst drei Jahre alt, habe keine Erinnerung an die Heimat meiner Familie, die sie damals verlor. Wie meine Eltern erzählten, hieß es: Packen – und ab! Man musste weg, ob man wollte oder nicht. Für mich war das aber immer weit weg. Selbst bin ich auch nie dorthin zurückgekehrt.

In Marktheidenfeld begann Ihre Karriere.

Held: Erst Jugend, dann erste Mannschaft, dann in die zweitklassige Regionalliga Süd zu Kickers Offenbach. Allerdings wurde ich von der Bundeswehr nicht fürs Training freigestellt. Der Bataillonskommandeur, den ich darum bat, sagte: Dann kommst als Nächster einer vom Taubenzüchterverein und will frei haben.

Regelmäßiges Üben war nicht möglich?

Held: Offenbachs Trainer Hans Merkle kam einmal pro Woche in die Kaserne nach Hammelburg (Unterfranken, Anm. der Red.), wo ich stationiert war. In meiner Mittagspause gab er mir Einzeltraining. Später wurde ich auf Betreiben der Kickers nach Darmstadt versetzt, bekam dreimal die Woche fürs Training in Offenbach frei.

So war der Weg geebnet, nicht Steuerberater zu werden, wie vorgesehen, sondern Fußballprofi.

Held: Das hat mir tatsächlich mehr Spaß gemacht.

Auf die Spielerkarriere folgte die Trainerlaufbahn – früh geplant?

Held: Die Trainerausbildung absolvierte ich noch während meiner Spielerzeit. Diese Möglichkeit hatte ich mir als Voraussetzung für meine Vertragsverlängerung in Dortmund vom Verein zusichern lassen. Es gab eine Sonderausbildung, unter anderem mit Otto Rehhagel. Für verdiente Spieler war der Lehrgang bei Hennes Weisweiler in der Sportschule Hennef zeitlich kürzer als üblich.

Die erste Trainerstation auf Schalke war für einen Ex-BVB-Spieler auch damals etwas Besonderes?

Held: Ich war schon eine Zeit lang kein BVB-Spieler mehr, sondern bei Bayer Uerdingen, das 1981 zusammen mit Schalke abstieg. Rudi Assauer, mein früherer Mitspieler in Dortmund und Schalke-Manager, bot mir den Trainerposten an. Mit 39 Jahren kam ich doch ins Grübeln, obwohl es interessant gewesen wäre auszureizen, wie lange man als Profi aktiv sein kann. Ein so schlechter Einstieg als Trainer war Schalke nicht, wir schafften sofort den Wiederaufstieg in die Bundesliga. In der Bundesliga war ich auch mit Dynamo Dresden erfolgreich.

Es folgten die Stationen Island, Türkei, Japan, Malta, Thailand: Wo war es am schönsten?

Held: Reizvoll war es überall. Aber nicht alle Erinnerungen sind schön. In Japan gab es 1995 während meines Aufenthalts das fürchterliche Erdbeben von Kobe. Mit der Nationalmannschaft von Island haben wir in der EM- und WM-Qualifikation auch sehr guten Fußballnationen das Leben teils schwergemacht: Frankreich, der damaligen Sowjetunion, Norwegen, Österreich und der Türkei, leider mit Ausrutschern gegen die frühere DDR.

Sigfried Held

Sigfried Held wurde am 7. August 1942 in Freudenthal in den Sudeten (heute Tschechien) geboren und kam – heimatvertrieben – als Kind mit seiner Familie nach Marktheidenfeld (Unterfranken).

Karriere als Spieler: Kickers Offenbach (1963-1965), Borussia Dortmund (1965-1971), Kickers Offenbach (1971-1977), Preußen Münster (1979), Bayer Uerdingen (1979-1981).

Mit der Nationalelf, für die er in 41 Länderspielen fünf Tore erzielte, wurde Held 1966 Vizeweltmeister.

Als Bundesliga-Trainer arbeitete er beim FC Schalke 04 und Dynamo Dresden, in der 2. Bundesliga beim BV Lüttringhausen und VfB Leipzig. Zudem coachte er Galatasaray Istanbul, FC Admira/Wacker in Österreich, Gamba Osaka in Japan sowie die Nationalteams von Island, Malta und Thailand.

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