Fußball - Nach dem Pokal-Drama beim BVB steht Paderborns Trainer Baumgart mit seinem emotionalen Ausbruch im Mittelpunkt Der sanfte Wüterich

Von 
Frank Beineke
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Paderborn. Wer am Dienstagabend in der ARD das DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen Borussia Dortmund und dem SC Paderborn eingeschaltet hatte und SCP-Trainer Steffen Baumgart noch nicht kannte, der kennt ihn spätestens jetzt. Denn dieser Abend zeigte vortrefflich, wie Baumgart tickt. Im T-Shirt bekleidet, tigerte der 49-Jährige im Dortmunder Regen seine Coaching-Zone rauf und runter, motivierte, trieb an, fluchte und tat das, was auch seine Spieler taten. Er holte alles aus sich heraus, um sich am Ende über eine bittere 2:3-Niederlage nach Verlängerung und eine umstrittene Schiedsrichter-Entscheidung ärgern zu müssen. Der Berliner Tagesspiegel verglich die Laute, die Baumgart in Action von sich gibt, kürzlich mit dem „Heulen eines verwundeten Esels“.

In Rage: SCP-Coach Steffen Baumgart übte heftige Schiedsrichter-Kritik. © dpa
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Sei es das Tragen eines T-Shirts bei winterlichen Temperaturen oder die Impulsivität an der Linie. Bei Baumgart ist nichts Show. Denn das Wort, das den gebürtigen Rostocker am besten beschreibt, lautet: Authentizität. Baumgart ist einfach so, weil er die Leidenschaft für den Fußball lebt. Dabei können auch schon mal unschöne Worte fallen. Doch der ehemalige Bundesliga-Stürmer ist kein Wüterich. Im Gegenteil, Baumgart begegnet den Gegnern und meist auch den Schiedsrichtern mit großem Respekt. Nach dem Spiel ist er der Erste, der Kontrahenten tröstet oder ihnen zum Sieg gratuliert.

Auszüge aus Baumgarts Wut-Interview

„Mir zu erklären, er hat eine Wahrnehmung gehabt, wo ich sage, wir haben doch die Bilder, wir haben das, was ich gerade sehe. Das kann er sich 20 Mal angucken. Und so ein Spiel so abzugeben. Daraus eine Berührung des Balles zu machen, finde ich frech. Muss ich ehrlich sagen. Finde ich eine Frechheit.“

„Da machen wir uns langsam lächerlich. Das ärgert mich, weil da machen wir uns zum Affen. Jetzt muss ich aufpassen, dass die Worte nicht zu doll werden, bevor mir wieder irgendeiner erzählt, wir müssen sauber und respektvoll miteinander umgehen.“

„Das geht hier für uns um zwei Millionen! Und dann kommt mir so einer so entgegen? Das finde ich arrogant. Ich bin gespannt, ob ich einen Brief vom DFB kriege, weil ich mich etwas zu dolle aufgeregt habe. Egal, weiter geht’s.“

Kein Diplomat

Aber Paderborns Coach ist halt kein Diplomat. Baumgart trägt vielmehr das Herz auf der Zunge. Und er wird laut, wenn er sich und vor allem seine Mannschaft ungerecht behandelt fühlt. Das ARD-Interview, das er am Dienstag nach der Pokal-Niederlage beim BVB gab, ist dafür das beste Beispiel. Baumgart war stinksauer über das Verhalten von Schiedsrichter Tobias Stieler, der in der 95. Minute den 3:2-Siegtreffer von Erling Haaland anerkannte, ohne sich die Szene noch einmal auf dem TV-Monitor anzuschauen. SCP-Akteur Svante Ingelsson hatte beim Pass auf Haaland laut Stieler den Ball berührt und somit die Abseitsstellung des BVB-Stürmers aufgehoben. Doch das war auf den TV-Bildern nicht wirklich zu erkennen. Und der Schiedsrichter vertraute seiner Wahrnehmung. „Svante hat den Ball nicht berührt“, betont Baumgart und fügt an: „Dass sich Herr Stieler die Szene dann nicht auf dem Monitor anschaut, finde ich schwierig. Er hat uns den Abend versaut.“

„Ich kann unserem Trainer nur beipflichten, dass sich der Schiedsrichter hier ein zumindest sportpolitisches Fehlverhalten vorwerfen lassen muss. Aus meiner Sicht hat der Spielleiter alles zu tun und nichts zu unterlassen, um seine Entscheidung in Bezug auf eine unklare Szene bestmöglich zu legitimieren“, sagt SCP-Sportchef Fabian Wohlgemuth und weist auf die Tragweite der Entscheidung hin: „Für uns geht es nicht nur um die Dimension dieses Spiels. Für uns geht es um sportliche und wirtschaftliche Konsequenzen, die bis weit in die kommende Saison reichen.“ Und Baumgart betonte im ARD-Interview mit Blick auf Stielers Verhalten und die Folgen: „Ich bin keine Aktiengesellschaft, wir kämpfen um jede müde Mark. Und dann kommt mir so einer so entgegen? Das finde ich arrogant.“ Immerhin: Der DFB leitet wegen der Wutrede kein Ermittlungsverfahren gegen Baumgart ein. Dem SCP-Trainer wurde aber schriftlich nahe gelegt, sich „künftig in seiner Wortwahl zu mäßigen und an seine Vorbildfunktion als Trainer zu denken“. Doch Baumgart wird sich den Mund wohl kaum verbieten lassen. „Für mich sind Vorbilder die, die klar ihre Meinung zum Ausdruck bringen, ohne dabei andere zu beleidigen oder zu diskriminieren“, sagt er. Fakt ist: In Zeiten, in denen im Profi-Fußball weichgespülte Statements von Trainern und Spielern vorherrschen, kommt Baumgart erfrischend offen und ehrlich daher. Authentisch eben. Baumgart lässt sich nicht verbiegen und nimmt auch Konsequenzen in Kauf. Beim Berliner AK wurde er einst trotz des sportlichen Erfolges entlassen, weil er sich mit dem Vereinspräsidenten zoffte. Und auch bei den SCP-Verantwortlichen schnellt schon mal der Blutdruck in die Höhe, wenn Baumgart Tacheles redet. Beispielsweise, als er in dieser Saison nach einem Testspiel seinen Unmut über die gescheitere Verpflichtung von Mittelfeldspieler Manuel Schmiedebach äußerte.

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Authentisch ist auch der Fußball, den er spielen lässt. Immer Vollgas. Immer mutig nach vorne. Baumgarts Kritiker und die Liebhaber von Rasen-Schach mögen das naiv finden. Doch nur mit diesem Glauben an die eigene Spielidee konnte der SCP den BVB überhaupt an den Rand einer Niederlage drängen.