Fußball - Fans machen Torwart Alexander Nübel zum Sündenbock des Schalker Niedergangs – und prompt unterläuft dem 23-Jährigen ein fatales Eigentor Beschimpft und ausgepfiffen

Von 
Ulli Brünger
Lesedauer: 
Schalkes Jean-Clair Todibo tröstet Alexander Nübel, nachdem ihm ein Ball zum 0:3 durch die Beine gerutscht war. © dpa

Köln. Mit Tränen in den Augen traute sich Alexander Nübel kaum vor die Fan-Tribüne. Beschimpft, ausgepfiffen und verstört schlich Schalkes Torhüter nach der bitteren 0:3-Pleite beim 1. FC Köln wie ein Häufchen Elend vom Rasen und verschwand in den Katakomben. Sichtlich besorgt ging Sportvorstand Jochen Schneider anschließend mit den zuletzt sehr geduldigen Fans hart ins Gericht. „Alexander macht den Fehler ja nicht mit Absicht. Was mir überhaupt nicht gefallen hat, wie der Junge mit Häme übergossen wurde – vom ganzen Stadion. Ich habe mich noch mit einem Zuschauer angelegt: Vor zehn Jahren war das Thema Robert Enke so groß. Und wir übergießen einen 23-jährigen Jungen, der einen Fehler macht, mit dieser Art von Häme.“

AdUnit urban-intext1

Nübel, der im Sommer zum FC Bayern München wechselt, hatte vor einer Woche bei der 0:5-Heimniederlage gegen Leipzig mehrfach gepatzt, nun unterlief dem nervlich arg angeschlagenen Schalke-Keeper in der 75. Minute bei einem eher harmlosen Schuss des Kölners Florian Kainz ein kurioses Eigentor. Nübel schien den Ball bereits in den Händen zu haben, schubste ihn dann aber selbst durch die eigenen Beine zum 0:3 über die Torlinie.

Auch wenn die verdiente Niederlage beim Aufsteiger nach Toren von Sebastiaan Bornauw (9.) und Jhon Cordoba (39.) zu diesem Zeitpunkt im Prinzip besiegelt war, pickten sich die Fans Nübel als Sündenbock und Symbol für den Schalker Niedergang in der Bundesliga nach der Winterpause heraus. Teamkollege Bastian Oczipka geht das zu weit. „Dass dem einen oder anderen Spieler während der 90 Minuten ein Fehler unterläuft, gehört im Fußball dazu. Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen. Und wir machen uns gegenseitig keine Vorwürfe“, sagte Oczipka und riet dem Torwart-Talent: „Alex muss sich ein dickeres Fell anschaffen.“

Weil Nübel sich frühzeitig für einen Wechsel im Sommer zum Rivalen FC Bayern entschieden hat, ist er mitten in der Krise des Revierclubs zur Hauptzielscheibe der Fan-Wut geworden. Sechs Spiele ohne Sieg bei einem alarmierenden Torverhältnis von 1:14, kaum eigene Chancen und viele verletzte Leistungsträger haben dem Europapokalanwärter nach der guten Hinrunde arg zugesetzt. Das gebeutelte Team und Trainer David Wagner tun sich extrem schwer, die Wende einzuleiten oder wenigstens das Schlimmste zu verhindern.

AdUnit urban-intext2

Dass dies am Dienstag im Pokal-Viertelfinale gegen Bayern München gelingt, hält selbst Wagner für unwahrscheinlich. Mit 0:5 ging man in der Bundesliga vor Wochen bereits bei den Bayern unter – es war der Anfang der miserablen Serie, die sich fortzusetzen droht. Zumal kein Ende des Verletzungspechs in Sicht ist.

Verletzungspech dauert an

Suat Serdar brach sich im Training einen Zeh an, Defensiv-Stabilisator Omar Mascarell zog sich im selben Training am Freitag eine schwere Adduktorenverletzung zu. „Es sieht so aus, dass er diese Saison nicht mehr spielen kann“, sagte Schneider. Zu allem Überfluss musste Innenverteidiger Ozan Kabak in Köln nach einer halben Stunde vom Feld. Auch er fehlt wohl länger.

AdUnit urban-intext3

Trainer Wagner muss nun abwägen, ob ein Einsatz Nübels gegen seinen künftigen Arbeitgeber Sinn macht. Oder ob es besser ist, ihn vor weiteren Fehlern zu bewahren und dem Fan-Unmut zu schützen. Eine extrem schwierige Entscheidung. „Natürlich macht die Situation was mit ihm, das hat man gespürt. Letzte Woche und heute auch“, stellte Schneider in Sachen Nübel fest. „Wir müssen sehen, wie er in den nächsten Tagen drauf ist. Dann ist es eine Entscheidung, die das Trainerteam treffen muss. Ich hoffe, dass er wieder spielen wird und gut spielen wird. Weil Davonrennen noch nie was gebracht hat.“ dpa