Fußball - Zwei Vorstände abberufen, Rückendeckung für Hitzlsperger Am Anfang der Aufräumarbeiten

Von 
Andreas Öhlschläger
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Stuttgart. Nein, damit hatten sie nicht gerechnet, nie und nimmer, dass es am Samstag noch ein derartiges Beben an der Spitze ihres VfB geben würde. Als die Handvoll Stuttgarter Fans 20 Minuten vor dem Anpfiff des Bundesligaspiels gegen Hertha BSC ein Großplakat am Zaun gegenüber dem Stadioneingang anbrachte, war die Hoffnung auf personelle Konsequenzen in der tiefgreifenden Führungskrise des Stuttgarter Bundesligisten gering. „Aber man kann nicht daheim auf dem Sofa sitzen und nichts tun“, sagte einer der Aktivisten. Und so stand da ganz groß: „Tricksen, tarnen, täuschen: Der Wertekanon von Hitz, Porth, Jenner, Gaiser, Mutschler & Co.“

Auf Plakaten verdeutlichten die VfB-Fans vor dem Stadion erneut ihre Interessen. © dpa

Vogt einziger Kandidat

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Gemeint waren: Thomas Hitzlsperger, der Vorstandsvorsitzende der VfB-AG, Wilfried Porth und Hartmut Jenner aus dem Aufsichtsrat, Bernd Gaiser und Rainer Mutschler aus dem Vereinspräsidium. Doch eine Stunde nach dem 1:1 (1:0) gegen die Hertha waren es Stefan Heim und Jochen Röttgermann, die ihre Führungsjobs verloren. In einer außerordentlichen Sitzung habe man den „einstimmigen Beschluss gefasst, den Vorstand für Marketing und Vertrieb sowie den Vorstand für Finanzen, Verwaltung und Operations mit sofortiger Wirkung aus dem Vorstand abzuberufen“, teilte der Aufsichtsrat der AG mit.

Marketingchef Röttgermann und Finanzboss Heim, die bislang zusammen mit Hitzlsperger den Vorstand gebildet hatten, werden nicht die einzigen VfB-Spitzenkräfte sein, die vom Hof gejagt werden. In der Mitteilung des von Vereinspräsident Claus Vogt geführten Aufsichtsrates hieß es: „Der Vorstandsvorsitzende der VfB Stuttgart 1893 AG wird weitere Personalentscheidungen schnellstmöglich unter Berücksichtigung der besonderen arbeitsrechtlichen Bedingungen für Mitarbeiter herbeiführen.“ Dem Vorstandschef Hitzlsperger sprach das VfB-Aufsichtsgremium sein „uneingeschränktes Vertrauen aus und bestätigt ihm ein rechtskonformes Vorgehen bei der Aufklärung der Datenschutzaffäre“.

Am Sonntagabend wurde bekannt, dass Vogt überraschend als einziger Kandidat für die Präsidentschaftswahlen zugelassen wird. Diese Entscheidung teilte der Vereinsbeirat mit. Eigentlich hätten zwei Kandidaten für das Präsidentenamt für die Wahl nominiert werden sollen, die am 28. März als Online-Veranstaltung stattfinden soll. „Aus dem Kreis der infrage kommenden mehrheitsfähigen Persönlichkeiten gab es jedoch keine Bereitschaft, gegen den Amtsinhaber zu kandidieren“, teilte der Vereinsbeirat mit.

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Datenaffäre und die Aufarbeitung der Vorgänge belasten den VfB seit Monaten und sind ein zentrales Themen des Machtkampfs, der von Hitzlsperger losgetreten wurde mit einer heftigen Brief-Attacke auf Vereinspräsident Vogt. Zwischen 2016 und 2018 sollen vom VfB wiederholt Zehntausende Mitgliederdaten an Dritte weitergereicht worden sein – unter anderem, um die im Sommer 2017 von den Mitgliedern beschlossene Ausgliederung der Profiabteilung voranzutreiben. Mit der Aufklärung der Affäre wurde die Kanzlei Esecon beauftragt. Deren Abschlussbericht liegt nun vor. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ zitierte aus dem internen Papier. Etliche Führungskräfte des VfB sind im Zusammenhang mit der Datenaffäre schwer belastet worden.

Laut „Spiegel“ bemängelte Esecon in dem eigentlich streng vertraulichen Aufklärungsbericht, dass die VfB-Präsidiumsmitglieder Bernd Gaiser und Rainer Mutschler „zahlreiche Versuche“ unternommen hätten, Esecons Untersuchung zu beschneiden. Sie hätten damit „erhebliche Verzögerungen des Untersuchungsablaufs“ verursacht.

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Die zwei leitenden Angestellten Oliver Schraft (Kommunikation) und Uwe Fischer (Marketing) verschickten demnach die Daten an den Betreiber einer Facebook-Seite, der „Guerilla-Marketing“ für die Ausgliederung betreiben sollte. Die jetzt abberufenen VfB-Vorstände Heim und Röttgermann sowie das Präsidiumsmitglied Mutschler sollen eingeweiht gewesen sein.

Weitere Konsequenzen

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Der Esecon-Bericht legt nahe, dass der externe Meinungsmanipulator, an den die Mitgliederdaten versendet wurden, aus einem von Mutschler verantworteten Budgettopf bezahlt wurde. Mutschler leitete damals eine vereinsinterne Projektgruppe, die den Ausgliederungsprozess der Profifußballer vorbereiten sollte.

Höchst speziell ist in diesem Zusammenhang ein Vorgang, den VfB-Präsident Vogt schon am Freitagabend publik gemacht hatte. Als es nämlich zuletzt im Vereinspräsidium darum ging, einen Beschluss über den Esecon-Bericht zu fassen, wurde Vogt von den Kollegen Bernd Gaiser und Rainer Mutschler überstimmt. Es sei „mein Anliegen“ gewesen, „den Abschlussbericht von Esecon zu veröffentlichen und allen Mitgliedern zeitnah zur Einsicht zur Verfügung zu stellen“, schrieb Vogt. Mutschlers Anliegen war ein anderes.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Mutschler beim VfB keine Zukunft mehr hat. Er ist nicht nur Präsidiumsmitglied im Verein, sondern auch als einer der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums bei der AG angestellt. Entlassen müsste ihn der Vorstand. Hitzlsperger hat am Sky-Mikrofon Konsequenzen angekündigt, ohne Namen zu nennen. „Wir können so nicht weitermachen.“

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